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Ernährungstrends im Wandel

14.02.2005  00:00 Uhr

Ernährungstrends im Wandel

von Hannelore Gießen, München

Bei Fettstoffwechselstörungen aufs richtige Fett setzen, mit Folsäure erhöhte Homocysteinspiegel senken, mit „Low-carb-diet“ statt „Low-fat-diet“ gegen Übergewicht vorgehen – aktuelle Trends in der Ernährungswissenschaft heben manch alte Postulate auf.

In den Regalen amerikanischer Supermärkte stehen jetzt Schweineschwarten statt Kartoffelchips. Dort hat sich die Trendwende von der Empfehlung „fettreduziert“ zu „kohlenhydratreduziert“ bereits vollzogen, hier wird sie heiß diskutiert, berichtete Professor Dr. Heinrich Kasper aus Würzburg. Auf einer vom Institut für Qualitätssicherung in Ernährungstherapie und -beratung (QUETHEB) initiierten Fortbildung stellte er eine eigene ältere Untersuchung vor, bei der adipöse Patienten entweder eine fettreduzierte Kost erhalten hatten oder aber der Kohlenhydratanteil auf 20 Gramm pro Tag begrenzt worden war, Fett und Eiweiß jedoch frei gewählt werden konnten. Beide Diäten enthielten gleich viele Kalorien; sie unterschieden sich nur im Verhältnis von Fett zu Kohlenhydraten. Nach sechs Monaten hatten Patienten, die kohlenhydratreduziert gegessen hatten, deutlich mehr abgenommen als die Teilnehmer der anderen Gruppe; nach zwölf Monaten war der Unterschied jedoch nicht mehr signifikant. Neuere Studien zeigen ähnliche Ergebnisse.

Welche Ursachen dem Effekt zu Grunde liegen, ist laut Kasper noch völlig offen. Am plausibelsten erscheine eine mögliche Hemmung des Appetitzentrums durch Ketonkörper, die bei der Lipolyse entstehen. Bei manchen Patienten trete jedoch unter der auch als Atkinsdiät bezeichneten Diät ein Mineralienmangel auf, der ausgeglichen werden müsse, mahnte der Ernährungsmediziner. „Wir stehen noch ganz am Anfang. Eine sechsmonatige Low-carb-diet beinhaltet jedoch kein Risiko für einen adipösen Patienten und ist möglicherweise effektiv; langfristige Studien liegen noch nicht vor“, sagte Kasper.

Lipide unter der Lupe

Dass unterschiedliche Fettstoffwechselstörungen auch unterschiedliche Ernährungsempfehlungen erfordern, unterstrich Professor Dr. Werner Richter vom Institut für Fettstoffwechsel und Hämorheologie in Windach. So komme es darauf an, ob eher erhöhte LDL-Werte oder die Triglyceride gesenkt werden sollen. Lag früher das Hauptaugenmerk zur Verminderung des LDL-Cholesterins auf einer Fettreduktion, so steht jetzt die richtige Zusammensetzung der Fette im Vordergrund: Gesättigte Fettsäuren, die die Aktivität der LDL-Rezeptoren auf den Hepatozyten verringern, sollten durch ein- oder mehrfach ungesättigte Fettsäuren ersetzt werden. Eine Kost, die weniger als 30 Prozent Fett enthalte, werde heute bei der isolierten Hypercholesterinämie nicht mehr empfohlen; das Essen dürfe bis zu 35 Prozent des Gesamtbedarfs aus Fett bestehen, erklärte Richter.

Bei einer isolierten Hypertriglyceridämie treibe eine fettarme Kost den Triglyceridspiegel sogar noch weiter in die Höhe. So würden bei Fettreduktion mehr kleine dichte LDL-Partikel gebildet, die leicht oxidierbar und damit besonders atherogen sind. Eine fettarme, an Alkohol sowie Mono- und Disacchariden reiche Ernährung stößt die Synthese und den Umsatz von Triglycerid-reichen VLDL in der Leber an. Am effektivsten sei es daher, auf Alkohol zu verzichten. „Jeder Tropfen Alkohol erhöht die Triglyceride“, machte der Ernährungsmediziner deutlich. In zweiter Linie gelte es Glucose, Fructose und Saccharose sowie Nikotin einzuschränken. Erst wenn der Trigyceridspiegel dadurch nicht ausreichend absinkt, sollte der Anteil gesättigter Fette reduziert werden, nicht jedoch der Gesamtfettgehalt. Günstig auf die Triglyceride wirke sich eine tägliche Gabe von 1,5 Gramm Omega-3-Fettsäuren aus, die umgekehrt die VLDL-Synthese hemmen.

Doch häufig sind sowohl das LDL-Cholesterin als auch die Triglyceride erhöht. Eine familiär kombinierter Hyperlipidämie trete mit einer Prävalenz von 1:50 auf, hob Richter hervor. Die Familienanamnese für koronare Herzkrankheit ist bei diesen Patienten meist positiv, wobei sich die Erkrankung in der Familie in unterschiedlichen Phänotypen manifestieren kann. Charakteristisch ist ein Anstieg der Triglyceride bis zu 400 mg/dl und ein LDL-Wert über 160 mg/dl. Entscheidend für den therapeutischen Erfolg sind Gewichtsreduktion sowie viel Bewegung. In der Beratung sei es sinnvoll, diätetische Maßnahmen dabei auf die Triglyceride zu konzentrieren, fasste Richter zusammen.

Homocystein als Risikofaktor

Ein Infarkt am Herzen oder im Gehirn kann das Leben schlagartig ändern. Nur bei zwei Drittel aller Patienten finden sich jedoch die bekannten Risikofaktoren, so dass Atheroskleroseforscher davon ausgehen, dass in die Äthiologie der Erkrankung noch weitere Parameter eingehen. Seit einigen Jahren wird die schwefelhaltige Aminosäure Homocystein, die im Körper als Zwischenprodukt des Methioninstoffwechsels entsteht, als eigenständiger Risikofaktor für atherosklerotische Veränderungen diskutiert. Professor Dr. Wolf Rafflenbeul von der Medizinischen Hochschule Hannover bewertete den augenblicklichen Wissensstand anhand der VISP-Studie (Vitamin Intervention for Stroke Prevention): Mit einer Gabe von 2,5 mg Folsäure, kombiniert mit 25 mg Vitaminen B6 sowie 0,4 mg B12, sank der Homocysteinspiegel zwar von 13,4 auf 11,0 µmol/l, das Risiko für atherosklerotische Gefäßschäden wurde damit jedoch nicht geringer. Nur Patienten mit Niereninsuffizienz und sich früh manifestierenden Gefäßerkrankungen würden von der Vitamingabe profitieren, fasste Rafflenbeul zusammen. Sein Fazit: „Die großen Probleme bei der Behandlung von Patienten mit Gefäßleiden sind nach wie vor Bluthochdruck und Bewegungsmangel.“ Top

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