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Infektionszahlen steigen wieder

29.03.2004
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Aids-Prävention lässt nach

Infektionszahlen steigen wieder

von Conny Becker, Berlin

Durch jahrelange Information zu HIV und neuen medienpräsenten Infektionskrankheiten wie Sars oder der Vogelgrippe hat Aids für viele Deutsche seinen Schrecken verloren. Hierin sehen Experten einen Grund für das nachlassende Schutzverhalten. Vor allem bei homosexuellen Männern stieg die Infektionsrate in 2003 wieder an.

Homosexuelle zählen zu den am besten über HIV und Aids aufgeklärten Menschen in Deutschland. Doch scheinbar haben sie den Respekt vor dem tödlichen Virus verloren. „Wir sehen eine Trendwende bei den HIV-Infektionen, besonders in der Gruppe der Personen mit Risikoverhalten, den schwulen Männern“, sagte Professor Dr. Reinhard Kurth, Präsident des Robert-Koch-Instituts (RKI) in Berlin auf einer gemeinsamen Pressekonferenz des RKI mit der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA). So ist der Anteil männlicher Homosexueller unter den gemeldeten Erstinfektionen in den letzten zwei Jahren gestiegen und beträgt derzeit 41,4 Prozent. Und auch in absoluten Zahlen infizierten sich im vergangenen Jahr mehr Männer bei gleichgeschlechtlichen Sexualkontakten als im Jahr zuvor (mehr als 700 gegenüber 687). Laut dem Halbjahresbericht des RKI konzentrierte sich die Zunahme dieser Meldungen vor allem auf die Großstädte Berlin, Hamburg, München, Köln und Frankfurt.

„Das Risikobewusstsein ist tendenziell im Schwinden begriffen, und es gibt die Vorstellung, dass die Medizin die Krankheit im Griff halten könnte“, sagte Kurth. Antiretrovirale Medikamente seien zwar wertvoll und gut, „heilen aber die Krankheit nicht“. Diesen Eindruck vermitteln Zeitschriften für Homosexuelle jedoch häufig und verniedlichen somit eine HIV-Infektion. „HIV ist kein Schnupfen, man ist lebenslang infiziert“, warnte der RKI-Präsident.

Dass eine höhere Risikobereitschaft gerade bei homosexuellen Männern besteht, zeigen auch die steigenden Zahlen anderer sexuell übertragbarer Krankheiten in dieser Bevölkerungsgruppe. In den letzten Jahren infizierten sich in allen größeren Städten Westeuropas und Nordamerikas deutlich mehr Homosexuelle mit Syphilis oder Gonorrhö als zuvor. Für Deutschland gingen beim RKI in 2003 rund 20 Prozent mehr Syphilismeldungen ein als im Jahr zuvor. Da diese Krankheiten jedoch auch bei Oralverkehr übertragen werden, was beim HI-Virus weitgehend ausgeschlossen ist, muss dies nicht bedeuten, dass auch die HIV-Diagnosen ebenso deutlich ansteigen werden. Auch die bundesweite BZgA-Studie „Aids – wie leben schwule Männer heute“ zeigt, dass die Anzahl von Risikokontakten in den zwölf Monaten vor der Befragung 2003 verglichen mit 1996 von 24 auf 30 Prozent anstieg.

Kondome bleiben unbenutzt

Die seit 1987 jährliche BZgA-Erhebung „Aids im öffentlichen Bewusstsein“ dokumentiert, dass auch in der Allgemeinbevölkerung das Schreckensbild Aids immer mehr verblasst. So geben fast 20 Prozent der Befragten an, dass sie auf Grund neuer Behandlungsmethoden weniger Angst haben, vom HI-Virus infiziert zu sein oder zu werden. 14 Prozent schützen sich aus diesem Grund auch seltener. Dies ist vermutlich auch eine Ursache dafür, dass seit 1998 das RKI erstmals wieder mehr als 1900 Erstdiagnosen zählte. Noch im Jahr 2000 lag deren Zahl unter 1700. In 2003 infizierten sich etwa 1950 Deutsche und damit 230 mehr als im Vorjahr.

Das Informationsniveau zu Infektion und Krankheit sowie die generelle Bereitschaft zum Schutz vor HIV ist weiterhin hoch – knapp 70 Prozent der Alleinlebenden unter 45 Jahre besitzen Kondome. Doch in riskanten Situationen schützt sich diese Gruppe verglichen mit 1996 tendenziell seltener. Zu Beginn einer neuen sexuellen Beziehung verwandten zum Beispiel nur noch 73 Prozent ein Präservativ (2000 waren es 78 Prozent) und auch bei Befragten mit Urlaubsbekanntschaften oder mehreren Sexualpartnern zeigte sich dieser Trend. Unterstrichen wird dies auch von der sinkenden Zahl verkaufter Kondome von 207 Millionen in Jahr 2000 auf 189 Millionen in 2003.

Zielgruppen verstärkt aufklären

Mit gezielten Präventionsmaßnahmen „kann ein Rückgang des Schutzverhaltens verhindert werden“, sagte BZgA-Direktorin Elisabeth Pott. Nachdem in den 90er-Jahren vor allem Reisende Zielgruppe der Präventionskampagnen waren, sind es nun die 16- bis 20-Jährigen. Wie bei den deutschen Touristen griff die verstärkte Aufklärung auch bei den Jugendlichen: 68 Prozent schützen sich mittlerweile immer oder häufig mit Kondomen, verglichen mit 62 in 2002 und 59 in 2001. In Deutschland stecken sich jedoch wieder zunehmend Drogenabhängige mit dem HI-Virus an, nachdem die Zahlen in dieser Gruppe bislang rückläufig waren. In Nordrhein-Westfalen verdoppelten sich die Meldungen von Erstdiagnosen bei Personen mit intravenösem Drogenkonsum zwischen 2002 und 2003 nahezu.

Mit großer Sorge schauen die Experten nach Osteuropa, das laut WHO die weltweit höchsten Zuwachsraten von HIV-Infektionen hat. Parallel zu den zunehmenden Tuberkulosezahlen steigen vor allem in den Staaten der ehemaligen Sowjetunion die Zahl der HIV-Infizierten immer mehr an.

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