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Atkins ist wieder da

24.01.2000
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-MedizinGovi-Verlag

Atkins ist wieder da

von Annette Immel-Sehr, Bonn

1977 brach in Deutschland die "Diät-Revolution" aus. Unter diesem Titel erschien ein Buch des Amerikaners Robert C. Atkins, das den kalorienreichen Weg zu gesunder Schönheit versprach. Ein Bestseller, der die Dicken und die, die sich dafür hielten, eine Zeit lang in Aufregung versetzte. Dann folgten neue Modediäten, und um Atkins wurde es still. Doch seit letztem Jahr ist er wieder da - mit der "neuen Atkins-Diät".

Nach eigenen Aussagen handelt es sich um eine Traumdiät – luxuriös, vernünftig, gesund und abwechslungsreich. Atkins verspricht, dass man das erreichte Gewicht dauerhaft halten kann. Die Diät ist nämlich nicht als kurze Kur, sondern als dauerhafte Ernährungsform gedacht.

Atkins vertritt nach wie vor die These, dass der Fettleibigkeit ein gestörter Kohlenhydratstoffwechsel zu Grunde liegt. Kohlenhydrate werden in ungesunde und weniger ungesunde eingeteilt. Ungesunde, wie zum Beispiel Zucker, weißes Mehl, Milch und weißer Reis, sollte man grundsätzlich meiden. Diese Lebensmittel führen zu einer starken Insulinausschüttung, die wiederum für das Einlagern von Fetten verantwortlich ist. Die gesünderen Kohlenhydrate, zu denen Stärke und Früchte zählen, sind in sehr geringen, klar definierten Mengen erlaubt. So zählt man bei der Atkins-Diät nicht die Kalorien, sondern überwacht die Kohlenhydratmengen. Während der Diät steigt die erlaubte Menge an Kohlenhydraten stufenweise an.

Die Atkins-Diät besteht aus vier Phasen, von denen die letzte schließlich dazu dienen soll, das Gewicht ein Leben lang zu halten. Die Einstiegsphase dauert 14 Tage. In dieser Zeit sind Brot, Getreide, stärkehaltige Gemüse, Früchte und Milchprodukte außer Käse, Sahne und Butter absolut verboten. In den ersten beiden Diätstufen nimmt man die erlaubte Kohlenhydratmenge mit kleinen Portionen Gemüse und Salat zu sich. Hat man dann das "Idealgewicht" erreicht, darf es wieder etwas mehr sein. Atkins definiert dazu die "kritische Kohlenhydratschwelle", die jeder für sich individuell finden muss. Sie soll für viele Menschen bei 25 bis 30 Gramm, mitunter aber bei 60 Gramm pro Tag liegen. Überschreitet man die kritische Schwelle, nimmt man wieder zu. Bleibt man darunter, hält man das Gewicht, so Atkins.

Fleisch, Fisch, Meeresfrüchte, Eier und Käse dürfen ad libitum auf dem Speiseplan stehen. Dazu kommen fettreiche Soßen und Butter in beliebiger Menge, ganz wie es schmeckt.

In der extremen Situtation der minimalen Kohlenhydratzufuhr baut der Körper Fett zu Ketonkörper ab und zieht sie zur Energiegewinnung heran. Ein gewünschter Nebeneffekt ist, dass Ketone das Hungergefühl dämpfen. Wenn man den typischen Ketongeruch im Atem wahrnimmt oder Ketone im Urin mittels Teststreifen nachweisen kann, ist dies eine Erfolgssignal, das motivieren soll. Der Fettabbau ist dann in vollem Gange. Atkins hat dafür den Begriff der "benignen Diät-Ketose" erfunden.

Die Atkins-Diät steht daneben auf zwei weiteren Säulen: sportliche Betätigung und Einnahme von Ernährungszusätzen. Damit sind Vitamin- und Mineralstoffpräparate sowie essenzielle Fettsäuren und andere "Ernährungswirkstoffe" wie L-Carnithin, Coenzym Q10 oder Pyridoxin-Alpha-Ketoglutarat gemeint.

Bewertung

Die Atkins-Diät ist auch 23 Jahre nach der Revolution abzulehnen. Sie ist eine extrem einseitige und gesundheitsschädliche Mangel- und Fehlernährung, besonders wenn man sie längere Zeit umsetzt. Vor allem für Patienten mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Gicht ist die Diät riskant, da die bevorzugten Lebensmittel zu einer erhöhten Aufnahme gesättigter Fettsäuren und Purine führen. Gleichzeitig ist der Ballaststoffanteil sehr gering. Durch die erhöhte Ketonkörperbildung mit nachfolgender Acidose wird der Säure-Base-Haushalt des Körpers stark belastet. Die Gefahr einer Unterversorgung mit Vitaminen und Mineralstoffen gibt Atkins indirekt selbst zu, indem er zusätzlich entsprechende Präparate empfiehlt.

Die These von der Schädlichkeit der Kohlenhydrate entbehrt jeder Grundlage. Im Gegenteil: Nach der gängigen Lehrmeinung ist der Anteil der Kohlenhydrate in unserer Ernährung sogar deutlich zu niedrig. Er sollte bei mindestens 300 Gramm pro Tag liegen.

Die Atkins-Diät deckt den Energiebedarf in erster Linie durch Fett, in zweiter Linie durch Eiweiß. Mit einer kohlenhydratarmen, fettreichen Diät lässt sich tatsächlich eine Gewichtsreduktion erzielen. Ursache dafür ist ein gesteigerter Energieumsatz. Dazu kommt, dass viele, die die Atkins–Diät umsetzen, schon bald freiwillig die Energieaufnahme einschränken. Sie entwickeln einen Widerwillen gegen die einseitige Feiertags-Kost mit viel Fett. Wie ein altes Sprichwort sagt: "Nichts ist schwerer zu ertragen, als eine Reihe von guten Tagen!"

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