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Der schwere Kampf gegen die Pfunde

09.08.2004  00:00 Uhr

Adipositas

Der schwere Kampf gegen die Pfunde

von Dagmar Knopf, Limburg

Die Deutschen werden immer dicker. Schon jeder zweite Erwachsene hat Übergewicht, und knapp jedes fünfte Schulkind. Sogar die Weltgesundheitsorganisation (WHO) warnt vor einer Epidemie, die sich über die ganze Welt zu verbreiten droht – und mit ihr Diabetes, Bluthochdruck und Darmtumore.

Wer in diesem regnerischen Sommer das Glück hat, einen sonnigen Tag im Schwimmbad genießen zu können, sieht mehr dicke Menschen als jemals zuvor. Nicht nur an der Imbissbude trifft man Übergewichtige, die gerade eine Portion Pommes und Cola vertilgen. Auch am Planschbecken der Kleinsten sind überflüssige Pfunde zu erkennen. Auffällig viele Kinder, die man beim besten Willen nicht mehr mollig nennen kann, rutschen und spritzen in deutschen Schwimmbädern. Auch jeder zweite Erwachsene in Deutschland ist mittlerweile zu dick.

Übergewicht an sich ist keine Krankheit. Überschreitet es jedoch ein bestimmtes Maß, bezeichnen die Experten es als Fettsucht (Adipositas) und stufen es laut Verordnung der WHO aus dem Jahre 1997 als Krankheit ein. Die gesundheitlichen Folgen bleiben selten aus. Adipöse Menschen haben ein vielfach erhöhtes Risiko für Begleiterkrankungen wie Diabetes Typ II, Bluthochdruck und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Rücken- und Gelenkschmerzen können auftreten und sogar die Gefahr für Dickdarmtumore steigt.

Das Übergewicht setzt immer früher ein: Bereits beim Schuleintritt hatten im vergangenen Jahr 12,5 Prozent der Mädchen und Jungen zu viele Pfunde auf den Rippen, wie der jugendärztliche Dienst des Gesundheitsamts Frankfurt bei den Schuleingangsuntersuchungen feststellte. Die aktuellen Zahlen für das Jahr 2004 liegen noch nicht vor, dürften jedoch kaum geringer ausfallen. Bei den 10-Jährigen sind sogar bereits 25 Prozent übergewichtig. Insgesamt hat sich in den vergangenen 20 Jahren die Zahl der übergewichtigen Kinder und Jugendlichen mehr als verdoppelt.

Die Gründe scheinen vor allem in veränderten Lebensgewohnheiten und dem nicht angepassten Essverhalten zu liegen. So spielt jedes vierte Kind nur noch einmal oder weniger pro Woche im Freien. Statt zu toben und zu rennen, sitzen die Kinder vor Fernseher und Computer. In den neuen Bundesländern hat jedes zweite Kind einen eigenen Fernseher im Zimmer, in den alten Bundesländern jedes dritte Kind.

Die Pille zum Abnehmen

Um die einmal angesammelten Pfunde wieder loszuwerden, bedarf es eiserner Disziplin. So muss nicht nur die Ernährung umgestellt, sondern sich auch mehr bewegt werden - und dies dauerhaft. Denn nur eine lang anhaltende Gewichtsreduktion senkt das Krankheitsrisiko. Genau mit dieser Disziplin tun sich aber viele Menschen schwer. Im Jahre 2002 zeigte sich ein erster Hoffnungsschimmer, den schweißtreibenden Körpereinsatz durch eine bequeme Pille zu ersetzen. Das körpereigene Hormon Peptid YY (PYY), das im Darm von Tieren und Menschen freigesetzt wird, verringerte bei Nagern angeblich Appetit und Körpergewicht, wie Rachel Batterham und ihre Kollegen im Fachmagazin Nature berichteten (1). Doch nun ist der Traum von der Schlankheitspille anscheinend geplatzt. Denn ein internationales Forscherteam, bestehend aus sieben verschiedenen Universitätslaboren und fünf Forschungseinrichtungen, konnte die Ergebnisse nicht bestätigen (2).

Eigentlich wollte das Team um Matthias Tschöp vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrücke und die beteiligten Pharmaunternehmen Eli Lilly & Co, Novo Norddisk, Peptides und Elephants GmbH sowie Boehringer Ingelheim mit den Studien ihre Forschungen auf dem Gebiet der Sättigungspille vorantreiben. Doch es kam anders. Statt den Nagern den Appetit zu verderben und so ihr Gewicht zu senken, schlug das verabreichte Hormon in 37 der 39 durchgeführten Tests gar nicht an. Die Tiere wurden sogar inaktiver. Ein Umstand, der die Fetteinlagerung noch begünstigt. In zwei Tests mit höherer Hormongabe fraßen die Nager zwar weniger, verloren aber kein Gewicht.

In derselben Nature-Ausgabe verteidigen Batterham und Kollegen ihre Ergebnisse von vor zwei Jahren und führen an, dass die appetithemmende Wirkung nur unter stressfreien Bedingungen zu beobachten gewesen sei. Dies hätte die Gruppe um Tschöp eventuell nicht beachtet. Wie realistisch ein solcher Ansatz ist, bleibt fraglich.

Erfolgreicher als PYY scheinen drei bereits zugelassene Medikamente zu sein. In einer Metaanalyse untersuchten Susan Norris von den US-amerikanischen Centers of Disease Control and Prevention (CDC) und Kollegen die gewichtsreduzierende Wirkung von Orlistat, Sibutramin und Fluoxetin bei erwachsenen Diabetikern des Typs II (3). Sie verglichen 14 randomisierte, placebokontrollierte Studien, mit insgesamt 2231 Patienten zwischen 44 und 66 Jahren. Die meisten von ihnen waren Frauen, der durchschnittliche Body Mass Index (BMI) lag bei 34.

Tatsächlich senkten sowohl die beiden Medikamente zur Gewichtsreduktion als auch das Antidepressivum das Körpergewicht. Zwar war der Gewichtsverlust nur mäßig, dafür statistisch signifikant. So verloren Patienten, die mit täglich 60 mg Fluoxetin behandelt wurden, durchschnittlich 3,4 kg in 8 bis 16 Wochen, 5,1 kg in 24 bis 30 Wochen und 5,8 kg in 52 Wochen. Im Vergleich dazu reduzierte Orlistat (120 mg dreimal täglich) das Gewicht in 52 Wochen um durchschnittlich 2,6 kg. Sibutramin wurde mit 5, 10 und 15 mg täglich in den Studien heterogen dosiert und führte zu einem Verlust von durchschnittlich 4,5 kg in 26 Wochen. Orlistat senkte zusätzlich das Gesamtcholesterin, LDL (low density lipoprotein) und Triglyceride signifikant in 52 Wochen Studiendauer.

Trotz der beobachteten Gewichtsreduktion sehen die Autoren die Ergebnisse kritisch. So seien zwar kurzfristige Erfolge zu verzeichnen, aber ob diese über einen längeren Zeitraum – wie es gerade bei der Behandlung von Adipositas nötig wäre – erhalten bleiben, kann die Metaanalyse nicht beantworten. Ebenso müsste untersucht werden, ob Verträglichkeit und Sicherheit auch bei langer Einnahme der Medikamente gegeben sind. Denn Diabetiker leben ohnehin mit mehr Risikofaktoren für schwerwiegende kardiovaskuläre und neurologische Erkrankungen als Gesunde. Ob sich der Gewichtsverlust durch Kombination der Pharmakotherapie mit einem verändertem Lebensstil noch erhöhen lässt, sollte ebenfalls untersucht werden. Als Primärtherapie zur Gewichtsreduktion scheinen die drei Medikamente jedoch viel versprechend zu sein.

Fettreiche Ernährung nicht ratsam

Ganz ohne eigenen Körpereinsatz werden die Pfunde kaum dauerhaft einschmelzen. Deshalb ist für stark übergewichtige Menschen eine Umstellung ihrer Lebensgewohnheiten ein absolutes Muss. Hier gilt: Kalorienreduktion und mehr Bewegung. Und dies nicht nur für ein paar Wochen oder Monate, sondern ein Leben lang. Um die Frage, welche Ernährung, oder gar Diät, am geeignetsten zur Gewichtsreduktion sei, ist in der letzten Zeit eine heiße Kontroverse entbrannt.

Seit im Frühjahr 2003 im New England Journal of Medicine zwei Artikel die Überlegenheit einer kohlenhydratarmen, fettreichen Ernährung gegenüber einer kohlenhydratreichen Diät mit geringem Fettanteil zeigten (4, 5), schwimmt auch Deutschland auf der neuen Diätwelle. Bekannt als Atkins- oder auch South-Beach-Diät können die Hungerwilligen angeblich Fett und Proteine ohne Grenzen essen. Nur an Kohlenhydraten müssen sie eisern sparen. Ein typisches Frühstück der Atkinsdiät etwa weist Eier, Speck und Würstchen auf. Brötchen oder gar Vollkornbrot fehlen jedoch. Tatsächlich verlieren die Teilnehmer dank der kohlenhydratarmen Ernährung anfänglich mehr Gewicht als mit energiereduzierter Kost. Eine Langzeitwirkung wird in diesen Studien jedoch nicht erfasst.

Aus medizinischer Sicht ist diese Fettflut sehr kritisch einzuschätzen, da gerade Fleisch, Käse und Speck viele gesättigte Fettsäuren enthalten und ein hoher Anteil dieser „ungesunden“ Fette das Risiko für Herzinfarkt, Schlaganfall und Darmkrebs erhöht, wie die langjährige Nurses´ Health Study ergab. In einem systematischen Review untersuchten Dr. Dena Bravata von der kalifornischen Stanford University und Kollegen (6) die zum Thema kohlenhydratarme Ernährung vorliegenden Veröffentlichungen aus rund 40 Jahren und kamen zu einem klaren Ergebnis. Diese Diäten gewinnen zunehmend an Popularität, ohne dass genaue Einzelheiten zu Wirksamkeit und Sicherheit vorliegen. Die Analyse der Daten zeige, dass die Studien überaus heterogen hinsichtlich Studiendesign, Kohlenhydratanteil (0 bis 901 g/d), Gesamtkalorienmenge (525 bis 4629 kcal), Diätlänge (4 bis 365 Tage) und Teilnehmergewicht (57 bis 217 kg) waren. Die Analyse ergab, dass der Gewichtsverlust bei adipösen Menschen mit der Diätdauer und Kalorienrestriktion direkt korreliert. Der reduzierte Kohlenhydratanteil spielt hingegen keine Rolle.

In dieselbe Kerbe schlägt die Auswertung einer amerikanischen Datenbank. Hier werden die Daten von Menschen gesammelt, die jahrelang ihr Gewicht mit Erfolg um durchschnittlich 30 kg reduziert und stabilisiert haben. Nach den Angaben der Betroffenen steht ganz eindeutig die Fettreduktion auf etwa 25 Prozent Fettkalorien sowie ein hohes Maß an körperlicher Aktivität mit circa 2500 kcal Energieverbrauch pro Woche an erster Stelle der Faktoren, die zu ihrem Erfolg beigetragen haben.

Auf Grund fehlender wissenschaftlicher Beweise für positive Gesundheitsaspekte empfiehlt die Deutsche Adipositas Gesellschaft derzeit keine Kostform mit einem hohen Anteil an tierischen Fetten. Auch die Deutsche Gesellschaft für Ernährung sieht keinen Anlass, die bestehenden Empfehlungen zu revidieren. Sie rät weiterhin, auf eine ausgewogene Ernährung mit einem hohen Anteil komplexer Kohlenhydrate (50 Prozent) und Ballaststoffe wie Obst, Gemüse und Vollkornprodukte zu achten. Bei den tierischen Fetten sollte nach wie vor gespart werden und möglichst pflanzliche Fette mit einem hohen Anteil ungesättigter Fettsäuren bevorzugt werden.

Pfunde vermeiden statt verlieren

Damit es gar nicht erst zu den krank machenden Fettpolstern kommt, soll die Prävention neben der kurativen Medizin, der Rehabilitation und der Pflege zu einer vierten Säule im Gesundheitswesen ausgebaut werden. Zu diesem Zweck wurde am 11. Juli 2002 das Deutsche Forum Prävention und Gesundheitsförderung gegründet. Hier sollen vorrangig die Themen: Gesundheitsförderung in Kindergärten und Schulen, Prävention im Alter und betriebliche Gesundheitsförderung bearbeitet werden.

Ein eigenständiges Präventionsgesetz ist in Arbeit. Darüber hinaus soll die Kampagne „Sport tut Deutschland gut“ des Deutschen Sportbundes auf die Vorzüge von körperlicher Betätigung hinweisen.

Ein Umdenken der Bevölkerung ist dringend nötig. Denn die Kosten, die eine weitere Zunahme adipöser Menschen verursachen würden, sind für das Gesundheitswesen untragbar. So ist Diabetes Typ II eine der teuersten chronischen Erkrankungen. Schon heute geht jeder dritte Euro in die Behandlung der von Übergewicht verursachten Folgeerkrankungen.

 

Literatur

  1. Batterham, R. L., et al., Gut hormone PYY3-36 physiologically inhibits food intake. Nature, Band 418 (2002) 650 - 654.
  2. Tschöp, M., et al., Physiology: Does gut hormone PYY3–36 decrease food intake in rodents? Nature, Online-Veröffentlichung vom 8. Juli 2004.
  3. Norris, S. L., et al., Efficacy of Pharmacotherapy for Weight Loss in Adults With Type 2 Diabetes Mellitus. Arch Intern Med., Band 164 (2004) 1395 - 1404.
  4. Samaha, F. F., et al., A Low-Carbohydrate as Compared with a Low-Fat Diet in Servere Obesity. N Engl J Med, Band 348 (2003) 2074 - 2081.
  5. Foster, G. D., et al., A Randomized Trial of a Low-Carbohydrate Diet for Obesity. N Engl J Med, Band 348 (2003) 2082 - 2090.
  6. Bravata, D. M., et al., Efficacy and Safety of Low-Carbohydrate Diets - A Systematic Review. JAMA, Band 289 (2003) 1837 - 1850.

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