Pharmazeutische Zeitung online

Den Schwund der Sehschärfe stoppen

25.09.2000
Datenschutz bei der PZ
MAKULADEGENERATION

Den Schwund der Sehschärfe stoppen

von Brigitte M. Gensthaler, München

Wenn gerade Linien plötzlich krumm oder verzerrt erscheinen, der Laternenpfahl anscheinend einen Knick hat oder mitten im Gesichtsfeld ein grauer Fleck sichtbar wird, sollten ältere Menschen sofort handeln und zum Augenarzt gehen. Diese Störungen können eine altersbezogene Makuladegeneration anzeigen, die in vielen Fällen unbehandelt zur Erblindung führt.

Tatsächlich ist eine altersbezogene Makuladegeneration (AMD) die häufigste Erblindungsursache bei Menschen über 50 Jahren. Dabei bleiben das periphere Gesichtsfeld und somit die Raumorientierung erhalten, aber die zentrale Sehschärfe verschwindet. Die Betroffenen sind blind, obwohl sie noch etwas sehen können. Sie können aber keine Schriften mehr lesen, Straßenschilder oder Gesichter erkennen und nur noch eingeschränkt fernsehen. Viele sind auf fremde Hilfe angewiesen und verlieren ihre Selbstständigkeit.

Mit zunehmendem Alter tritt die AMD häufiger auf. In der Gruppe der 65- bis 74-Jährigen ist etwa ein Fünftel betroffen, bei den über 75-Jährigen bereits mehr als ein Drittel. Zum Zeitpunkt der Diagnose haben 8 Prozent bereits Veränderungen an beiden Augen.

Gefäßwucherungen und Drusen bedrohen die Makula

Die AMD kann in ein Früh- und Spätstadium eingeteilt werden, erklärte Professor Dr. Dr. Sebastian Wolf, stellvertretender Direktor an der Universitätsaugenklinik in Leipzig, bei einer Pressekonferenz der Ciba Vision GmbH in München. Im Frühstadium bilden sich Ablagerungen (Drusen) und Pigmentveränderungen im Bereich der Makula. Die zentrale Sehschärfe ist kaum beeinträchtigt; manche Patienten sehen jetzt schon verzerrt. Dramatischer verläuft das Spätstadium, das man wiederum in zwei Formen einteilt.

  • Bei der trockenen (atrophischen) Form atrophiert das unter der Netzhaut gelegene Pigmentepithel. Die Sehschärfe schwindet langsam. Etwa 85 Prozent der AMD-Patienten leiden an dieser Variante.
  • Fulminanter entwickelt sich die feuchte (exsudative) Form der AMD. Dabei wuchern krankhaft veränderte Blutgefäße in den Spalt zwischen Aderhaut und Netzhaut (chorioidale Neovaskularisation). Blutbestandteile und Flüssigkeit sickern unter die Netzhaut. Letztlich werden die Fotorezeptoren zerstört, und es entstehen fibröse Narben. Die Patienten bemerken, dass sie stark verzerrt sehen und Farben anders wahrnehmen. Die Lesefähigkeit geht rasch verloren; in der Mitte des Gesichtsfeldes sehen sie einen dunklen Fleck.

Kacheln im Bad helfen bei der Selbstkontrolle

80 bis 90 Prozent der schweren Sehverluste entstehen durch die Gefäßneubildung, erklärte Wolf. Als Risikofaktoren sind bislang das Alter und Rauchen gesichert. Die Krankheit tritt häufiger bei Frauen auf. Ungeklärt ist der Einfluss von kardiovaskulären Erkrankungen (zum Beispiel unbehandelte Hypertonie), genetischen Faktoren, starkem Lichteinfall und Ernährungsfehlern (Vitamin- und Antioxidantienmangel).

Wie erkennt man frühzeitig die Gefahr? Wolf wusste einen guten Tipp zur Selbstkontrolle: "Schauen Sie das Kachelmuster im Bad an. Sind die Fugenlinien krumm oder verzerrt, sehen Sie graue Flecken auf den Kacheln?" Wenn ja, sofort zum Arzt gehen. Auf demselben Prinzip, einem Gitternetz, beruht der Amsler-Test, den der Arzt neben der Sehschärfenprüfung, der ophthalmologischen Untersuchung und der Fluoreszenzangiographie einsetzt.

Mit dieser Angiographie können die Gefäße am Augenhintergrund und subretinale Gefäßneubildungen dargestellt werden. Daraus ergibt sich eine weitere, therapeutisch bedeutende Unterscheidung der feuchten AMD. Wenig abgrenzbare Bezirke nennt man okkult, während gut abgrenzbare Areale auf eine so genannte klassische chorioidale Neovaskularisation hindeuten. Nur bei dieser Form ist eine fotodynamische Therapie indiziert.

Mit Farbstoff und Laser den Sehverlust stoppen

Die Therapiemöglichkeiten sind sehr begrenzt. Die Koagulation der krankhaften Gefäßwucherung mit Laserlicht ist zwar prinzipiell möglich, allerdings wird dabei immer auch gesunde Netzhaut zerstört. Fortschritte für eine spezielle Patientengruppe bietet das neue Verfahren der fotodynamischen Therapie mit Verteporfin (Visudyne®, Ciba Vision).

Das Prinzip: Der Farbstoff Verteporfin absorbiert Licht einer bestimmten Wellenlänge (692 nm), wird dadurch aktiviert und überträgt diese Energie auf molekularen Sauerstoff. Dabei entsteht hoch reaktiver, kurzlebiger Singulett-Sauerstoff (fotodynamische Reaktion vom Typ II). Die Radikale oxidieren in ihrer unmittelbaren Umgebung Proteine, Lipide und Nukleinsäuren. Es kommt zu lokalen Gefäßverschlüssen, Zellschäden und Zelltod (Fotothrombose). Möglicherweise werden bei diesem Prozess auch Antiangiogenese-Faktoren aktiviert.

Die Praxis: Der liposomal verpackte Farbstoff wird intravenös gespritzt, bindet im Blut an LDL-Lipoproteine und reichert sich in den krankhaften Blutgefäßen im Auge an. Dies geschieht selektiv, da neu gebildete Gefäße vermehrt LDL-Rezeptoren exprimieren, erklärte Professor Dr. Albert J. Augustin, Oberarzt an der Universitätsaugenklinik Mainz. Genau 15 Minuten nach Beginn der Infusion werden die Gefäßneubildungen im Auge mit nicht thermischem roten Laserlicht (Wellenlänge 689 +/- 3 nm) für 83 Sekunden bestrahlt und damit der Farbstoff aktiviert. Die Zerstörung des Wuchergewebes nimmt ihren Lauf.

Lesevermögen erhalten

Ziel ist es, so Augustin, die neu gebildeten Gefäße selektiv zu verschließen ohne umliegende Netzhaut zu schädigen. Die Behandlung soll das Fortschreiten der AMD stoppen und das Lesesehvermögen erhalten. Damit ist sie vor allem für neuerkrankte Patienten angezeigt. Allerdings muss sie mehrfach erfolgen, meist im Abstand von drei Monaten. In Studien waren innerhalb von zwei Jahren im Schnitt fünf Therapien nötig.

Was sollte der Patient beachten? In den ersten 48 Stunden nach Behandlung muss er eine Spezialschutzbrille tragen sowie starkes Sonnenlicht und helles Kunstlicht meiden. Die Behandlung selbst ist schmerzlos; es kann einige Tage dauern, bis sich ein sichtbarer Erfolg zeigt.

Und wer zahlt? Das Medikament kostet nach Angaben von Joachim Fleischer, Geschäftsführer der Ciba Vision, rund 3300 DM, die Behandlung zwischen 500 und 1500 DM. Die Erstattungsfähigkeit wird derzeit vom Bundesausschuss der Ärzte und Krankenkassen geprüft.

Der gelbe Fleck

Die funktionell bedeutendste Stelle der Netzhaut ist die in der Netzhautmitte gelegene Macula lutea, der gelbe Fleck. Nur 2 mm² groß ist diese Stelle des schärfsten Sehens. Hier bildet die Netzhaut die Stäbchen-freie Sehgrube (Fovea centralis). Auf diesem exakt in der Sehachse gelegenen optischen Mittelpunkt drängen sich etwa 6,5 Millionen Zapfen der Netzhaut auf engstem Raum zusammen. Nur hier hat die Netzhaut eine so hohe Auflösung, dass man scharf sieht. Dieser Abschnitt ist sehr empfindlich gegenüber Störeinflüssen und degenerativen Veränderungen. Werden Fotorezeptoren geschädigt, ist das Sehvermögen dauerhaft beeinträchtigt.

Hilfen für den Patienten

Selbsthilfegruppe Makuladegeneration, Breslauer Straße 26, 93073 Neutraubling. Hotline 09401/ 1666; Fax 09401/ 80285.

Pro Retina Deutschland e.V., Vaaler Straße 108, 52074 Aachen. Tel. 0241/87 00 18; Fax 0241/ 87 39 61. www.gsi.de/~schnell/drpv.html Top

© 2000 GOVI-Verlag
E-Mail: redaktion@govi.de

Mehr von Avoxa