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Epidemien in Kindergärten

16.09.2002
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Shigellen-Ruhr

Epidemien in Kindergärten

von Christina Hohmann, Eschborn

Bakterien der Gattung Shigella rufen schwere Durchfallerkrankungen, die so genannte bakterielle Ruhr, hervor. Übertragen wird der Keim meist durch direkten Kontakt von Mensch zu Mensch. Da Kleinkinder es mit der Hygiene nicht allzu genau nehmen, kommt es in Kindertagesstätten immer wieder zu Epidemien.

Das Krankheitsbild der Ruhr ist schon seit der Antike bekannt. Vor etwa hundert Jahren entdeckte der japanische Wissenschaftler Kiyoshi Shiga, dass Shigella-Bakterien die Durchfallerkrankung auslösen. Die Shigellose wird auch als bakterielle Ruhr bezeichnet, um sie von der durch Amöben verursachten Form zu unterscheiden, die in tropischen Gebieten die weitaus häufigere ist.

Shigellen, die zur Familie der Enterobakterien gehören, sind unbewegliche, gramnegative, stäbchenförmige Bakterien, die keine Sporen bilden. Sie können sowohl anaerob als auch aerob leben. Zur Gattung Shigella zählen vier Arten, Shigella dysenteriae, flexneri, boydii und sonnei, von denen jede noch in verschiedene Serotypen unterteilt werden kann.

Bakterien als Erreger

Shigellen sind weltweit verbreitet, wobei sie aber in verschiedenen Regionen unterschiedlich häufig vorkommen. Aus bisher ungeklärten Gründen tritt die virulenteste Art, Shigella dysenteriae, ausschließlich in armen Ländern auf, in denen sie oft verheerende Ausbrüche hervorruft. 1994 verursachten diese Erreger in einem Flüchtlingscamp in Goma, Demokratische Republik Kongo (ehemaliges Zaire), eine Epidemie, der schätzungsweise 30.000 Menschen zum Opfer fielen. In reicheren Ländern ist die am schwächsten virulente Art, Shigella sonnei, am weitesten verbreitet. In Deutschland ist sie für 70 bis 80 Prozent der Shigellen-Infektionen verantwortlich. Shigella flexneri ruft weitere 10 bis 20 Prozent der Fälle hervor.

Weltweit sterben jedes Jahr nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) 600.000 Menschen an Shigellose. In Deutschland wurden im Jahr 2000 insgesamt 1321 Shigelleninfektionen gemeldet, berichtet das Robert-Koch-Institut (RKI) in Berlin. Dabei wurden die Erreger hauptsächlich durch Reisende aus Endemiegebieten wie Tunesien, Jugoslawien, der Türkei und der Dominikanischen Republik eingeschleppt. In den USA erkranken jährlich rund 18.000 Personen. Da viele mild verlaufende Infektionen nicht erkannt werden, liegt die wirkliche Zahl vermutlich deutlich höher. Besonders stark gefährdet sind Kinder zwischen ein und fünf Jahren sowie ältere Menschen und Immunsupprimierte.

Verschiedene Übertragungswege

Die Erreger werden oral-fäkal übertragen. Die Verbreitung der Bakterien über kontaminiertes Trinkwasser oder verunreinigte Nahrungsmittel spielen hauptsächlich in Entwicklungsländern mit schlechten sanitären Einrichtungen eine Rolle. Auch Fliegen können Shigellen von Fäkalien auf Lebensmittel übertragen.

Bereits wenige hundert Bakterien können eine Erkrankung auslösen. Untersuchungen an Freiwilligen ergaben, dass für eine Infektion nur zehn Bakterien nötig sind, meldet die WHO. Das einzige Reservoir für Shigellen ist der Mensch, außerhalb des menschlichen Körpers können die Erreger nur kurze Zeit überleben. In der heißen Jahreszeit treten Infektionen besonders häufig auf, vermutlich weil die Bakterien durch die höheren Temperaturen länger in kontaminiertem Trinkwasser oder in Lebensmitteln überdauern können.

Schwere Durchfälle

Nach der Passage durch den Magen gelangen die Shigellen in den Dünndarm, wo sie sich vermehren und die Anfangssymptome wie wässrige Durchfälle, Fieber, Übelkeit und Erbrechen sowie Kopfschmerzen und Abgeschlagenheit hervorrufen. Die Krankheit beginnt etwa ein bis drei Tage nach oraler Aufnahme der Erreger.

Im Dickdarm dringen die Shigellen in die Schleimhaut ein, vermehren sich in den Epithelzellen des Kolons, töten diese und breiten sich dann in die Nachbarzellen aus. Dadurch entzündet sich das Gewebe und schließlich entstehen die charakteristischen epithelialen Geschwüre. Als Folge treten blutig-schleimige mitunter auch eitrige Durchfälle auf. Da dies den Symptomen der Ruhr entspricht, wird die Infektion auch als Shigellen-Ruhr bezeichnet. Kennzeichnend für die Erkrankung sind auch starke abdominelle Krämpfe, Leibschmerzen und schmerzhafte Stuhlentleerungen, so genannte Tenesmen. Besonders bei alten Menschen, Kleinkindern und Personen mit geschwächtem Immunsystem kann die Krankheit ernst verlaufen. Einige Infizierte entwickeln dagegen keinerlei Symptome.

Die Infektion bleibt in den meisten Fällen auf den Dickdarm beschränkt. Wenn keine Behandlung erfolgt, können die Geschwüre die Darmwand durchbrechen und schwere Infektionen des Bauchfells hervorrufen. Bei Infizierten mit spezieller genetischer Disposition kann das so genannte Reiter-Syndrom auftreten. Die Patienten entwickeln Gelenk-, Bindehaut- und Harnröhrenentzündungen. Dies tritt bei etwa 1 bis 3 Prozent der Infizierten mit Shigella flexneri auf.

Immer Antibiotika

Ein spezifischer Erregernachweis aus Stuhlproben kann den Verdacht auf eine Shigellen-Infektion bestätigen. Hierfür werden die Bakterien auf Selektivnährböden angezüchtet und anhand der biochemischen Eigenschaften identifiziert. Da die Erreger sehr empfindlich sind, sollten lange Transportwege zum Untersuchungslabor vermieden werden.

Shigellen-Infektionen sollten grundsätzlich mit Antibiotika behandelt werden, rät das RKI. Auch bei milden Verläufen ist eine Therapie sinnvoll, da sie die Krankheitsdauer verkürzt und die Zahl der ausgeschiedenen Erreger reduziert. Ohne effektive antimikrobielle Therapie stirbt jeder zehnte mit Shigella dysenteriae Typ 1 infizierte Patient. Prinzipiell können alle Shigellen-Infektionen zum Tode führen – vor allem bei Kleinkindern, älteren und unterernährten Menschen.

Zur Behandlung der Shigellose sind Ampicillin, Tetracycline, Doxycyclin, Trimethoprim-Sulfamethoxazol und Chinolone geeignet. Da gegen die älteren Substanzen, vor allem gegen Ampicillin, Streptomycin, Chloramphenicol und die Tetracycline in weiten Teilen der Entwicklungsländer Resistenzen auftreten, sind diese Antibiotika nur nach vorheriger Testung einzusetzen. Mittel der Wahl sind zurzeit die Chinolone wie Ciprofloxacin, Norfloxain oder Ofloxacin. In schweren Fällen kann es nötig sein, Flüssigkeits- und Elektrolytverluste der Patienten auszugleichen. Bei rechtzeitiger Behandlung können alle Infektionen geheilt werden. Nach überstandener Krankheit besteht für einige Jahre eine Immunität gegen den Erreger.

Hygiene ist wichtig

Wichtigste Präventivmaßnahme, um die Verbreitung von Shigellen zu verhindern, ist eine konsequente persönliche Hygiene sowie eine wirksame Trinkwasser- und Lebensmittelhygiene. Da die Erreger meist durch direkten zwischenmenschlichen Kontakt übertragen werden, ist regelmäßiges gründliches Händewaschen eine entscheidende prophylaktische Maßnahme. Außerdem gelten bei Reisen in ärmere Länder die allgemein gültigen Regeln zur Vermeidung von Darminfektionen: Trinkwasser abkochen, Nahrungsmittel gründlich garen, kein rohes Obst oder Gemüse essen, das man nicht selbst geschält hat.

Da das Hygienebewusstsein von Kleinkindern oft noch wenig ausgeprägt ist, kann es zu Epidemien in Kindergärten oder Tagesstätten kommen. Daher ist es wichtig, dort dafür zu sorgen, dass sich die Kinder regelmäßig und gründlich die Hände waschen. Infizierte Kinder, Schüler und Lehrer dürfen in Deutschland so lange nicht die Schule oder sonstige Einrichtungen besuchen, bis eine weitere Verbreitung der Erreger ausgeschlossen werden kann. Dies ist etwa ein bis vier Wochen nach einer überstandenen Shigellose der Fall. In Deutschland ist die Krankheit meldepflichtig – sowohl der Verdacht auf eine Shigellen-Infektion, als auch jede Erkrankung sowie jeder Todesfall sind den zuständigen Gesundheitsbehörden zu melden.

 

Impfstoffe in der Entwicklung Zurzeit ist kein Impfstoff zum Schutz vor Shigellen-Infektionen zugelassen. Verschiedene Kandidaten befinden sich jedoch in der Entwicklung. Ein oraler Lebendimpfstoff des Instituts Pasteur hat bisher viel versprechende Ergebnisse in ersten Versuchen mit Freiwilligen am US Army Medical Research Institute for Infectious Diseases geliefert. Dem lebenden Stamm von Shigella flexneri Serotyp 2a fehlen zwei Gene, wodurch sich die Erreger weder ausbreiten noch vermehren können. Die Centers for Vaccines Development in Baltimore, USA, arbeiten zurzeit an einem weiteren oralen Impfstoff. Von den National Institutes of Health (NIH) in den USA kommt ein weiterer Kandidat – eine parenteraler Impfstoff, der O-spezifische Polysaccharid Antigene enthält. Eine Injektion der Vakzine schützt ersten Versuchen zufolge zu 74 Prozent vor Infektionen mit Shigella sonnei. Ein trivalenter Konjugat-Impfstoff gegen Shigella flexneri, sonnei und dysenteriae Typ 1 wurde von demselben Team entwickelt und befindet sich derzeit in der klinischen Prüfung.

 

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