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Ein winziges Virus hält ganz Europa auf Trab

16.04.2001  00:00 Uhr

MAUL- UND KLAUENSEUCHE

Ein winziges Virus hält ganz Europa auf Trab

von Christiane Staiger, Neu-Isenburg

Die Maul- und Klauenseuche (MKS) füllt seit Wochen die Schlagzeilen. Rigorose Bekämpfungsmaßnahmen sind nötig, um die Ausbreitung der ansteckenden Viruserkrankung zu verhindern. Hohe Kosten sind nur eine der Folgen der Seuche. Die jüngsten Erfahrungen aus Großbritannien zeigen, dass auch Apothekerinnen und Apotheker Aufklärungsarbeit leisten können.

MKS ist eine durch ein Virus der Familie Picornaviridae, Gattung Aphothovirus, hervorgerufene Erkrankung der Klauentiere. Die Inkubationszeit beträgt beim Schwein zwei bis zwölf, bei Rind und Schaf einen bis sieben Tage. Rinder bekommen zunächst Fieber, später entwickeln sich im Maul und an den Klauen Blasen, so genannte Aphthen. Auch andere Läsionen an kutanen Schleimhäuten und unbehaarten Teilen der Haut kommen vor. Bei erwachsenen Tieren verläuft die Erkrankung meist gutartig, nur zwei bis fünf Prozent sterben. Besonders bei Jungtieren kann die Virusinfektion allerdings zu schwerwiegenden Komplikationen führen.

Milder sind die klinischen Symptome meist bei anderen Nutztieren, wie Schafen oder Ziegen. Bei Schweinen führt die Krankheit oft zur Lahmheit. Da infizierte Tiere, insbesondere Schweine, schon vor Auftreten deutlicher Symptome große Mengen Virus ausscheiden, andererseits schon geringe Virusdosen zur Ansteckung anderer Tiere ausreichen, breitet sich die MKS schnell aus. Gefürchtet ist eine Verschleppung durch Personen, Fahrzeuge, Produkte und sogar den Wind.

Wirtschaftliche Verluste

Die wichtigste Bekämpfungsstrategie ist das "stamping out", also das Töten befallener sowie möglicherweise infizierter Bestände. Gleichzeitig werden umfangreiche Sperrmaßnahmen verhängt, um den Transport und Handel mit Klauentieren und deren Produkten zu unterbinden. Dies hat wirtschaftliche Gründe: Erkrankte Tiere magern ab und werden apathisch, zudem geht bei Kühen die Milchleistung deutlich zurück. Der wirtschaftliche Verlust wäre für den Landwirt in jedem Fall erheblich. Heilungsversuche sind deshalb generell verboten.

Wird der Ausbruch der Maul- und Klauenseuche in einem Betrieb vermutet oder festgestellt, so wird eine Sperrzone mit einem Radius von mindestens drei Kilometern eingerichtet, die nur nach umfangreichen Desinfektionsmaßnahmen verlassen werden darf. Alle Personen müssen vor jedem Verlassen des Betriebes ihr Schuhwerk reinigen und desinfizieren. Sämtliche Gegenstände, die mit kranken oder verdächtigen Tieren in Berührung gekommen sind, sind ebenfalls nach Anweisung des beamteten Tierarztes zu reinigen und zu desinfizieren. Während der ersten 15 Tage nach Festlegung des Sperrbezirks dürfen Klauentiere, bis auf besondere Ausnahmen, nicht aus ihrem Bestand weggebracht werden ("stand still").

Die Erfahrungen in Großbritannien zeigen, dass gerade beim Thema Desinfektionsmittel die Apotheken in die Bewältigung der Seuche eingebunden waren. Es gab zahlreiche Nachfragen zum Umgang und zur Anwendung der Mittel, bei denen es sich nicht selten um Gefahrstoffe handelt. Am häufigsten wurden Fragen zur korrekten Verdünnung und Handhabung der Formaldehyd-Lösungen beantwortet.

Desinfektionsmethoden

Formaldehyd wird zur Desinfektion als 1- bis 4-prozentige Lösung angewendet. Handelsüblich ist eine etwa 40-prozentige Formaldehydlösung, auch als Formalin bezeichnet. Die Gebrauchslösung muss stets frisch durch Verdünnung mit Wasser hergestellt werden. In 1-prozentiger Lösung ist Formaldehyd entgegen anderslautenden Meldungen nicht krebserregend. Neben dieser Desinfektionslösung wird nach Angaben des Veterinäramts Gießen 2-prozentige Natronlauge eingesetzt. Prinzipiell geeignet ist auch ein 2-prozentiges Ameisensäure-/Glyoxalgemisch, das allerdings Korrosionsschäden an Lacken hervorrufen kann und daher zur Desinfektion von Fahrzeugen ungeeignet ist.

Nach wie vor diskutiert wird die Impfung zur Prävention der weiteren Ausbreitung. Da das Virus in sieben Serotypen (O, A, C, SAT1, 2, 3, Asia 1) und mehreren Subtypen auftritt, sich zudem ständig verändert und neue Stämme bildet, bietet die Impfung ähnlich wie die gegen Influenza keinen generellen Schutz. Die Impfung wurde in der EU daher 1992 eingestellt. Ein weiteres Argument gegen die Impfung war damals, dass die Vakzinierung mit abgeschwächten Viren in der Vergangenheit oft zu Ausbrüchen geführt hatte. Ursache waren vermutlich nicht richtig inaktivierte Viren im Impfstoff. Nach Angaben der Hersteller sind die Impfstoffe heutzutage jedoch sicherer.

Neue Impfstrategien

Wissenschaftler arbeiten derzeit an Tests, die geimpfte Tiere von infizierten unterscheiden können. Der Trick dabei: Die inaktivierte MKS-Vakzinen erzeugen Antikörper ausschließlich gegen bestimmte Eiweiße auf der Oberfläche des Virus, während infizierte Tiere meist auch Antikörper gegen Nicht-Strukturproteine ausbilden. Diese können durch geeignete Tests nachgewiesen werden. Solche Tests stehen zurzeit jedoch noch nicht in kommerziellem Maßstab zur Verfügung.

Ein weiterer Forschungsansatz zielt auf die gentechnische Produktion von MKS-Vakzinen aus einzelnen MKS-Proteinen. Ausbrechen könnte die Erkrankung durch diese Art der Impfung nicht, da hier keine intakten Viren auftreten können.

 

Internetadressen zu MKS

MKS: Permanente Bedrohung unserer Tierbestände

Medizinische Tierklinik LMU München: Maul- und Klauenseuche

Bundesamt für Veterinärwesen (CH): Maul- und Klauenseuche

MAFF Ministry of Agriculture, Fisheries and Food (UK): Foot and mouth disease

Technische Weisung, Reinigung und Desinfektion bei Tierseuchen (CH)

O.I.E. World organisation for animal health

Information zur Maul- und Klauenseuche (MKS)

© 2001 GOVI-Verlag
E-Mail: redaktion@govi.de

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