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Die Therapie selbst in die Hand nehmen

06.10.2003  00:00 Uhr
Tinnitus

Die Therapie selbst in die Hand nehmen

von Bettina Neuse-Schwarz, Bad Arolsen

„Tinnitus ist in der Regel harmlos.“ Dies sollte nach Überzeugung der Präsidentin der Deutschen Tinnitus-Liga, Elke Knör, ein Leitsatz für die rund drei Millionen unter Ohrgeräuschen leidenden Patienten in Deutschland sein. Die meisten Betroffenen wüssten zu wenig über ihre Erkrankung. Resultat seien Ängste und letztlich Isolation, warnt sie.

Die Tinnitus-Liga als größte deutsche Selbsthilfeorganisation für Tinnitus-Patienten habe zum Ziel, den Betroffenen klar zu machen, „dass sie nicht alleine sind“, betonte Knör anlässlich des 8. Bad Arolser Symposiums der Tinnitus-Klinik in der nordhessischen Residenzstadt. Die Tagung am 12. und 13. September wurde erstmals gemeinsam von der Bad Arolser Fachklinik und der Deutschen Tinnitus-Liga veranstaltet. Zu den fast 500 Teilnehmern gehörten Fachleute, Betroffene, ehemalige Patienten der Klinik wie auch Angehörige von Tinnitus-Patienten.

Aus der Sicht des Facharztes stellt sich die Situation der Betroffenen ebenfalls unbefriedigend dar. Dr. Gerhard Hesse, Chefarzt der Tinnitus-Klinik, beklagte die häufig immer noch unzureichende Diagnostik auf dem Gebiet der Ohrerkrankungen sowie den „Therapiedschungel“ mit oft unwirksamen Maßnahmen. Da Behandlungserfolge bei Tinnitus meist nicht schnell eintreten, würden die Patienten oft alleine gelassen. „Damit müssen Sie leben“, sei leider immer noch ein häufiger Kommentar von manchen Ärzten.

Eigenverantwortung stärken

Zur medikamentösen Behandlung des Tinnitus kommen heute je nach Krankheitsbild unter anderem durchblutungsfördernde Medikamente zum Einsatz oder blutverdünnende Präparate zur Flüssigkeitserhöhung im Innenohr. Relativ neu sei die Gabe von Cortison als abschwellende Maßnahme. Eine Druckkammertherapie mit hyperbarem Sauerstoff wird laut Hesse heute kaum noch angewandt. Wenn überhaupt, sei sie nur im Akutstadium angezeigt, also in den ersten ein bis drei Monaten.

Therapieverfahren wie Akupunktur seien bei Tinnitus nicht zu empfehlen, waren sich die anwesenden Referenten einig. Abgesehen davon, dass ein Nutzen bei Ohrgeräuschen nicht belegt sei, werde der Patient durch eine solche Behandlung in seiner passiven Rolle bestätigt. Und genau das ist nicht das Ziel einer Tinnitus-Therapie.

Von Ohrgeräuschen sind in Deutschland etwa drei Millionen Menschen betroffen. Etwa die Hälfte von ihnen leidet so stark, etwa in Form von Depressionen, Konzentrations- oder Schlafstörungen, dass sie ohne ärztliche Betreuung nicht zurechtkommt. Grundlage für die richtige Therapie ist zunächst die richtige Diagnose, betonte Hesse und plädierte für eine stärkere Einbeziehung der Haus- und Allgemeinärzte. Denn bei der Früherkennung komme dem Hausarzt eine Schlüsselposition zu. Nach seiner Überzeugung ist Tinnitus jedoch eine Domäne der Teamarbeit. Die integrative Behandlung habe sich aber leider noch nicht ausreichend durchgesetzt.

 

Tinnere heißt klingeln Die Deutsche Tinnitus-Liga definiert Tinnitus (tinnere, lateinisch = klingeln) als alle Arten von Ohrgeräuschen, die sich nicht durch von außen auftreffende Schallereignisse erklären lassen.

 

Grundlage meist Hörstörung

Mehr als 90 Prozent der Tinnitus-Patienten bemerken laut Hesse zunächst eine Hörminderung. Ein Arzt werde häufig erst dann hinzugezogen, wenn zusätzlich Ohrgeräusche auftreten, die meist im Innenohr entstehen. In diesem kirschkerngroßen Areal befinden sich etwa 30 000 empfindliche Sinneszellen, bei deren Schädigung es zu Tinnitus kommen kann. In manchen Fällen basiere die Erkrankung aber auch auf einer Störung der zentralen Verarbeitung, so Hesse.

Voraussetzung für eine Tinnitus-Therapie ist nach seinen Worten zunächst die Behandlung der Hörstörung. Von etwa 20 Millionen Betroffenen in Deutschland brauchen etwa 14 Millionen ein Hörgerät. Maximal 15 Prozent nutzten ihr Hörgerät jedoch überhaupt, wies er auf die Defizite in diesem Bereich hin. Die richtige Anpassung und Einstellung von Hörgeräten sowie die fachkundige Anleitung zum Umgang damit sei eine wichtige Aufgabe des Hörgeräteakustikers.

Einen direkten Zusammenhang zwischen Lebensalter und Tinnitus gibt es laut Hesse nicht. Richtig sei allerdings, dass ab 60 Jahren in der Regel eine Hörminderung im Bereich der hohen Frequenzen zu beobachten sei, ab 80 komme es meist zu einem deutlichen Hörverlust in allen Frequenzbereichen. Allerdings haben bereits etwa 10 Prozent der Kinder und Jugendlichen Hörprobleme, nicht selten wegen äußerer Einwirkungen wie lauter Musik. Das durchschnittliche Behandlungsalter in seiner Klinik liegt bei circa 54 Jahren, vertreten seien aber auch 17- oder 87-Jährige. Die meisten Betroffenen leiden unter hohen Pfeiftönen, deren Frequenzen bei etwa 5600 Hz liegen.

Kein Manager-Syndrom

Die Bezeichnungen „Volkskrankheit“ oder „Manager-Syndrom“ für Tinnitus seien „Quatsch“, stellte Hesse klar. Dies zeige lediglich die Häufigkeit der Erkrankung. Deutlich wurde während des Symposiums auch, dass Stress nicht wie allgemein oft vermutet die alleinige Ursache der Erkrankung ist. Man könne Tinnitus als Stressindikator oder Warnsignal für Überforderung werten, hieß es. Möglicherweise sei Stress der „Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt“, formulierte es Privatdozent Dr. Burkard Jäger von der Medizinischen Hochschule Hannover.

Das Leiden am Tinnitus ist immer psychisch, zu Grunde liegt aber grundsätzlich auch eine organische Ursache, erklärte Dr. Helmut Schaaf, leitender Oberarzt der Tinnitus-Klinik. Längst nicht bei jedem Tinnitus-Patienten sei eine Psychotherapie notwendig. Wenn jedoch der Leidensdruck eine solche Behandlung erforderlich mache, müsse dies im Konsens zwischen Betroffenem und Therapeuten erfolgen. Es gehe um „einen bewussten und geplanten, interaktionellen Prozess zur Beeinflussung der Verhaltensstörungen und Leidenszustände“. Die Aufgabe des Psychotherapeuten umfasst dabei laut Schaaf vor allem drei Kernpunkte: Verstehen, Erklären, Begleiten.

Nach seiner Erfahrung kann man Tinnitus in zwei Kategorien einteilen:

  • Tinnitus, der nach Ereignissen wie Knalltrauma, Hörsturz et cetera auftritt;
  • Tinnitus, der vorhandene Probleme wie Stress, Beziehungsprobleme oder ähnliches zum Ausdruck bringt.

Krankheitsbewältigung ist lernbar

„Tinnitus-Bewältigung ist für jeden möglich“, war die zentrale Botschaft im Laufe der Veranstaltung. Ganz wichtig für eine Verarbeitung und Umbewertung der Krankheit sei die Aufklärung der Betroffenen, betonte Dr. Matthias Rudolph, Arzt für Psychotherapie und stellvertretender Chefarzt am St. Franziska-Stift in Bad Kreuznach. Bei rund 15 Prozent der Patienten gelinge allein dadurch eine Krankheitsbewältigung. Bei vielen Patienten komme es im Laufe der Zeit aber ohnehin zu einer Gewöhnung an die Ohrgeräusche, bei ihnen sei eine Therapie überflüssig.

Lediglich 20 bis 25 Prozent der Betroffenen leiden unter einem so genannten dekompensierten Tinnitus, bei dem es infolge der Ohrgeräusche zu Depressionen, Schlaf- oder Konzentrationsstörungen kommt und somit eine Therapie erforderlich macht, bestätigte Jäger. Allerdings könne sich der Status verändern und kein Patient gehöre jederzeit zu den kompensierten oder den dekompensierten Fällen.

Nicht auf die Geräusche konzentrieren

Als zentralen Baustein zur Tinnitus-Bewältigung stellte Rudolph Strategien zur Aufmerksamkeitsumlenkung vor. Hauptziel dabei sei es, die Ohrgeräusche möglichst selten oder gar nicht in die bewusste Wahrnehmung dringen zu lassen. Voraussetzung ist es für ihn dabei, die Patienten aus ihrer passiven Krankenrolle herauszuholen. „Wir wollen sie unterstützen, vom behandelten Patienten zum handelnden Patienten mit eigener Verantwortung zu werden.“

Es sei die eigene Entscheidung jedes Betroffenen, ob er seine Aufmerksamkeit auf den Tinnitus lenke oder nicht. „Sagen Sie bitte nicht Tinnitus hören“, forderte er. „Sagen Sie Tinnitus wahrnehmen, denn Wahrnehmung kann man beeinflussen.“ Dass es gelingen kann, ein vorhandenes Geräusch nicht bewusst zu registrieren, machte er an folgenden Beispielen deutlich: Menschen, die neben einer Eisenbahnstrecke, Autobahn oder Kirchturmglocke wohnen, fühlen sich nach einer Gewöhnungsphase durch diese Geräusche in der Regel nicht mehr gestört. Anders ist dies bei jemandem, der die Geräusche nur kurze Zeit ertragen muss.

Tinnitus-Bewältigung ist laut Rudolph ein „lebenslanger Prozess“, der viel eigene Aktivität des Patienten erfordert. Es gehe dabei in erster Linie um Hilfe zur Selbsthilfe, wobei es jedoch keine Standard-Therapie gebe. Rudolph: „Es gibt keinen Königsweg. Die Behandlung muss jeweils individuell an den einzelnen Patienten angepasst werden.“

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