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Begleitet bis zum Tod

25.03.2002
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PALLIATIVMEDIZIN

Begleitet bis zum Tod

von Brigitte M. Gensthaler, Stuttgart

Die Palliativmedizin hat sich aus der Hospizbewegung entwickelt. Es geht um die Begleitung todkranker Menschen in ihren letzten Tagen, Wochen und Monaten.

Die Palliativbetreuung ist keine neue Disziplin, sondern folgt der alten ärztlichen Tradition des Linderns und Begleitens. "Sie bejaht das Leben und sieht Sterben als normalen Prozess an", sagte Dr. Claudia Bausewein, München, bei der Interpharm in Stuttgart. Sie wolle den Tod weder beschleunigen noch verzögern. Sie unterstütze den Patienten, damit er so aktiv wie möglich bis zum Tod leben kann. Betreut werden auch die Angehörigen, auch in der Trauerphase.

Auf vier Säulen stützt sich die Palliativbetreuung im Alltag, erklärte die Oberärztin von der Interdisziplinären Palliativmedizinischen Einrichtung des Klinikums Großhadern. Die erste ist die Kommunikation mit dem Patienten und den Angehörigen. Der Arzt müsse über die Erkrankung und mögliche Therapien aufklären, aber gegebenenfalls auch über deren Aussichtslosigkeit informieren. Nicht selten stellt sich dabei die Frage nach Wahrheit und Wahrhaftigkeit. "Wichtig ist es, auf den Menschen einzugehen und zu spüren, wie viel Wahrheit er verträgt."

Deutliche Fortschritte wurden in der Symptomenkontrolle erzielt, der zweite Säule. Durchschnittlich fünf bis acht Symptome quälen den Patienten in seiner letzten Lebensphase, darunter Appetitlosigkeit, Schwäche, Mundtrockenheit, Obstipation, Atemnot, Übelkeit und Erbrechen. 70 bis 80 Prozent der Patienten leiden an Schmerzen, die vielfach gelindert werden können. Der Schmerz ist mehrdimensional, weiß Bausewein. Neben physischen Einflüssen spielen Angst, Wut, Sorgen oder Depressionen eine wichtige Rolle. Schwierig zu behandeln seien neuropathische Schmerzen, da Morphin oft nicht wirke.

  

Lebensqualiät als erstes Ziel Palliativmedizin wird definiert als Behandlung von Patienten mit einer nicht heilbaren, progredienten und weit fortgeschrittenen Erkrankung mit begrenzter Lebenserwartung. Laut WHO umfasst die Palliativbetreuung die aktive ganzheitliche Betreuung des Patienten und seiner Familie durch ein interdisziplinäres Team. Die Kontrolle von Schmerz und anderen Symptomen sowie psychosoziale und spirituelle Probleme des Patienten stehen im Vordergrund. Ziel ist die bestmögliche Lebensqualität.

  

Um dem Patienten den Erhalt seiner noch gegebenen Fähigkeiten zu ermöglichen, ihn zu stützen und zu fördern, biete man ihm Ergo-, Kunst- und Musiktherapie an. Schließlich geht es um die Betreuung in der Endphase. Sterbegleitung heißt für die Ärztin: "nebenher gehen, wobei der Patient Weg, Tempo und Richtung bestimmt" und "dabei bleiben bis zum Schluss". Die Verabschiedung sei sehr wichtig für die Angehörigen, aber sie müsse in einem würdevollen Rahmen ablaufen, und dürfe nicht im Arztzimmer oder gar der Pathologie stattfinden. Auch Rituale können den Abschied erleichtern.

Palliativstationen und Hospize

Die Palliativbetreuung ist nicht auf Spezialstationen beschränkt. "Im Klinikum Großhadern betreuen wir konsiliarisch Patienten auf allen Stationen, auch niedergelassene Ärzte können sich bei uns beraten lassen", sagte Bausewein. Daneben gibt es die ambulante Betreuung und Tageshospize.

Stationäre Aufnahme bieten Palliativstationen und Hospize. Erstere sind an Krankenhäuser angegliedert und zielen darauf ab, dass die Patienten mit einer guten Therapie entlassen werden können, erklärte die Ärztin. Die Verweildauer beträgt durchschnittlich zehn Tage, die Krankenkasse trägt die Kosten. Dagegen sind Hospize eher pflegerische Einrichtungen für Menschen, die nicht mehr zu Hause leben können. Sie werden weiter von ihrem Hausarzt betreut und leben im Durchschnitt zwanzig Tage im Hospiz. Zur Finanzierung sind neben Krankenkasse und Pflegeversicherung auch Eigenleistungen nötig. Derzeit gibt es etwa 81 Hospize und 65 Palliativstationen in Deutschland.

 Kommentar

Ungewöhnlicher Appell Es war ein bewegender Vortrag, nachdenklich stimmend, die Seele anrührend. "Die Palliativbetreuung bejaht das Leben." Keine nüchterne Definition. Das Bekenntnis zum Leben, das nicht an Bedingungen geknüpft ist, war auch "zwischen den Zeilen" im Vortrag von Dr. Claudia Bausewein immer wieder herauszuhören. Die Zuhörer fühlten sich zutiefst angesprochen; phasenweise war es ungewöhnlich still im Saal. Sie verstanden, dass es nicht bloß um den richtigen Einsatz der richtigen Medikamente und eine korrekte Beratung im Sinne der pharmazeutischen Betreuung geht. Die Begleitung schwerstkranker Menschen bis zum Tod fordert die persönliche Auseinandersetzung mit den eigenen Vorstellungen von Leben und Tod heraus. Dabeibleiben bis zum Schluss will ertragen werden; es erfordert, einen Weg zwischen Nähe und Distanz zu finden. Kann man dies lernen? Eine Apothekerin aus dem Auditorium, die selbst in der Hospizarbeit tätig ist, riet ihren Kollegen, einen Kurs in Palliativbetreuung zu belegen, um Fingerspitzengefühl zu entwickeln und um sich mit der eigenen Angst vor dem Sterben auseinander zu setzen. "Haben wir keine Angst vor dem, was uns alle sicher erwartet." Ein ungewöhnlicher Appell am Ende eines Fortbildungstages.

Brigitte M. Gensthaler, Redakteurin

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