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Mit Bewegung Darmkrebs vorbeugen

02.06.2003  00:00 Uhr

Mit Bewegung Darmkrebs vorbeugen

von Gerd Leidig, Köln

Neun von zehn Todesopfern müssten nicht an Darmkrebs sterben, würden alle Chancen der Prävention genutzt. Doch leider bewegen sich die Deutschen zu wenig, essen zu ungesund und nehmen Früherkennungsmaßnahmen zu selten in Anspruch. Deshalb rufen die Barmer Ersatzkasse und die Deutsche Krebsgesellschaft zu einer neuen Initiative auf, bei der die Versicherten durch ein Bonussystem zusätzlich motiviert werden sollen.

Nach Schätzungen der WHO wird die Zahl der Krebstoten bis zum Jahr 2020 insgesamt um 50 Prozent zunehmen, betonte Professor Dr. Klaus Norpoth, Sprecher der Kommission Prävention der Deutschen Krebsgesellschaft (DKG) anlässlich einer Pressekonferenz am 21. Mai in Köln. Dabei gelten zwei Drittel aller onkologischen Erkrankungen bisher als unheilbar, aber immerhin ein Drittel ließe sich verhindern beziehungsweise erfolgreich behandeln. Besonders beim Darmkrebs sind die Erfolgschancen durch Prävention weitaus höher. Wer sich optimal ernährt, sich ausreichend bewegt und regelmäßig zur Früherkennung geht, könne sein absolutes Risiko um 90 Prozent senken, so Norpoth.

 

Um die Menschen zu motivieren, mehr für ihre Gesundheit zu tun, haben die Deutsche Krebsgesellschaft und die Barmer Ersatzkasse eine aktuelle Broschüre „Darmkrebs verhindern – Fragen und Antworten“ herausgegeben. Dort finden sich neben einer gut verständlichen Darstellung, wie es - meist über die Vorstufen eines oder mehrerer Polypen - zu einem Krebs kommen kann, auch Hinweise auf die von den Krankenkassen angebotenen Darmkrebsuntersuchungen. Seit vergangenem Jahr übernehmen die gesetzlichen Krankenversicherungen für Patienten ab 55 Lebensjahren auch die Kosten für eine Darmspiegelung (Koloskopie). Nachfolgende Untersuchungen brauchen lediglich alle zehn Jahre durchgeführt werden, da sich Polypen, recht langsam zu einem Krebs entwickeln.

 

Prävention auf drei Säulen

Im Mittelpunkt der Primärprävention des Darmkrebs stehen Bewegung, gesunde Ernährung und die regelmäßige körperliche Untersuchung. „13 bis 14 Prozent aller Dickdarmkrebserkrankungen gehen allein auf das Konto körperlicher Inaktivität“, sagte der Sportmediziner Professor Dr. Hans-Georg Predel von der Sporthochschule Köln und verwies auf amerikanische Studien. Auf Basis dieser Untersuchungen lasse sich abschätzen, dass 40 Prozent der Kolonkarzinome mithilfe von Sport und Bewegung vermeidbar wären. Bereits dreimal wöchentlich Spazieren gehen oder Wandern zeige alle positiven Effekte des Gesundheitssports, betonte Predel auf Nachfrage der PZ. Idealerweise sollte man durch körperliche Bewegung zwischen 2000 und 3000 Kilokalorien pro Woche zusätzlich verbrennen. Eine Stunde Spazierengehen verbraucht etwa 350 Kilokalorien, eine Stunde Joggen circa 600.

Welche Art von Bewegung jemand zur Prävention von Krankheiten wählen sollte, hängt entscheidend davon ab, ob sie dem Betreffenden Spaß macht und er seinen Körper als Ressource erlebt. Nur dann betreibt er diesen Sport mit der nötigen Regelmäßigkeit. „Five a week“, also fünfmal pro Woche Sport oder Bewegung zur Prävention von Krebserkrankungen, schlug Predel analog zur „Fünf am Tag“-Kampagne der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) vor.

 

Was bewirkt Bewegung? Körperliche Aktivität
  • reduziert das Risiko vorzeitig zu sterben
  • reduziert das Risiko für einen Tod durch Herzkrankheiten
  • reduziert das Diabetesrisiko
  • reduziert das Risiko für eine Hypertonie
  • reduziert das Hypertonie-Risiko für bereits erkrankte Hypertoniker
  • reduziert das Darmkrebsrisiko
  • reduziert Ängste und Depressionen
  • hilft bei der Gewichtskontrolle
  • kräftigt Muskeln, Knochen und Bindegewebe
  • unterstützt das allgemeine Wohlfühlen

 

Sport auf Rezept

Nicht nur für die Primärprävention wird zuwenig getan. Auch wenn die Patienten bereits erkrankt sind, ist die Prävention weiterer Schäden in der ärztlichen Praxis oft kein Thema. Die Patienten erhalten viel zu selten Angebote, die Folgeschäden bereits bestehender Erkrankungen oder Behinderungen vorbeugen, oder ein Wiederaufflackern überstandener Krankheiten verhindern können. Dabei erkennen die Krankenkassen die Vorteile des Reha-Sports auch für die Lebensqualität der Patienten durchaus an. Sie fördern solche Maßnahmen, wenn der Arzt sie verordnet und sie bestimmten Qualitätskriterien entsprechen. „Die meisten Ärzte wissen leider nicht, dass eine Verordnung von Reha-Sport als ergänzende Leistung der Rehabilitation nach § 44,3 Sozialgesetzbuch IX nicht ihr Budget belastet und schreiben daher viel zu selten Rezepte aus“, kritisierte der Sportwissenschaftler Professor Dr. Klaus Schüle.

In den etwa 600 Krebssportgruppen, die es zurzeit in Deutschland gibt, bewegen sich zu 90 Prozent Frauen, die an Brustkrebs erkrankt waren. Schüle berichtete in diesem Zusammenhang von Ergebnissen eigener Untersuchungen an Sport treibenden und nicht Sport treibenden Patientinnen. Pro Woche bewegten sich die Frauen der aktiven Gruppe zwei- bis dreimal für 30 bis 45 Minuten, mit einer moderaten Belastung von 60 bis 70 Prozent der maximalen Leistungskapazität. Durch den Reha-Sport kam es zu einem signifikanten Anstieg der Zahl natürlicher Killerzellen.

Die Männer haben offenbar die Vorteile des Reha-Sports noch nicht für sich entdeckt. Während die Tageskosten in einem Krankenhaus bei mittlerweile 300 Euro und in einer Reha-Klinik 120 Euro betragen, belaufen sich die Kosten für ein ganzes Jahr Reha-Sport gerade mal auf 140 Euro, geht man von 40 Terminen aus.

Ernährung und Krebs

Eine gesunde Ernährung trägt mit etwa 40 Prozent etwa im gleichen Maß zur Primärprävention von Darmkrebs bei wie regelmäßige Bewegung. Als krebshemmend gelten dabei Ballaststoffe, komplexe Kohlenhydrate, Omega-3-Fettsäuren, die Vitamine A, E, C und Carotinoide, Selen sowie sekundäre Pflanzenstoffe. Krebsfördernd sind eine überhöhte Energie- und Fettzufuhr, ein hoher Anteil an tierischen Fetten, raffinierte Kohlenhydrate, Nitrosamine, Aflatoxine (Schimmelpilzgifte), Benzpyrene (Stoffe, die beim Grillen entstehen können), heterozyklische aromatische Amine (entstehen durch starkes Erhitzen von Lebensmitteln) sowie Alkoholmissbrauch, erklärte Dr. Helmut Oberritter, Wissenschaftlicher Leiter der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE).

Nach Angaben der WHO ist eine wesentliche Ursache für Darmkrebs eine Ernährung, die zu viel Fett, zu viele raffinierte Kohlenhydrate und tierische Fette enthält, bei gleichzeitig zu geringer körperlicher Bewegung, berichtete Oberritter. Weniger Fleisch und mehr Obst und Gemüse reduzieren hingegen das Krebsrisiko, zeigen Untersuchungen. „Aktuelle Daten der EPIC-Studie (European Prospective Inverstigation into Cancer and Nutrition) deuten darauf hin, dass ein täglicher Konsum von 500 Gramm Gemüse und Obst das Auftreten von Krebsformen des Verdauungstraktes um 25 Prozent verringern könnte“, erläuterte Dr. Oberritter.

 

Ernährungsempfehlungen für die Praxis
  1. Übergewicht vermeiden: Viel Bewegung bei energiebilanzierter Ernährung.
  2. Fett sparen. Derzeit werden mehr als 100 Gramm Fett am Tag verzehrt. Wünschenswert wären 60 bis 80 Gramm.
  3. Ausreichend Vitamine, Mineralstoffe, Spurenelemente und sekundäre Pflanzeninhaltsstoffen zu sich nehmen. Fünf Portionen Gemüse und Obst pro Tag (Zielmenge: 500 Gramm) sind auf Grund ihrer komplexen gesundheitsfördernden Zusammensetzung nicht durch Supplemente zu ersetzen.
  4. Ballaststoffreiche Lebensmittel bevorzugen. Wird die tägliche Ballaststoffmenge von 15 auf 35 Gramm gesteigert, verringert sich das relative Krebsrisiko um 40 Prozent.
  5. Täglich Milch und Milchprodukte, mindestens einmal in der Woche Fisch, wenig Fleisch, Wurstwaren und Eier zu sich nehmen.
  6. Wenig Zucker und Salz verwenden.
  7. Viel kalorienfreie Flüssigkeit trinken.
  8. Mäßiger Alkoholgenuss.
  9. Richtige Lagerung und schonende Zubereitung der Lebensmittel.
  10. Essen mit Zeit und Genuss.

 

Bonus als Motivationsspritze

Da bekanntlich der Geist willig, aber das Fleisch schwach ist, möchte die Barmer ihre Versicherten dabei unterstützen, für die eigene Gesundheit in Bewegung zu kommen. Anknüpfend an das Motto „Deutschland bewegt sich“ soll in Zukunft der Hausarzt seine Patienten über die Möglichkeiten beraten, das individuelle Krankheitsrisiko mit präventiven Maßnahmen zu senken. Aus einer großen Palette von Angeboten kann der Versicherte das für ihn Attraktive auswählen, und soll dann seine gesundheitsfördernden Aktivitäten in einem Bonusheft dokumentieren. Der Bonus wird nach den Einsparungen in einem Kalenderjahr finanziert. Davon fließen 70 Prozent an die erfolgreichen Teilnehmer zurück. Geplant ist, dass sie sich entweder für eine Sach- oder eine Geldprämie entscheiden können. Der Rest kommt allen Beitragszahlern zugute. Die Höhe des Bonus wird zum 1. Juli des folgenden Jahres bekannt gegeben. Allerdings können noch nicht alle Versicherten an dem Programm teilnehmen, teilte der Barmer-Vorstand Klaus H. Richter mit. Zunächst wendet es sich an chronisch Kranke, die sich in ein Disease-Management-Programm (DMP) eingeschrieben haben. Als regionale Startgebiete wurden Nordrhein und der Freistaat Sachsen ausgewählt, wo auch die freiwilligen Mitglieder und deren Familienangehörige teilnehmen können. Top

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