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Millionen Schulkinder sind übergewichtig

10.05.2004  00:00 Uhr

Millionen Schulkinder sind übergewichtig

von Anke Pfleger, Berlin

Die Zahl übergewichtiger Kinder in Deutschland nimmt zu. Schon heute leiden 4 bis 8 Prozent der Schulpflichtigen an Adipositas. Das Problem haben nicht nur Ernährungswissenschaftler erkannt. Politiker und Mediziner versuchen zunehmend, die Gesellschaft für eine bewusstere Ernährung zu sensibilisieren.

„Eine Million Schulkinder in Deutschland ist adipös“, sagte Professor Dr. Manfred James Müller von der Universität Kiel. Mit diesem Trend steht die Bundesrepublik nicht allein da. Nach Daten der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sind in Nordeuropa 12 bis 18 Prozent der Kinder übergewichtig, in Südeuropa sogar noch mehr. Dort sind etwa 20 bis 30 Prozent laut WHO-Angaben betroffen, berichtete Müller auf dem Presseseminar „Kinder: Leicht? – Übergewicht bei Kindern und Jugendlichen“ in Berlin. Tendenz steigend.

Diabetes mellitus, Hypertonie, koronare Herzkrankheit und auch verschiedene Tumorerkrankungen wie Dickdarmkrebs sind nur ein kleiner Ausschnitt der Erkrankungen, mit denen die Kleinen im Erwachsenalter als Folge ihrer Überernährung zu kämpfen haben, so Müller. Bereits heute gebe es Beispiele dafür, dass der so genannte Altersdiabetes in Einzelfällen bereits bei adipösen Jugendlichen auftritt. Das genaue gesundheitliche Risiko der Übergewichtigkeit bei Kindern ist bisher nicht genau bekannt. Bekannt ist jedoch, dass 64 Prozent der zu dicken 10- bis 14-Jährigen, bei denen beide Elternteile normalgewichtig sind, und 79 Prozent, bei denen ein Elternteil adipös ist, ihr Leben lang adipös bleiben werden, stellte Müller fest.

Dies bedeutet für die Betroffenen nicht nur in den meisten Fällen soziale und gesellschaftliche Ausgrenzung, Hänseleien sowie gesundheitliche Beschwerden, sondern verkürzt auch die Lebenszeit. Statistische Auswertungen zeigen, dass die Lebenserwartung eines übergewichtigen beziehungsweise adipösen Erwachsenen im Alter von 40 Jahren im Vergleich zu einem Normalgewichtigen etwa drei bis sechs Jahre verkürzt ist. Kommen noch andere Risikofaktoren wie Rauchen hinzu, verringert sich die Lebenszeit noch mehr. Außerdem belastet die Überernährung die Krankenkassen in zunehmendem Maße. Die durch Adipositas verursachten Kosten beliefen sich 1980 in Deutschland noch auf 7,57 Milliarden Euro, im Jahr 1995 waren es schon 10,58 Milliarden Euro. In den USA erreichen die Ausgaben bereits den dreifachen Wert von denen in Deutschland.

Ursachen der frühen Adipositas

Nicht ein einzelner Grund, sondern vielmehr ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren verursachen Adipositas oder Übergewicht im Kindes- oder Jugendlichenalter, erläuterte Professor Dr. Martin Wabitsch von der Universitätsklinik für Kinder und Jugendmedizin in Ulm. Falsche Ernährungs- und Bewegungsgewohnheiten und genetische Veranlagung sind neben Einflüssen aus der Umwelt sicherlich die Hauptgründe. Werbung und das Angebot in Supermärkten beeinflussen den Nahrungsmitteleinkauf. Im Korb landen dabei nicht nur Gemüse, Obst, fettarmes Fleisch oder andere gesunde Nahrungsmittel, sondern auch typische Dickmacher.

Laut einer Befragung von 730 Müttern durch iconkids & youth im Mai 2003 wünscht sich ein Drittel der Kinder im Schnitt ein- bis zweimal pro Woche Produkte zum Essen und Trinken, die die Kleinen in der Werbung gesehen haben. Bei der Befragung zeigte sich, dass der Nachwuchs in Ein-Kind Familien häufiger den Wunsch nach angepriesenen Lebensmitteln äußert als in Mehr-Kind-Familien. Einzelkinder bekommen Konsumwünsche in der Regel häufiger erfüllt, so Ingo Barlovic von iconkids & youth. Dies zeige, dass der Erziehungsstil der Eltern eine wesentliche Rolle spiele. Ein häufigeres „Nein“ von Seiten der Eltern schränke die Wirkung von Werbung ein.

Andererseits seien Kinder und Eltern einer Informationsüberflutung ausgesetzt, die dazu führe, dass die Erinnerung an einzelne Werbekampagnen im Schnitt zurückgehe. Laut Barlovic könne eine drastische Beschränkung der Produktwerbung sogar dazu führen, dass die verbleibende Werbung effizienter wahrgenommen wird. Bisher ließe es sich auch nicht belegen, dass durch Werbung der Verzehr eines bestimmten Lebensmittel- oder Genussmittels zunehmen würde. Vielmehr käme es zu einer Verschiebung der Markenauswahl. Die Anzahl verkaufter Schokoladenkekse zum Beispiel könne Werbung nicht beeinflussen, lediglich die Marktanteile der einzelnen Produkte würden sich ändern.

Hunger und Sättigung

30 bis 45 Minuten nach der Nahrungsaufnahme setzt normalerweise eine natürliche Sättigung ein, die in erster Linie durch einen Dehnungsreiz im Magen ausgelöst wird, erklärte Professor Dr. Volker Schusdziarra des Else-Kröner-Fresenius-Zentrums für Ernährungsmedizin der Technischen Universität München. Vom Magen werden die Sättigungssignale über afferente Fasern an Regulationszentren im Hypothalamus geleitet, was die Freisetzung zahlreicher Neurotransmitter zur Folge hat. Dazu gehören Appetit zügelnde Substanzen wie Noradrenalin, Serotonin, Cholezystokinin oder Cocain-Amphetamin Related Transcript (CART). Gleichzeitig wird aber auch eine zweite Gruppe von Neuropeptiden freigesetzt, die den Appetit anregt. Hierzu gehören Neuropeptid Y, Galanin, endogene Opioide oder Anandamid, ein Cannabinoidrezeptor-Agonist.

Neben der neuralen Vermittlung von Sättigungssignalen im Hypothalamus besteht außerdem eine hormonale Verbindung zwischen Magen und Gehirn, so Schusdziarra. So regt das Hormon Ghrelin die Nahrungsaufnahme an. Nach dem Essen fällt der Ghrelinspiegel zunächst ab und unterstützt auf diese Weise die neural aktivierten Sättigungssignale. Mit zunehmender Verdauung und Resorption der Nahrungsbestandteile steigt der Ghrelinspiegel wieder an und signalisiert Hunger. Neben diesen akuten Regulationsmechanismen beeinflusst auch die vorhandene Körperfettmasse die Nahrungsaufnahme. Hierfür sind Sekretionsprodukte der Fettzellen, wie das Hormon Leptin, verantwortlich. Die Leptinkonzentration im Blut hängt von der Zahl der vorhandenen Fettzellen ab. Hohe Leptinkonzentrationen senken die Ghrelinsekretion und tragen so zum Sättigungsgefühl bei.

Meist funktioniere diese natürliche Regelung der Nahrungsaufnahme, ein Defekt in Form eines Leptinmangels läge nur bei einer sehr kleinen Bevölkerungsgruppe vor, sagte der Referent. Die natürlichen Mechanismen, die Hunger und Sättigung regulieren, lassen sich jedoch durch Sinneseindrücke wie lecker aussehendes und gut riechendes Essen leicht beeinflussen. Sensorische und kognitive Eindrücke überspielen die natürliche Regulation, besonders wenn es um eine Steigerung der Nahrungsaufnahme gehe, räumte Schusdziarra ein.

Gesundes Schulessen

Kinder und Jugendliche aus sozial schwachen Familien leiden deutlich häufiger an Adipositas als Kinder aus besser gestellten Familien. Deshalb setzt Bundesverbraucherministerin Renate Künast in erster Linie auf Aufklärung und Verbesserung der Bildung, um die Zahl der Betroffenen zu reduzieren und die Krankenkassen finanziell zu entlasten. Das Bundesministerium für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft hat gemeinsam mit der deutschen Gesellschaft für Ernährung e. V. (DGE) zwei Kampagnen gestartet, die Kinder zu einer gesunden und ausgewogenen Ernährung hin erziehen sollen. Die Projekte zielen auf Kindertagesstätten und Ganztagsschulen ab. Die DGE bietet Lehrern Fortbildungsveranstaltungen an und berät Schulen, die entweder eine Mittagsverpflegung neu einrichten oder bereits bestehende optimieren wollen. Der bundesweite Beratungsservice für Ganztagsschulen ist kostenfrei. Mitarbeiter des Vereins besuchen auf Wunsch auch Kindertagesstätten und erarbeiten gemeinsam mit Erziehern Ernährungspläne für die Kleinen. Genauere Informationen sind unter ganztagsschule.dge.de oder fitkid.dge.de zu finden.

Neben ambulanten Therapieformen gibt es seit längerer Zeit schon die Möglichkeit, Adipositas über vier bis sechs Wochen in Fachkliniken für Kinder und Jugendliche stationär zu behandeln, sagte Wabitsch. Der Kurzzeiterfolg sei in vielen Evaluationsstudien gut belegt. Im Jahr 2001 haben Krankenkassen 5950 Kindern und Jugendlichen bis 19 Jahre eine Therapie ermöglicht und finanziert. Ein längerer Wirkungsnachweis der in Deutschland angebotenen Maßnahmen sei bisher noch nicht erbracht. Zurzeit stehen 147 ambulante und 95 stationäre Therapieeinrichtungen für adipöse Kinder und Jugendliche zur Verfügung. Eine Liste ist auf der Internetsite der Arbeitsgemeinschaft Adipositas im Kindes- und Jugendalter veröffentlicht (www.a-g-a.de). Top

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