Pharmazeutische Zeitung online

Risiko lässt sich bestimmen

03.02.2003
Datenschutz bei der PZ
Plötzlicher Herztod

Risiko lässt sich bestimmen

von Dagmar Knopf, Berlin

Allein in Deutschland sterben jährlich 100.000 Menschen am plötzlichen Herztod. Fängt das Herz verhängnisvoll an zu flimmern, kommt meist jede Hilfe zu spät. Berliner Wissenschaftler arbeiten derzeit an verfeinerten Elektrokardiogrammen, mit denen sie Risikopatienten rechtzeitig erkennen können.

Fortschritte bei Diagnose und Behandlung von Herzrhythmusstörungen stellten die Ärzte während eines Symposiums Ende Januar in Berlin vor. Moderne Diagnostikmethoden sind ein Schwerpunkt der universitären Herzrhythmusforschung am Universitätsklinikum Benjamin Franklin unter Leitung von Professor Dr. Heinz-Peter Schultheiss.

Das tückische Vorhofflimmern – eine Form der tödlichen Herzrhythmusstörungen - ist kein seltenes Phänomen. Bei 0,4 Prozent der Gesamtbevölkerung gerät das Herz aus dem Takt, das entspricht jedem Zweihundertsten. Und das Risiko steigt mit zunehmendem Alter. Mit 65 Jahren liegt die Gefahr bereits bei 5 Prozent und erreicht in der Gruppe der über 80-Jährigen 15 Prozent.

Erstaunlicherweise sterben besonders viele Menschen am plötzlichen Herztod, die zuvor nicht wegen einer Herzerkrankung in Behandlung waren. Herzinfarktpatienten hingegen, die auf Grund von Narbengewebe ein wesentlich größeres Risiko für Herzrhythmusstörungen tragen, erleiden den Sekundentod viel seltener. Grund hierfür ist die engmaschige Kontrolle der Erkrankten. Fallen bei ihnen unter Belastungs-EKG Unregelmäßigkeiten auf, tendieren die Ärzte zur Implantation eines Defibrillators.

Das mittlerweile 80 Gramm leichte Gerät, das in einer Brusttasche unter dem linken Schulterbein Platz findet, gibt bei Störungen der Erregungsleitung durch ein in der Herzkammer liegendes Kabel einen elektrischen Impuls ab und bringt darüber die Herzfrequenz wieder in Gleichklang. Dadurch reduziert sich das Risiko der Patienten für Kammerflimmern deutlich.

Kardiogramm ohne Elektroden

Neben der Auswurffraktion des Herzens, also der Menge an Blut, die das Herz pro Kontraktion der Kammer hinauspumpt, setzen die Ärzte inzwischen hochauflösende und computerisierte Elektrokardiogramme ein, mit deren Hilfe sie das Risiko des Patienten für den plötzlichen Herztod gut einschätzen können. Besonders genau arbeitet das Verfahren der Magnetkardiographie. Ohne Anlegen von Elektroden leitet es das Magnetfeld des Herzens ab und gibt darüber sehr genaue Auskunft über die Weiterleitung von Erregungen im Herzen. Schon bald, so hoffen die Mediziner, könnten die neuen Verfahren Einzug in die medizinische Praxis erhalten. Dank ihrer Hilfe ließe dann auch bei Risikopatienten wie Menschen mit genetischer Veranlagung, koronarer Herzkrankheit und Patienten mit der Herzmuskelschwäche DCM (dilatative Kardiomyopathie) die Gefahr für den plötzlichen Herztod schnell diagnostizieren.

Ist eine Herzrhythmusstörung erkannt, hat der Patient gute Chancen auf Heilung. Eine hierzu eingesetzte Methode ist die Herzkathederbehandlung. Dabei führt der behandelnde Arzt einen Katheder ins Herz ein und erwärmt mit dessen vier Millimeter kleinen Spitze gezielt einen speziellen Teil des Herzgewebes kurzfristig auf 50 bis 60 Grad Celsius. Dadurch sterben die so behandelten Herzmuskelzellen ab und lassen kleinste Narben zurück. Diese Narben wirken elektrisch isolierend und verhindern so das Ausbreiten von Rhythmusstörungen über diesen Bereich. Die Erfolgsquote der so genannten katheterbasierten Radiofrequenz-Ablationsbehandlung ist hoch. 95 bis 99 Prozent der Patienten gelten danach als geheilt.

Theoretisch könnte auch diesen Patienten ein Defibrillator implantiert werden, allerdings ist der Schock, den das Gerät auslöst für die Patienten schmerzhaft. Daher stellt die Ablation heute das wichtigste Therapieverfahren zur Behandlung der meist in den Vorhöfen entstehenden Rhythmusstörungen dar, wie etwa von plötzlich einsetzenden, regelmäßigen Herzrasen und Vorhofflattern. Auch Vorhofflimmern kann bei einigen Patienten unter bestimmten Voraussetzungen ablativ behandelt werden. Hat ein Patient jedoch bereits einen Herzinfarkt erlitten, erhält er meist einen Defibrillator. Denn die Ablation erfordert eine fünf- bis sechsstündige Operation und stellt daher für diese Patienten eine zu große Belastung dar.

 

Herzrhythmusstörungen Rhythmusstörungen können durch Veränderungen der Erregungsbildung oder der Erregungsleitung zustande kommen.

I. Erregungsbildung
Der normale Sinusrhythmus liegt bei 60 bis 100 pro Minute.

  1. Sinustachykardie
    Die Sinusfrequenz steigt über 100 pro Minute
  2. Sinusbradykardie
    Die Sinusfrequenz sinkt unter 60 pro Minute

II. Erregungsleitung
Beim gesunden Menschen wird die Erregung aus der Vorkammer über den AV-Knoten in die Hauptkammer (Ventrikel) geleitet.

  1. Vorhoftachykardie
    Der Vorhof hat eine Frequenz von bis zu 200 pro Minute und überträgt dies auf die Herzkammer.
  2. Vorhofflattern
    Die Vorhoffrequenz erreicht Werte von bis zu 350 pro Minute. Jetzt wird nur noch jede zweite oder dritte Erregung weitergeleitet.
  3. Vorhofflimmern
    Die Frequenz des Vorhofs steigt auf bis zu 500 pro Minute an. Die Ventrikelerregung ist völlig unregelmäßig.

 

Top

© 2003 GOVI-Verlag
E-Mail: redaktion@govi.de

Mehr von Avoxa