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Angeboren, aber nicht vererbt

14.07.2003
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Angeboren, aber nicht vererbt

von Dagmar Knopf, Berlin

Mit welchen Anlagen ein Kind zur Welt kommt, bestimmen nicht nur seine Gene. Immer deutlicher zeigt sich der mütterliche Einfluss, der bereits während der Schwangerschaft die Disposition des Kindes für spätere chronische Krankheiten begründet. Diese frühe metabolische Prägung wirkt ein Leben lang.

Entgegen früherer Annahmen geraten die genetischen Anlagen als alleinige Auslöser gesundheitlicher Probleme zunehmend ins Hintertreffen. Immer deutlicher rückt die Phase der Schwangerschaft als prägend für das ganze Leben in den Vordergrund. Schon zu diesem Zeitpunkt werden die Weichen für spätere Gesundheit und Krankheit gestellt, berichteten Experten auf einer Veranstaltung des Instituts Danone für Ernährung in Kooperation mit der Klinik für Geburtsmedizin der Charité vor kurzem in Berlin.

Geborgen im Uterus gedeiht das ungeborene Kind. Seine Mutter gibt ihm Schutz, Wärme und Nahrung, entsorgt Stoffwechselprodukte und bietet ihm in dieser Umgebung alles, was es für seine Entwicklung benötigt. Doch dieser Idealzustand wird nicht immer erreicht. Stattdessen müssen manche Kinder schon im Mutterleib gegen negative Einflüsse ankämpfen. Manche erhalten zu wenige Nährstoffe auf Grund einer mangelhaft arbeitenden Plazenta, andere werden wegen einer unentdeckten Glucoseintoleranz der Mutter mit Insulin schier überschwemmt. Auch Stress wirkt sich wahrscheinlich durch ein Übermaß mütterlichen Cortisols negativ auf die Entwicklung des Kindes aus. Genaue Studienergebnisse stehen hierfür jedoch noch aus.

Die früh benachteiligten Kinder werden mit einem Handicap geboren, das sich oft erst Jahre später bemerkbar macht, etwa als Fettsucht, Zuckerkrankheit oder gar einem frühen Herztod. Und so wird bereits früh angelegt, was die Menschen ihr gesamtes späteres Leben begleiten wird: ein erhöhtes Risiko für chronische Krankheiten.

Unterernährung führt zu Übergewicht

Ein Auslöser für denkbar schlechte Startbedingungen ist die fetale Mangelversorgung. Arbeitet die Plazenta ungenügend – etwa durch Rauchen der Mutter, Blutergüsse oder Verkalkungen der Plazenta – dann erhält das Kind nicht genügend Nährstoffe für sein Wachstum. Die Folge: Das termingerecht in der vierzigsten Schwangerschaftswoche geborene Kind kommt mit einem geringen Geburtsgewicht zur Welt; wiegt das Neugeborene weniger als 2500 Gramm, spricht man von einer Mangelgeburt. Selbst in der heutigen Zeit geschieht dies häufiger als allgemein angenommen. Etwa 20.000 Babys kommen allein in Deutschland jedes Jahr als Leichtgewichte zur Welt, sagte Privatdozent Dr. Klaus Mohnike vom Zentrum für Kinderheilkunde der Otto-von-Guericke-Universität in Magdeburg. Diese Kinder haben es im späteren Leben denkbar schwer.

Erst Jahre und Jahrzehnte später, wenn nichts mehr an die damalige Wachstumsverzögerung im Mutterleib erinnert, macht sie sich erneut bemerkbar. Woran es den Babys direkt nach ihrer Geburt mangelte, haben sie in späteren Jahren oft zu viel: Gewicht. Als Erwachsene leiden sie häufiger als normalgewichtig geborene Kinder an Fettsucht.

Noch nicht ganz klar ist, ob die fetale Minderversorgung oder die rasche Gewichtszunahme nach der Geburt für die gesundheitlichen Risiken verantwortlich ist. Nur zu verständlich ist die Sorge der Eltern um ihr kleines, dünnes Kind. Nach bestem Wissen und Gewissen päppeln sie es so weit auf, bis es sich äußerlich nicht mehr von gleichaltrigen Säuglingen unterscheidet. Doch das Aufholwachstum, bei dem die Kinder schnell Gewicht zulegen, steht in Verdacht, Auslöser für eine spätere Fettsucht zu sein. Die Aufklärung betroffener Eltern wäre also wichtig. Statt das fehlende Gewicht in kürzester Zeit aufzuholen, sollten untergewichtige Säuglinge langsam zunehmen. Ein für Eltern zunächst paradox klingender Rat.

Inzwischen sind mehr als 70 Krankheitsbilder bekannt, die ihre Ursache in der vorgeburtlichen Wachstumsverzögerung haben. Besonders die Prävalenz von Erkrankungen des metabolischen Syndroms wie Bluthochdruck, Typ-2-Diabetes und Fettstoffwechselstörungen ist um ein Vielfaches erhöht. Schwer wiegende Erkrankungen wie Herzinfarkt und Schlaganfall kommen als Folgen des metabolischen Syndroms ebenfalls häufiger bei Erwachsenen vor, die als Leichtgewichte zur Welt kamen.

Rauchen und Alkohol

Einer der Hauptrisikofaktoren für Untergewicht bei Neugeborenen ist das Rauchen. Schwangere Frauen sollten grundsätzlich überhaupt nicht rauchen, um ihrem ungeborenen Kind nicht zu schaden. Tatsächlich raucht jedoch jede fünfte Schwangere - möglicherweise auch auf Grund mangelnder Aufklärung. So kursierte noch vor wenigen Jahren in vielen gynäkologischen Praxen der grotesk anmutende Ratschlag, schwangere Raucherinnen sollten den Zigarettenkonsum lieber auf wenige Zigaretten täglich reduzieren, anstatt plötzlich aufzuhören, um den Entzugsstress nicht auf das Kind zu übertragen. Eine völlig überholte und grundlegend falsche Ansicht. Jede einzelne Zigarette schadet dem Kind, mindert sie doch die kindliche Versorgung durch die Plazenta und vergrößert so das Risiko einer fetalen Wachstumsverzögerung. Das Kind einer Raucherin wiegt bei termingerechter Geburt im Durchschnitt 300 Gramm weniger als unbelastete Neugeborene. Deshalb sollten Schwangere generell mit dem Rauchen aufhören, um so ihrem Kind einen besseren Start ins Leben zu ermöglichen.

Gar 1000 Gramm weniger kann das Kind einer Alkohol trinkenden Mutter wiegen, ein weiterer Risikofaktor für fetale Wachstumsverzögerungen. Die mit diesem Handicap geborenen Kinder tragen den Alkoholkonsum ihrer Mutter nicht nur durch charakteristische Gesichtszüge lebenslang als Mahnmal mit sich herum, sondern haben meist auch einen geringeren Intelligenzquotienten.

Eine Schwangerschaft ist somit der ideale Zeitpunkt, schlechte Gewohnheiten abzulegen und am besten auch gleich auf eine gesunde Ernährung zu achten. Wichtig für eine optimale Entwicklung ist neben einer ausgewogenen Ernährung auch die ausreichende Versorgung mit den Mikronährstoffen Folsäure, Iod und Eisen.

Optimale Ernährung

Folsäure etwa steht in direktem Zusammenhang mit dem Schluss des Neuralrohrs zwischen dem 23. und 28. Schwangerschaftstag. Doch selbst eine sich vorbildlich ernährende Frau kann den in der Schwangerschaft bestehenden Bedarf an Folsäure aus der Nahrung alleine nicht decken. Das liegt vor allem an der Empfindlichkeit der Substanz. Sie verträgt weder Licht noch Hitze, ist zudem wasserlöslich und wird meist mit dem Kochwasser weg gegossen. Um das Risiko eines Neuralrohrdefekts zu vermindern, sollten Frauen mindestens vier Wochen vor Beginn einer Schwangerschaft und auch während der ersten Wochen 400 Mikrogramm Folsäure zusätzlich einnehmen, empfahl Professor Dr. Renate Bergmann von der Klinik für Geburtsmedizin der Charité.

Für die geistige und körperliche Entwicklung des Kindes ist eine optimale Versorgung mit Eisen wichtig. In der Schwangerschaft steigt der Eisenbedarf auf das Doppelte: von 15 auf 30 Milligramm pro Tag. Dass diese Mengen allein durch die Ernährung kaum aufzunehmen sind, zeigt eine aktuelle Studie der Berliner Charité. Die Wissenschaftler stellten bei 40 Prozent der untersuchten Schwangeren einen Eisenmangel fest. Auf Grund dieser Ergebnisse empfahl Bergmann ein niedrig dosiertes Eisenpräparat – auch wenn andere Experten zu diesem Thema offenbar anderer Meinung sind.

Eine Schwangerschaft sensibilisiert viele Frauen auch für die Qualität der Nahrungsmittel. Ist das Obst mit Pflanzenschutzmitteln kontaminiert und schadet möglicherweise dem Ungeborenen? Hier gab der Toxikologe Professor Dr. Volker Mersch-Sundermann von der Justus-Liebig-Universität in Gießen Entwarnung. Die in Deutschland erhältlichen Lebensmittel seien durchgängig von hoher Qualität und unbedenklich zu genießen. Frisch auf dem Markt gekaufte Erdbeeren sollten trotz allem vor dem ersten Bissen abgewaschen und angeschimmelte Lebensmittel sicherheitshalber vollständig verworfen werden.

Gefahr lauert stattdessen ganz woanders, und zwar in der Zubereitung der Lebensmittel. Spätestens seit dem Acrylamid-Skandal vor einem Jahr, der durch hohe Belastung von Chips, Knäckebrot und Pommes frites den Appetit an Hocherhitztem dämpfte, kennen die meisten die goldene Regel des Bratens und Frittierens: vergolden statt verkohlen. Für Schwangere gilt dies besonders, da es keine untere Grenze für die krebserzeugende Wirkung von Acrylamid gibt.

Übergewicht und Glucoseintoleranz

Eine weitere Gefahr für das ungeborene Kind lauert nicht im Mangel an Nährstoffen, sondern in ihrem Übermaß. Viele Frauen tragen bereits zu Beginn der Schwangerschaft zu viele ungesunde Kilos mit sich herum. Da Übergewicht aber die Produktion von Insulin ankurbelt, sind die Feten einer unnatürlich hohen Konzentration dieses Hormons ausgesetzt. Als Folge werden sie regelrecht gemästet und kommen bereits übergewichtig – mit einem Geburtsgewicht von über 4000 Gramm - zur Welt. Damit stehen auch ihre Chancen auf eine gesunde Zukunft schlecht. Nicht nur zu kleine, untergewichtige, sondern auch zu große, übergewichtige Kinder tragen ein erhöhtes Risiko, später fettsüchtig und übergewichtig zu werden. Da aber eine Diät während der Schwangerschaft generell verboten ist, stehen dicke Frauen vor einem Problem. Eigentlich sollten sie vor Schwangerschaftsbeginn abnehmen. Wie schwer das für viele ohne professionelle Hilfe ist, zeigt die Zahl der Übergewichtigen weltweit.

Ein bislang weitgehend stiefmütterlich behandeltes Krankheitsbild kann ebenfalls die Startposition des Kindes negativ beeinflussen: 10 Prozent aller Schwangeren leiden unentdeckt an einer Glucoseintoleranz. Betroffen sind nicht nur übergewichtige Frauen, sondern auch schlanke. Als Folge produzieren diese Frauen ebenfalls vermehrt Insulin, mit dem sich ihr Kind auseinandersetzen muss. Unabhängig vom genetischen Hintergrund entwickeln auch diese Kinder häufiger Adipositas oder einen Typ-2-Diabetes.

Inzwischen haben Wissenschaftler zumindest Teile der zu Grunde liegenden Mechanismen aufgeklärt. So kann während kritischer Phasen der Schwangerschaft Insulin die eigentlich undurchlässige Blut-Hirn-Schranke überwinden und den Hypothalamus erreichen. Die Folgen sind dauerhaft: Das Hirnareal, welches das Sättigungsgefühl steuert, bleibt zu klein. Im Rattenversuch zeigte sich die prägende Wirkung von überschießenden Insulinspiegeln im Mutterleib bereits eindrucksvoll. Genetisch unbelastete Ratten bringen Junge mit größerem Risiko für Fettsucht zur Welt, wenn die Insulinkonzentrationen im Uterus erhöht waren.

Eigentlich lässt sich das Problem der unentdeckten Glucoseintoleranz leicht durch einen Test beim Frauenarzt ausschalten. Ist eine Glucoseintoleranz diagnostiziert, kann die Schwangere entsprechend über eine gesunde Ernährung aufgeklärt und anschließend engmaschig kontrolliert werden. Viele Schwangere wissen aber nichts von dem Risiko. Da die Untersuchung nur von wenigen Krankenkassen bezahlt wird, ist sie kein Bestandteil des Mutterpasses und wird beim Frauenarzt nicht routinemäßig angeboten.

Jede Schwangere muss somit selbst darauf achten, ihrem Kind von Beginn an die besten Startchancen zu ermöglichen. Viele Frauen wissen aber immer noch viel zu wenig darüber, in welchem Ausmaß die Schwangerschaft das spätere Leben ihres Kindes beeinflusst. Oft fühlen sie sich von gut gemeinten Ratschlägen schon genug unter Druck gesetzt und vermeiden es, sich weiter mit dem Thema auseinander zu setzen. Einzig fundierte Aufklärung im Vorfeld einer möglichen Schwangerschaft - vielleicht schon in der Schule - könnte hier Abhilfe schaffen. Top

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