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Wenn sich Allergene ähneln

17.01.2005  00:00 Uhr
Nahrungsmittelallergien

Wenn sich Allergene ähneln

von Astrid Menne, Hersbruck

Seit Jahren nehmen Allergien hier zu Lande zu. Ein Grund dafür ist auch unser drastisch veränderter Speiseplan: Exotisches Obst, asiatische Küche oder Convenience-Produkte mit zahlreichen Aroma-, Hilfs- und Zusatzstoffen zählen zu den alltäglichen Nahrungsmitteln, liefern aber auch eine weitere Quelle für allergische Kreuzreaktionen.

Nahrungsmittelallergien sind überschießende Reaktionen des Immunsystems auf bestimmte, eigentlich harmlose oder sogar an sich gesunde Lebensmittelbestandteile. Echte Nahrungsmittelallergien kommen nur bei entsprechender allergischer (atopischer) Veranlagung vor. Zum Krankheitsbild der atopischen Erkrankungen gehören die Neurodermitis (atopische Dermatitis), das allergische Asthma und die allergische Rhinokonjunktivitis.

Besonders häufig anzutreffen sind Nahrungsmittelallergien bei Säuglingen mit frühen Formen der Neurodermitis, aber auch bei Pollenallergikern. So bildet die pollenassoziierte Nahrungsmittelallergie beim Erwachsenen die häufigste Allergie gegen Lebensmittel. Ursächlich verantwortlich für diese Kreuzreaktionen sind die in beiden Allergenquellen identischen oder ähnlichen Antigendeterminanten.

Eine aerogen erworbene Pollensensibilisierung kann sich auch isoliert als Nahrungsmittelallergie auf kreuzreaktive Lebensmittel manifestieren. Gerade diese Patienten haben oft einen langen Leidensweg, bis die Ursache der Beschwerden gefunden wird. Drei typische Sensibilisierungsmuster sind in diesem Zusammenhang besonders häufig:

  • Birkenpollen-assoziierte Nahrungsmittelallergien,
  • Gräser- und Getreidepollen-assoziierte Nahrungsmittelallergien sowie
  • Beifußpollen-assoziierte Nahrungsmittelallergien.

Birkenpollen und rohe Äpfel

Wer gegen Birkenpollen allergisch ist, reagiert auch häufig auf rohes Kern- und Steinobst, Kiwis, Nüsse, Mandeln sowie Karotten und Sellerie. Die molekularen Grundlagen dieser Kreuzreaktionen sind inzwischen im Wesentlichen bekannt. Ein großer Teil der Birkenpollen-assoziierten Nahrungsmittelallergien wird von einer Proteinfamilie in Früchten und Gemüse ausgelöst, die gemeinsame Epitope mit Bet v 1, dem Hauptallergen aus Birkenpollen, aufweist. Solche Homologien in den Antigenstrukturen können, müssen aber nicht zu Kreuzreaktionen führen.

Ein weiteres Allergen der Birkenpollen, Bet v 2, gehört zur Gruppe der Profiline. Diese Proteine finden sich auch in anderen Pollen, zum Beispiel in denen von Gräsern oder Sträuchern, vor allem aber in manchen Nahrungsmitteln. Eine dritte kreuzreaktive Substanz hat eine komplexere Struktur und weist ein Molekulargewicht im 60-kDa-Bereich auf. Sie kommt neben den Birkenpollen auch in den Pollen von Beifuß, anderen Bäumen, Gräsern und Kräutern sowie in Früchten und Gemüse vor.

Bis zu 70 Prozent der Birkenpollen-Allergiker berichten über eine Unverträglichkeit von rohen Äpfeln. Spitzenreiter ist die Apfelsorte Golden Delicious. Boskop, Jamba oder einige alte heimische Apfelsorten weisen eine etwas geringere Kreuzreaktivität auf. So können Unverträglichkeiten stark von der Apfelsorte, aber auch vom Grad der Verarbeitung abhängen. Da sich einige Allergene in der Schale befinden, vertragen die Betroffenen in diesen Fällen die geschälten Früchte. Zudem sind die Allergene häufig sehr labil, insbesondere thermolabil, sodass Schälen, Raspeln oder Garen die Früchte verträglich machen.

Vorsicht bei Nüssen

Besonders hochgradige Sensibilisierungen mit schweren Reaktionen bis zum anaphylaktischen Schock können Nüsse hervorrufen. Zu diesen Kreuzallergen zählen Hasel- und Walnuss, Peka-, Para- und Cashewnuss. 40 Prozent der Birkenpollen-Allergiker reagieren sensibel auf Haselnüsse. Die Sensibilisierungen richten sich manchmal gegen die thermolabilen Konformations-Epitope, nicht selten aber auch gegen die sehr stabilen sequenziellen Epitope. In diesem Fall können auch verarbeitete Haselnüsse, zum Beispiel in einer Vollmilchschokolade, Reaktionen hervorrufen.

Auch eine weite Herkunft schützt nicht vor Allergien. Die Kiwi, ein Strahlengriffelgewächs, ist bekannt für Kreuzreaktionen mit Birkenpollen und Latex, in geringem Maße auch mit Gräser-, Roggen- sowie Beifußpollen.

Die Sellerie-Sensibilisierung kann sowohl mit einer Birken- als auch mit einer Beifußpollen-Allergie assoziiert sein. Bei den meisten Sellerie-Allergikern konnten Antikörper gegen das Sellerie-Allergen Api g 1 nachgewiesen werden. Dieses Allergen ist relativ thermolabil. Eine Knollensellerie-Allergie ist eher mit einer Birkenpollen-Sensibilisierung assoziiert, wahrscheinlich durch gemeinsame thermolabile Epitope. Eine wesentliche Rolle spielt dabei die Kreuzreaktivität zwischen Api g 1 und Bet v 1.

Seltene Kreuzreaktionen bei Gräsern

Im Gegensatz zu Birkenpollen sind Kreuzreaktionen bei Gräser- und Getreidepollen weniger häufig. Nahe liegend sind Kreuzreaktionen zum Brotgetreide Roggen. Wegen der engen Verwandtschaft finden sich in diesen Fällen häufig auch Unverträglichkeiten bei Weizen, Dinkel, Hafer und Gerste, in seltenen Fällen auch bei Reis und Mais. Eher selten reagieren die betroffenen Allergiker auch auf Hülsenfrüchte (Leguminosae) mit den potenten Allergenen Erdnuss und Soja.

Die Erdnussallergie steht an der Spitze der lebensbedrohlichen oder gar tödlich verlaufenden Nahrungsmittelallergien. Bei 15 bis 40 Prozent der Getreidepollen-Allergiker finden sich Kreuzreaktionen mit dem Nachtschattengewächs Tomate. Die Kartoffel ruft dagegen fast nur im rohen Zustand, zum Beispiel beim Schälen, Kontaktallergien hervor. Garen denaturiert die häufigsten kreuzreagiblen Epitope.

Allergisch auf Gewürze

Beifuß kann als Leitallergen von Kräuter- und Gewürzallergien angesehen werden, möglicherweise durch thermostabile Epitope, die nicht nur in der Korbblütler- und Doldenblütler-Familie, sondern auch in den Pfeffergewächsen (Piperaceae) vorkommen.

Beifußpollen-Allergiker zeigen oft allergische Reaktionen gegen Sellerie, Karotte, Fenchel, Anis, Dill, Kümmel und Koriander. In diesem Zusammenhang spricht man vom Sellerie-Karotten-Beifuß-Gewürz-Syndrom. Sellerie- und GewürzAllergien schränken den Speiseplan stark ein. Denn Lebensmittel unbekannter Zusammensetzung, Essen außer Haus oder Fertigprodukte, in denen oft nur die Sammelbezeichnung „Gewürze“ deklariert ist, müssen die Betroffenen meiden. Vor allem Sellerie kann dabei ausgeprägte Reaktionen hervorrufen.

Eine besondere Form der Kreuzallergie stellt die Latex-assoziierte Lebensmittelallergie dar, die auch Latex-Fruit-Syndrom genannt wird. Rund die Hälfte aller Latex-Allergiker verträgt gleichzeitig eine oder mehrere der folgenden Obst- und Gemüsesorten nicht: Banane, Kiwi, Tomate, Kartoffel, Kastanie, Aubergine. Spitzenreiter ist dabei die Banane.

Reaktionen kommen oft sofort

Durch Nahrungsmittel verursachte allergische Krankheitsbilder manifestieren sich sehr unterschiedlich. Das „orale Allergie-Syndrom“ dominiert bei den Birkenpollen-assoziierten Nahrungsmittelallergien. Es tritt oft schon unmittelbar nach dem Verzehr bestimmter Nahrungsmittel auf. Vor allem nach dem Genuss verschiedener Früchte wie rohem Kern- und Steinobst, roher Karotte und Sellerie sowie Nüssen bildet sich eine oropharyngeale Symptomatik aus, die sich als Juckreiz an Lippen beziehungsweise Zunge oder ein pelziges Gefühl in der Mundhöhle oder im Gaumen äußern kann. Weitere Symptome können auch Lippen- und Zungenschwellungen (Angioödeme), Heiserkeit und Atemnot sein. Gastrointestinale Beschwerden wie Erbrechen, Nausea, Diarrhö oder Bauchschmerzen sowie Atemwegssymptome wie Asthma, Rhinitis sind eher selten.

Das Erscheinungsbild der Beifußpollen-assoziierten Syndrome ist variabler und hauptsächlich von Hautsymptomem bestimmt. Vor allem bei Gewürzallergien kann eine Nesselsucht (generalisierte Urtikaria) und/oder Gesichtsschwellung (Quincke-Ödeme) auftreten. Anaphylaktische Reaktionen werden vor allem nach Verzehr von Sellerie, Gewürzen und Nüssen beobachtet.

Generalisierung nicht möglich

Nicht jeder Pollenallergiker leidet unter pollenassoziierten Nahrungsmittelallergien. Zudem ist meist nur ein Teil der möglichen Kreuzallergene für klinisch relevante Reaktionen verantwortlich, weshalb Kreuzraktionen bei den Betroffenen individuell allergologisch abzuklären sind. Neben einer ausführlichen Anamnese gehören dazu Laborparameter wie das spezifische IgE für Pollen und Nahrungsmittel sowie Hauttests, möglichst mit nativen Lebensmitteln (Prick-to-Prick-Test). Dabei zeigen positive Hauttests oder IgE-Bestimmungen jedoch nur eine Sensibilisierung an, sagen jedoch nichts darüber aus, ob sich diese auch klinischen äußert.

Umgekehrt können In-vitro- oder In-vivo-Diagnostik klinische Beschwerden auch nicht immer bestätigen. Daher sollten Diätempfehlungen keinesfalls allein aus Laborparametern abgeleitet werden. Eine gesicherte Diagnose ergibt sich meist nur aus einer oralen Nahrungsmittelprovokation. Die zur Abklärung erforderlichen Suchdiäten bergen allerdings im Einzelfall das Risiko von lebensbedrohlichen anaphylaktischen Reaktionen.

Verzicht als Therapie

Die wohl sicherste Therapie von Nahrungsmittelallergien besteht darin, das auslösende Lebensmittel zu meiden. Dabei sollte die Ernährungsumstellung sowohl praktikabel sein, als auch ernährungsphysiologische Notwendigkeiten berücksichtigen. Wenn eine vollständige Karenz nicht gewährleistet werden kann, setzt die begleitende medikamentöse Therapie ein. Dabei müssen die Patienten bei Bedarf eine Stunde vor dem Essen hochdosierte Antihistaminika einnehmen, eventuell in Kombination mit Cromoglycinsäure. Bei bekannter anaphylaktoider Schocksymptomatik sollte zusätzlich ein Notfallset, bestehend aus Antihistaminikum, Adrenalin (möglichst als Aerosol) und einem Corticoid (Celestamine® 0,5 N Liquidum) mitgeführt werden.

Einen weiteren Therapieansatz bietet die Pollen-Hyposensibilisierung. Eine erfolgreiche Therapie kann neben der Pollensymptomatik auch die Nahrungsmittelallergie positiv beeinflussen.

 

Allergenstrukturen auf der SpurPZ  Allergene Pflanzenproteine haben zumeist eine sehr ähnliche Gestalt, bestätigten Computeranalysen am Institut of Food Research, Norwich, Großbritannien.

Clare Mills und ihre Kollegen betrachteten in einer Studie insgesamt 129 Nahrungsmittelallergene (J. Allergy Clin Immunol 115 (1) (2005) 163-170). Im Gegensatz zu bisherigen Untersuchungen, verglichen sie jedoch nicht nur die Aminosäuresequenz, sondern auch die dreidimensionale Struktur der Proteine. Verschiedene kreuzreaktive Homologe ähnelten sich dabei deutlich stärker, als die Aminosäuresequenzen vermuten ließen.

Auf diese Weise konnten die Forscher die Proteine nur 20 von 3849 möglichen Proteinfamilien zuordnen, von denen lediglich vier Familien mehr als 65 Prozent aller Nahrungsmittelallergene ausmachen. Ein neues Protein, das zu einer dieser Familien zählt, sei mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Allergen, so Mills. Diese Informationen könnten Wissenschaftlern helfen, die genetisch modifizierte Pflanzen entwickeln: Möglicherweise werden sie künftig in der Lage sein, Proteine, die Allergien hervorrufen könnten, von vornherein aus der Pflanze zu verbannen.

  

Anschrift der Verfasserin:
Diplom-Ökotrophologin Astrid Menne
DermAllegra
Am Markgrafenpark 6
91224 Hohenstadt
info@dermallegra.de
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