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Kontrazeptive Computer und selbstlose Griller

13.12.2004
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Was bislang zu kurz kam

Kontrazeptive Computer und selbstlose Griller

von Daniel Rücker, Eschborn

Jedes Jahr dasselbe: Ulla Schmidt, die Impfmüdigkeit und eine nicht enden wollende Reihe von neuen Arzneimitteln verstellen den PZ-Redakteurinnen und -Redakteuren den Blick auf das wirklich Wichtige in der Welt. Die kleinen Geschichten des pharmazeutischen Alltags lassen keinen Platz für Antworten auf die großen Fragen des Lebens.

Wir wagen deshalb kaum, an dieser Stelle um Verzeihung für ein schlimmes Versäumnis unsererseits zu bitten. Bereits im November hatte die Charité herausgefunden, was Frauen auf der Suche nach einem Sexualpartner am meisten schätzen. Wir schweigen dazu seit einem Monat. Damit ist jetzt Schluss.

Das Ergebnis dürfte viele Menschen überraschen. Für Sonnen - und Fitnessstudios ist es geradezu geschäftsschädigend. Denn weder eine gebräunte Haut noch ein gestählter Körper beeinflussen die Kopulationsfreude des weiblichen Geschlechts in relevantem Ausmaß. Entscheidend - so lässt die Charité wissen – ist der Geruch des Mannes.

Seitdem uns diese Erkenntnis bekannt ist, hat sich in der Redaktion einiges geändert. In den Zimmern der männlichen Redaktionsmitglieder weht plötzlich ein frischer Wind. Mancher Redakteur hat sein Weihnachtsgeld komplett und auf einen Schlag bei Douglas verjuxt. Mit steigendem Engagement sank allerdings der Glaube an die Botschaft schnell wieder. So ist das eben mit Studien. Sie beschreiben eine Wahrheit, doch nicht immer die individuell erlebte Realität.

Auch sollte derjenige, der gerade eine olfaktorische Attacke auf das andere Geschlecht plant, vorher den Kardiologen aufsuchen. Vor allem wenn er eine kurzfristige und singuläre Strategie im Auge hat. Fremdgehen, weiß der indische Kardiologe Agarwal zu berichten, tut dem Ego möglicherweise, dem Herz aber sicher nicht gut. Außerehelicher Sex sei für Herzpatienten geradezu lebensgefährlich. Drei von vier kopulationsbedingten Todesfällen geschehen außerhalb des Hafens der Ehe. Wir möchten dies nur insoweit kommentieren, als wir Fremdgehen schon wegen der ersten Silbe für unpatriotisch halten und es deshalb für uns völlig inakzeptabel ist.

Das liebe Geld

Wo wir gerade mehr zufällig beim Thema sind, soll ein wesentliches Hindernis für ein erfülltes Liebesleben nicht unerwähnt bleiben. Was nämlich als Hemmnis beim Kauf etwa eines Ferraris weithin bekannt ist, verhindert auch ein gedeihliches Eheleben. Wie Emnid erfragt hat, dämpft ein geringes Einkommen die eheliche Liebeslust erheblich. In Familien mit einem Einkommen unter 1000 Euro ist nicht nur am Herd Schmalhans Küchenmeister. Wer dagegen mehr als 2500 Euro verdient, dem geht’s auch im Ehebett gut. Die Botschaft vernehmen wir und wohl auch ein nicht unerheblicher Teil unserer Leserschaft gern.

Doch nicht nur Geld und Körpergeruch steuern unser Liebesleben. Auch die Götzen der Informationsgesellschaft sind in ihrer Bedeutung kaum zu überschätzen und leider ist das keineswegs eine gute Botschaft. Wie so oft, sind die Kleinen, in diesem Fall die Laptops, die Schlimmsten. Wie ein amerikanisches Fachmagazin berichtet, gefährden die tragbaren Rechenmaschinen die Zeugungsfähigkeit junger Männer. Nein, nicht weil die Daddel-Maniacs keine Zeit mehr für das andere Geschlecht haben. Auf dem Schoß von juvenilen Probanden platziert, sorgen die digitalen Liebestöter für einen Hitzestau in der Genitalregion. Dies lässt die Hodentemperatur steigen und die Qualität der Spermien sinken.

Apotheker sollten dies nicht nur als Gefahr, sondern auch als Chance begreifen. Die Apothekenbetriebsordnung zählt mittlerweile fast alles zur apothekenüblichen Ware, was nicht unmittelbar zum Tod führt. Ein digitales Kontrazeptivum mit einem 3-Gigahertz-Prozessor und einer 80-Gigabyte-Festplatte passt deshalb bestens ins Sortiment.

Jetzt kommt es noch doller: Computer regeln nicht nur unsere Familienplanung, viele Menschen haben sogar eine tiefe Beziehung zu ihrem prozessorgesteuerten Knecht. Vor allem dann, wenn er partout nicht den Knecht geben will. Deshalb ist dies auch keine schöne Geschichte. Sie handelt nämlich von Schlägen, Tritten und Beleidigungen. Opfer sind die Rechner, die ihren Dienst nicht nach Vorschrift versehen. Dann werden Bildschirme angeschrieen, Mäuse geschlagen und Tastaturen geworfen. Soziologin Marleen Brings scheut sich nicht davor, das Wort „Misshandlung“ in diesem Zusammenhang zu erwähnen.

Andere unbelebte Helfer in Haus und Garten sehen sich weitaus seltener solchen Entgleisungen ausgesetzt, sagt Brings und verdeutlicht uns damit die Wichtigkeit der Erkenntnis. Ursache für die computerexklusiven Schändungen sei die emotionale Beziehung zwischen Mensch und Maschine, sagt die Soziologin.

Wir halten dies für baren Unsinn. Kein vernunftbegabter, rational denkender Mensch wird sich jemals entblöden, zu so einer primitiven, zickigen, widerborstigen und hinterhältigen verdammten Drecksmaschine eine Beziehung aufzubauen. Da stehen wir doch drüber, allesamt.

Wo wir gerade über Partnerschaften reden, darf der treueste Freund des Menschen nicht fehlen. Der Hund, so weiß die amerikanische Wissenschaftsgesellschaft AAAS, teilt mit seinem zweibeinigen Ernährer nicht nur Haus und Hof, sondern auch die Gebrechen. Krankheiten wie Krebs, Nachtblindheit und Grüner Star seien hier wie dort gleichermaßen verbreitet.

Die Wissenschaftler machen dies an der Ernährung fest, die der Hund mit seinem Herrchen teile. Beim Vierbeiner leisten Gänseleber, Pizza und Eisbein offensichtlich dasselbe schändliche Werk, wie beim Menschen. Um diese Erkenntnis reicher, möchten wir uns bei der Kanzlergattin für jeden einzelnen bösen Gedanken entschuldigen, der in uns ob ihres Einsatzes für Hundesnacks -adventskalender aufkam. Wir sehen dies nun als Versuch, der geschundenen Kreatur ein Leben in Würde mit einigermaßen angemessener Kost zu ermöglichen. Wir bitten um Verzeihung.

Esel unter sich

Wenig überrascht hat uns eine andere Meldung aus dem Tierreich. Die Marburger Biologin Anja Wasilewski hat festgestellt, dass Esel unter ihresgleichen häufig gute Kumpels haben. Ja, was denn sonst? Schon lange wissen wir, dass sich die größten Esel untereinander bestens verstehen. Der Erfolg des Nabtal-Duos, der Jacob Sisters und der Sendung „Sieben Tage, sieben Köpfe“ ist der beste Beweis.

Beim Stichwort Jacob Sisters darf der Hinweis auf den vor wenigen Wochen in Peking veranstalteten Welt-Toiletten-Tag nicht fehlen. Organisator war die „Welt-Toiletten-Organisation“ und sie forderte „eine Toilettenrevolution“. Nun sind die Chinesen natürlich sehr freizügig mit dem Wort Revolution. Wir sorgen uns dennoch. Üble Assoziationen quälen uns in schlaflosen Nächten.

Die Toiletten befreien sich vom Joch der Unterdrückung, lehnen sich gegen ihre Benutzer auf und streben die Weltherrschaft an? Nein, wir haben viel Verständnis, für Menschen, die Computermäuse schlagen, dasselbe essen wie ihre Hunde oder ihren Laptop auf den Schoß legen bis es dampft. Aber was zu viel ist, ist zu viel. Wir wollen keine Welt-Toiletten-Organisation, wir wollen keine Toilettenrevolution und keinen Welt-Toiletten-Tag und vor allem wollen wir nicht auf eine Pekinger Toilette.

Völlig d’accord gehen wir dagegen mit Jürgen Kuschyk. Der Mannheimer Kardiologe warnt vor exzessivem Achterbahnfahren. Bei Tempo 120 steige die Herzfrequenz auf bis zu 200 Schläge pro Minute. Mindestens zehn Minuten brauche das Herz, um sich von dieser Belastung zu erholen. Er rät dringend davon ab, mehrmals unmittelbar hintereinander mit einer Achterbahn zu fahren.

Uns geht das noch nicht weit genug. Unter dem Eindruck des letzten Kirmes-Besuches fordern wir große, gut sichtbare Warntafeln mit der Aufschrift: „Der Finanzminister warnt: Regelmäßiges Achterbahnfahren kann den Portemonnaies in Ihrer Umgebung erheblichen Schaden zufügen.“ Das wäre gelebter Verbraucherschutz.

Nicht enden wollen wir, ohne Ihnen den Trend zur Po-Vergrößerung näher gebracht zu haben. Den hat der plastische Chirurg Hermann Solms ausgemacht und erklärt ihn mit dem Erfolg der offensichtlich rückwärtig üppig ausgestatteten Sängerin Jennifer Lopez. Viele Frauen wollten ihr nacheifern. Genaue Zahlen nennen konnt5e er jedoch nicht.

Wir können dies auch nicht, müssen aber nach dem letzten Besuch im Supermarkt feststellen, dass großvolumige Gesäße in der Tat im Trend liegen. Übrigens nicht nur bei Frauen. Zweifel haben wir allerdings, dass dies in jedem Fall Resultat chirurgischer Kunst ist oder hier vielleicht nicht doch McDonalds und Pizza-Hut den Po auf Gardemaß modelliert haben.

Zweifel möchten wir noch Nina Degele entgegenbringen. Die Professorin für Geschlechterforschung hat sich eines der letzten Mysterien im Zusammenleben von Mann und Frau angenommen: Der Frage, warum Männer immer und Frauen nie grillen.

Die Antwort erscheint zumindest dem männlichen Teil der Redaktion fragwürdig. Degele sieht beim Grillen männliche Urinstinkte geweckt. Die Arbeit mit rohem Fleisch sei archaisch und männlich. Der Griller erkenne in sich den wilden Mann, der hart arbeiten müsse um seine Angehörigen zu ernähren. Der Ernährer stehe in der Sozialhierachie ganz oben und im Mittelpunkt des Geschehens.

Nein, nein, nein. So schlicht mögen Soziologinnen denken, so schlicht sind Männer aber nicht. Wenn sie grillen, dann tun sie es, weil es niemand anders so gut kann. Weil sie Schaden von den anderen Hungrigen abwehren und sicherstellen wollen, dass niemand außer ihnen das größte Stück essen muss und sich womöglich dabei übernimmt. Zudem kann nur ein Mann beim Grillen aufglimmende Feuer zuverlässig mit ein paar Spritzern Bier löschen. Frauen kommen um 12 Uhr mittags doch gar nicht auf die Idee, sich sicherheitshalber eine geöffnete Bierflasche mit an den Grill zu nehmen. Lodern dann die Flammen, sind sie schutz- und wehrlos, müssen mit ansehen, wie das wertvolle Fleisch im Feuer verbrennt und die Sippe ihren Hunger nicht stillen kann.

Aus reiner Menschenliebe übernehmen wir Männer die schwierige Aufgabe, ja Berufung am Grill. Mit Instinkt hat das wenig zu tun, mit Verantwortungsbewusstsein und Selbstlosigkeit dagegen viel. Außerdem halten wir grillen für patriotisch. Top

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