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Weniger Kinder durch GMG

10.01.2005
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Künstliche Befruchtung

Weniger Kinder durch GMG

von Gudrun Heyn, Berlin

Schon lange ist in Deutschland der Kindersegen zu gering, um Rente und Sozialsysteme aufrechtzuerhalten. Weiter verschärft hat sich die Situation durch das GKV-Modernisierungsgesetz (GMG). Seit seinem Inkrafttreten ist die Zahl der Kinder aus künstlichen Befruchtungen erheblich gesunken.

Seit Jahren geht die Geburtenrate von Jahr zu Jahr um etwa 10.000 Kinder zurück. Nun befürchten Experten, dass sich diese Zahl durch das GMG nahezu verdoppeln könnte, denn bei einer künstlichen Befruchtung tragen die gesetzlichen Krankenkassen jetzt nur noch die Hälfte aller Behandlungskosten. Der finanzielle Eigenanteil ungewollt kinderloser Paare steigt damit auf einen Spitzenplatz in Europa. Lediglich diagnostische Maßnahmen zur Abklärung der Kinderlosigkeit, sowie die rein medikamentöse Therapie werden von den gesetzlichen Krankenkassen noch uneingeschränkt erstattet.

So ließen sich im vergangenen Jahr rund 60 Prozent weniger gesetzlich versicherte Paare mit Kinderwunsch medizinisch behandeln als in den Jahren zuvor. „Es ist durchaus realistisch, dass dadurch in der Bundesrepublik 10.000 Kinder pro Jahr weniger geboren werden“, sagte Dr. Michael Thaele, Vorsitzender des Bundesverbandes Reproduktionsmedizinischer Zentren Deutschlands, bei einem Pressehintergrundgespräch in Berlin.

Berechnungen des Statistischen Bundesamtes gehen davon aus, dass sich das Geburtendefizit von heute jährlich 72.000 auf 576.000 im Jahr 2050 verachtfachen wird. Insbesondere Frauen mit höherer Ausbildung bleiben kinderlos. Doch auch generell nehmen deutsche Paare häufig erst die berufliche Karriere in Angriff, bevor sie an Kinder denken. In den letzten 30 Jahren stieg so das Durchschnittsalter erstgebärender Mütter von 24 auf 29 Jahre an. In der Folge nimmt der Anteil kinderloser Paare immer weiter zu.

Versagter Kinderwunsch

Andererseits wünschen sich rund 74 Prozent aller ungewollt Kinderlosen in Deutschland Kinder. Derzeit warten etwa zwei Millionen Paare vergeblich auf Nachwuchs; fast jede siebente Partnerschaft ist betroffen. Dabei spricht die Weltgesundheitsorganisation (WHO) von Unfruchtbarkeit, wenn trotz regelmäßigem, ungeschütztem Geschlechtsverkehr nach ein bis zwei Jahren noch keine Schwangerschaft eingetreten ist. Bei Frauen beruht sie vor allem auf einer Störung der Eizellreifung, einer Schädigung der Eileiter oder einem Wachstum von Gebärmutterschleimhaut außerhalb der Gebärmutter (Endometriose). Bei Männern ist eine fehlende oder gestörte Spermienbildung die häufigste Ursache der Unfruchtbarkeit.

Laut WHO sowie einem Urteil des Bundesgerichtshofes ist die organisch bedingte Sterilität eine Krankheit. Daher gehören auch Leistungen zur Herstellung der Zeugungs- und Empfängnisfähigkeit zu den Aufgaben der gesetzlichen Krankenversicherungen. Bedingung ist, dass diese Fähigkeit nie vorhanden war, durch Krankheit verloren gegangen ist oder eine Sterilisation auf Grund einer Erkrankung vorgenommen wurde. Um anteilige Kosten für eine künstliche Befruchtung erstattet zu bekommen, sind jedoch noch weitere Voraussetzungen zu erfüllen. So müssen die Partner miteinander verheiratet und mindestens 25 Jahre alt sein. Die obere Altersgrenze liegt für Frauen bei 40, für Männer bei 50 Jahren. Des Weiteren müssen beide HIV-negativ sein und es muss ein Behandlungsplan für die künstliche Befruchtung vorliegen. „Es ist nicht zu verstehen, warum ein zwanzigjähriges Ehepaar fünf Jahre auf eine Behandlung warten muss, wenn klar ist, dass eine organisch bedingte Störung vorliegt“, kritisierte Dr. Peter Sydow von der Praxisklinik für Fertilität am Gendarmenmarkt in Berlin die Reglementierungen.

Wie Mediziner künstlich befruchten

Der Begriff künstliche Befruchtung umfasst verschiede Behandlungsmethoden. Unter einer Insemination versteht man die Einbringung von Spermien in die Gebärmutter mittels eines dünnen Katheters. Sie ist die Methode der Wahl, wenn die Spermien in ihrer Anzahl und Beweglichkeit leicht eingeschränkt sind. Ist zusätzlich die Eizellreifung bei der Frau gestört, erfolgt die Insemination mit Stimulation. Die Frau erhält dabei Fruchtbarkeitshormone in niedriger Dosis, um das Wachstum von ein bis zwei Folikeln anzuregen (Clomifentabletten oder Injektionen von humanem menopausalen Gonadotropin oder von Follikel stimulierendem Hormon). Sobald ein Folikel groß genug ist, wird mit humanem Choriongonadotropin (hCG) der Eisprung ausgelöst.

War die Insemination erfolglos kommt die In-vitro-Fertilisation (IVF) zum Einsatz. Weitere Indikationen für diese Behandlungsmethode sind ein irreparabel geschädigter Eileiter, eine Endometriose oder eine deutlich eingeschränkte Zeugungsunfähigkeit des Mannes. Dabei werden zunächst mehrere Eizellen mit Fruchtbarkeitshormonen in den Eierstöcken zur Reifung gebracht. Nach zehn bis zwölf Tagen entnimmt der Arzt über die Scheide die reifen Eizellen mittels Katheter und feiner Nadel. Der Eingriff erfolgt in der Regel unter Kurznarkose und ultraschallkontrolliert. In einer Glasschale bringt der Mediziner dann Ei- und Samenzellen zusammen. Etwa zwei Tage später darf er maximal drei befruchtete Eizellen in die Gebärmutter übertragen.

Ist die Fruchtbarkeit des Mannes stark eingeschränkt, müssen mit Hilfe der Intracytoplasmatischen Spermieninjektion (ICSI) einzelne Spermien mit einer dünnen Pipette direkt in die Eizellen eingebracht werden. Dabei kann es erforderlich sein, befruchtungsfähige Spermien aus den Hoden (testikuläre Spermienextraktion, TESE) oder aus den Nebenhodenkanälchen (mikrochirurgische epididymale Spermienaspiration, MESA) zu gewinnen. Um dem Mann weitere operative Eingriffe zu ersparen, ist es möglich, das so erhaltene Gewebe einzufrieren. Auch Eizellen, in die Spermien eingedrungen sind, dürfen kryokonserviert werden, wenn die Erbanlagen noch nicht miteinander verschmolzen sind.

Selbstbeteiligung schreckt ab

Jährlich nehmen etwa 200.000 Paare reproduktionsmedizinische Hilfe in Anspruch. In 2002 kamen so rund 40.000 Kinder auf die Welt, wovon etwa 12.000 außerhalb des Körpers gezeugt worden waren. Die Wahrscheinlichkeit schwanger zu werden liegt pro Behandlungsversuch bei etwa 28 Prozent. Oft sind daher mehrere Versuche notwendig, um Kinder zu bekommen.

Pro Behandlungszyklus müssen die Patienten nun für eine Insemination im Spontanzyklus 100 Euro, für eine Insemination nach hormoneller Stimulation 500 Euro, für eine IVF 1500 Euro und für eine ICSI 1800 Euro selber aufbringen. Gleichzeitig wurde auch die Häufigkeit der Behandlungen deutlich abgesenkt, an denen sich die GKV zur Hälfte beteiligt.

Eheleute mit Kinderwunsch sehen sich dadurch erheblich unter Erfolgsdruck gesetzt. Nicht selten wird daher heute verlangt, gleich bei der ersten IVF-Behandlung drei Embryonen einzusetzen, um die Chance einer Schwangerschaft zu erhöhen. Diese Beobachtung deutscher Mediziner stimmt auch mit Untersuchungen aus den USA überein. Demnach ist bei unterschiedlichen Eigenbeteiligungen die Mehrlingsrate dort am höchsten, wo der höchste Eigenanteil zu zahlen ist.

Für die Kinder steigt dadurch jedoch das gesundheitliche Risiko. Zudem fallen in der Geburtsmedizin erheblich höhere Kosten an. So sind bei einer stationären Entbindung Zwillingsgeburten um das Vierfache, Drillingsgeburten jedoch um das Zehnfache teurer als die Geburt eines Kindes.

Gleichzeitig beobachten die deutschen Mediziner, dass die Paare immer älter werden, die sich jetzt einer solchen Behandlung unterziehen. 35- bis 40-Jährige könnten den Eigenanteil einer solchen Behandlung auf Grund ihrer finanziellen Stärke besser schultern, sagte Thaele. Doch mit jedem verlorenen Jahr sinkt die Aussicht auf eine Schwangerschaft. Bei 36-jährigen Frauen liegt die Erfolgsrate pro Behandlungszyklus nur noch bei 21 Prozent und sinkt dann bei den über 40-Jährigen auf weniger als 10 Prozent ab.

Hoffen auf Verbesserung

Nach dem Embryonenschutzgesetz wird in Deutschland die Eizellauswahl bereits vor der eigentlichen Kernverschmelzung getroffen. Die Wahrscheinlichkeit einer Schwangerschaft könnte jedoch verdoppelt werden, wenn die Auswahl erst unter den befruchteten Eizellen im Blastozysten-Stadium stattfinden könnte, sagte Sydow. Dann würde mit einem Embryo die gleiche Erfolgswahrscheinlichkeit erreicht, wie heute mit drei übertragenen Eizellen.

Neben der Anpassung des Embryonenschutzgesetzes an andere europäische Regelungen wünschen sich die Experten aber vor allem, dass die Eigenbeteiligung der Paare auf eine zumutbare Größe reduziert wird. Auch ohne Gesetzesänderung müsste es möglich sein, den Eigenanteil bei den Medikamenten zu streichen, die für eine künstliche Befruchtung erforderlichen sind, sagte Thaele. Jede IVF- oder ICSI-Behandlung würde sich dann um etwa 750 Euro für die Medikamente reduzieren. Damit erleichtere man den Paaren den Einstieg und die Durchführung einer solchen Behandlung und auch die Gesellschaft würde erheblich davon profitieren.

 

Kinderarme Deutsche Gemeinsam mit Griechenland belegt Deutschland den letzten Platz in der Geburtenstatistik der Europäischen Union. Rein rechnerisch müsste jede Frau 2,1 Kinder auf die Welt bringen, um das solidarische Sozialsystem aufrechterhalten zu können. Tatsächlich werden jedoch nur 1,3 Kinder pro Frau geboren.

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