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Besiegt, aber nicht vernichtet

25.02.2002
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PEST

Besiegt, aber nicht vernichtet

von Christina Hohmann, Eschborn

Die Pest ist der Inbegriff aller Seuchen. Im Mittelalter hat die Infektionskrankheit ganze Dörfer und Landstriche entvölkert. Heute tritt sie nur noch sporadisch in einigen Ländern auf. Dennoch sorgen vereinzelte Erkrankungen in weit entfernten Regionen trotz guter Therapiemöglichkeiten noch für Schlagzeilen, denn die Angst vor dieser Geißel der Menschheit sitzt tief.

Die seit der Antike bekannte Pest hat sich immer wieder in katastrophalen Seuchenzügen über die verschiedenen Kontinente ausgebreitet. Zwischen 1347 und 1352 fordert eine als der "schwarze Tod" bezeichnete Pandemie über 50 Millionen Menschenleben, davon etwa die Hälfte in Europa. Das entspricht rund einem Drittel der damaligen Bevölkerung. Ausgelöst hat dieses Massensterben vermutlich ein Krieg auf der Krim: Ein Tartarenfürst katapultierte Leichenteile seiner an Pest gestorbenen Soldaten in die belagerte Stadt Kaffa. Die Bevölkerung floh vor der Epidemie und verbreitete so den Erreger.

Nach einigen kleineren Ausbrüchen kam es 1896 zur letzten großen Pandemie (eine sich über mehrere Länder verbreitende Epidemie), die insgesamt zwölf Millionen Menschenleben kostete. Der Erreger verbreitete sich von Asien ausgehend über Ratten an Bord von Handelsschiffen in die großen Häfen der Welt.

Die gewaltigen Ausmaße dieser Epidemien machen deutlich, wie groß die Angst vor der Pest in der Bevölkerung gewesen sein muss. Rund 60 Schutzheilige der katholischen Kirche sollten den Gläubigen vor dieser "Geißel der Menschheit" beschützen. Und auch heute noch ist weniges so emotional besetzt wie die Pest, weshalb Meldungen von neuen Krankheitsfällen noch immer für Schlagzeilen sorgen.

Eine klassische Zoonose

Die Pest ist eine fiebrige, hochgradig ansteckende Infektionskrankheit, verursacht von dem Bakterium Yersinia pestis. Sie kann in den drei Verlaufsformen Beulenpest, Lungenpest und Pestsepsis auftreten. Der Schweizer Alexandre Emile Yersin und der Japaner Shibasaburo Kitasato entdeckten 1894 den Erreger - ein unbegeißeltes, kurzes, bekapseltes, gramnegatives Stäbchenbakterium aus der Familie der Enterobacteriaceae. Ursprünglich kommt der Keim in wildlebenden Nagetieren vor, in deren Populationen er sich meist durch Flöhe, selten aber auch durch direkten Kontakt mit kranken Tieren verbreitet. Auch der Mensch kann sich durch Flöhe mit Yersinia pestis infizieren. Somit ist die Pest eine klassische Zoonose - eine Infektionskrankheit, die zwischen Mensch und Wirbeltieren übertragen wird. Über Menschenflöhe, die sich an Erkrankten infizieren, kann sich der Erreger dann von Mensch zu Mensch weiterverbreiten. Auch die Ansteckung über Tröpfcheninfektion ist möglich, allerdings nur im Falle der Lungenpest. Yersinia pestis ist dabei äußerst infektiös: Allein 100 bis 500 eingeatmete Bakterien reichen aus, um eine Erkrankung auszulösen.

Je nach Infektionsweise und Verlauf treten verschiedene Formen der Pest auf. Die häufigste ist die Bubonen- oder Beulenpest, die nach Flohbissen entsteht. Nach einer Inkubationszeit von etwa zwei bis sechs Tagen setzt die Erkrankung mit starkem Fieber, Schüttelfrost, Kopfschmerzen und schwerem Krankheitsgefühl ein. Der Erreger gelangt durch den Flohbiss in das Lymphsystem und somit in die Lymphknoten, die sich schmerzhaft entzünden und bis zu einer Größe von 10 cm anschwellen. Diese eitrigen Beulen gaben der Erkrankung ihren Namen. Wenn die Lymphknoten aufbrechen, ist zwar eine Heilung möglich, oft tritt der Erreger dabei aber in die Blutbahn über und es kommt zu tödlichen Komplikationen. So kann das Bakterium zum Beispiel die Lunge und andere Organe befallen und schwere Hautblutungen verursachen, deren dunkle Farbe der Erkrankung die Bezeichnung "schwarzer Tod" einbrachte.

Die Lungenpest ist die gefährlichste und am schnellsten fortschreitende Form der Erkrankung. Sie kann entweder als eine Komplikation der Bubonenpest auftreten (sekundäre Lungenpest) oder als Folge einer Tröpfcheninfektion (primäre Lungenpest). Nach einer sehr kurzen Inkubationszeit von ein bis zwei Tagen beginnt die Krankheit heftig mit starkem Fieber, Schüttelfrost und Muskelschmerzen. Außerdem leiden die Patienten unter Atemnot und schmerzhaftem Husten. Der schwarze, blutige Auswurf der Kranken ist hochinfektiös. Unbehandelt verläuft die Krankheit fast immer tödlich: Das Fieber steigt immer stärker an, die Patienten werden lethargisch, erschöpft, verwirrt, entwickeln Krämpfe und verfallen in ein Delirium. Sie sterben meist nach zwei bis fünf Tagen an einem Lungenödem und Kreislaufversagen.

Eine weitere ernsthafte, fast immer tödliche Komplikation der Bubonenpest ist die Pestsepsis. Der Erreger tritt in die Blutbahn über, verteilt sich im gesamten Körper und befällt verschiedene Organe. Oft wird die Pestsepsis nicht rechtzeitig erkannt. Die häufigen gastrointestinalen Symptome der Patienten wie Übelkeit, Erbrechen, Durchfall und Magenschmerzen erhöhen die Chancen einer Fehldiagnose zusätzlich. Für die Diagnosestellung werden die Erreger im Blut, Sputum oder im Lymphknoteneiter der Patienten mikroskopisch und durch Kultur nachgewiesen. Die ersten Fälle einer Epidemie werden meist nicht als solche identifiziert, vor allem wenn es sich um Lungenpest handelt. In einer Epidemiesituation fällt die Diagnose dagegen leichter.

Möglichst schnell therapieren

Die Pest ist heute mit Hilfe einer raschen Antibiotikabehandlung, die möglichst innerhalb von acht Stunden nach der Infektion erfolgen sollte, heilbar. Allein der Verdacht einer Ansteckung begründet den sofortigen Beginn einer Therapie mit Streptomycin, dem Mittel der Wahl, Tetracyclinen oder Chloramphenicol. Penicilline, Cephalosporine, Makrolide und Fluoroquinone sind kaum wirksam. Die Therapie sollte mindestens zehn Tage dauern oder bis der Patient drei Tage fieberfrei ist. Mit Hilfe der Antibiotikabehandlung kann man die Letalität der Lungenpest von fast 100 Prozent auf etwa 20 Prozent senken, bei der Beulenpest stehen die Chancen auf Heilung wesentlich besser.

Die beste Prophylaxe ist, den Erreger zu vermeiden. Bei Verdacht auf eine Pesterkrankung sollten die Patienten daher isoliert und in einer Spezialklinik behandelt werden. Die Übertragung von Mensch zu Mensch ist zwar nur bei der Lungenpest möglich, dort ist das Risiko aber auf Grund der hohen Infektiösität des Erregers besonders hoch. Deshalb sollte man alle Kontaktpersonen vorsorglich isolieren und mit Antibiotika behandeln. Wer aber wie medizinisches Personal den Kontakt mit Infizierten nicht vermeiden kann, sollte zur Vorsorge Tetracycline oder Sulfonamide einnehmen. Schutzimpfungen gibt es weltweit keine. Die in den Vereinigten Staaten zugelassene Impfung gegen Pest wurde 1999 wegen starker Nebenwirkungen und zu geringer Schutzwirkung aus dem Handel genommen.

Die gute Wirksamkeit der antibiotischen Behandlung hat die Seuche stark eingedämmt und zu großen Teilen ihren Schrecken genommen. Allerdings ergab ein Planspiel in den USA ein eher negatives Bild für einen eventuellen Notfall: Bei einer simulierten Pestepidemie in Denver zeigte sich, dass zu wenig medizinisches Personal und Antibiotika verfügbar waren. Die Medikamente reichten bei weitem nicht aus, alle Kontaktpersonen der fiktiven Kranken zu behandeln. Nur eine Ausgangssperre konnte die völlige Durchseuchung der Zweimillionenstadt verhindern. Nach 84 Stunden brach die Einsatzleitung das Planspiel ab - zu diesem Zeitpunkt waren bereits fast 1000 Menschen an der Pest gestorben. Vor einer Epidemie sind also auch die Industrienationen nicht geschützt.

Vereinzelte Pestherde

Während die Pest früher in furchtbaren Epidemien grassierte, treten heute nur noch vereinzelte Krankheitsfälle und kleinere Ausbrüche auf. Zumindest in den Industriestaaten könnte man den Eindruck gewinnen, die Seuche sei endgültig besiegt. Aber der Erreger hält sich hartnäckig in einigen natürlichen Pestherden. Da die meisten Nagetiere nicht schwer erkranken, bleiben Massensterben normalerweise aus. Somit kann der Erreger Yersinia pestis in den Nagerpopulationen persistieren und in Einzelfällen von Flöhen auf den Mensch übertragen werden. Solche Pestherde existieren in verschiedenen Teilen Asiens, Afrikas, Nord- und Südamerikas (siehe Grafik).

1999 meldeten 14 Länder der Weltgesundheitsorganisation (WHO) insgesamt 2603 Erkrankungen und 212 Tote. Über drei Viertel der Fälle traten in Afrika auf. In letzter Zeit wurden Ausbrüche in Vietnam, Myanmar, Tansania, Madagaskar, Mosambik und Peru gemeldet. Erst vor kurzem erkrankten und starben vier Menschen in Indien im Bundesstaat Himachal Pradesh an Lungenpest. Der letzte Ausbruch der Krankheit kostete 1994 rund 100 Menschen das Leben, nachdem Indien über 30 Jahre pestfrei gewesen war.

Auch in den USA sterben immer wieder Menschen an der Pest. So meldeten die Vereinigten Staaten in den Jahren 1980 bis 1994 insgesamt 229 Erkrankungen und 33 Todesfälle. Dies entspricht einer Letalität von 14 Prozent die deutlich höher liegt als in einigen Entwicklungsländern. Für deutsche Urlauber in den USA oder in anderen Endemiegebieten besteht aber keine Gefahr. Allerdings sollte man sich in Regionen, die als natürliche Pestherde bekannt sind, von Rattenkadavern fernhalten und eventuell Repellents gegen Rattenflöhe benutzen. Top

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