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Auf den Hund gekommen

25.11.2002
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Auf den Hund gekommen

von Ulrike Abel-Wanek, Dresden

Mit dem hundertsten Projekt nach der Wende erzählt das Hygienemuseum Dresden wieder eine Geschichte vom Menschen. Thema der jetzt eröffneten Sonderausstellung ist seine spannungsreiche und faszinierende Beziehung zum Tier. Geliebt, verhätschelt, aber auch gequält, funktionalisiert, geklont: Wie wird der Mensch in Zukunft mit den Tieren umgehen?

Wanda sieht aus wie ein Teddy, ist aber ein Roboter. Er soll die Lebensumstände allein lebender, älterer Menschen oder kranker Kinder verbessern. Wo Mangel an Pflegepersonal herrscht, dient er als Gesprächspartner, erinnert an Termine und die Einnahme von Arzneimitteln. Wanda kann 30 Wörter erkennen und mit 50 Sätzen antworten. In einem Pilotprojekt hat die japanische Regierung Pflegeheime der Stadt Ikeda mit 20 dieser Roboter ausgestattet.

Emotionale Bindungen zu Tieren fördern die Genesung, auch wenn sie aus Kunststoff sind und einen Ausschaltknopf haben – eine saubere und billige Lösung.

Umsorgter Elektroteddy, verhätscheltes Haustier, aber auch benutzte und missbrauchte Kreatur: Turbo-Kühe und Schmusekatzen, Legebatterien und Luxus-Safari, Massentierhaltung und Artenschutz – von diesen spannungsreichen Widersprüchen handelt die Ausstellung.

In den letzten Jahren ist eine Grenze zwischen Mensch und Tier überschritten worden. BSE trieb uns in den Wahnsinn, Kunstschaf Dolly hat drei Mütter, aber keinen Vater, Tiere als Biomasse und Proteinprodukt - die Frage nach dem Umgang mit unseren Mitgeschöpfen drängt sich auf. Ist unsere Beziehung zum Tier auf den Hund gekommen?

Was unterscheidet den Menschen vom Tier? Ist dem Mensch bewusst, dass es ihn ohne das Tier gar nicht geben würde? In vier großen thematischen Abschnitten mit 14 Unterkapiteln beleuchtet die Ausstellung alle Facetten und Extreme einer widersprüchlichen Verbindung. Und sie stellt Fragen: nach Moral, Menschlichkeit und Ethik.

„Die Ausstellung ist aber kein Horrorkabinett und formuliert keine Anklage“, stellt Museumsdirektor Klaus Vogel klar. Keiner stehe am Pranger. Vielmehr sei das Thema Pflichtprogramm für ein „Museum vom Menschen“.

Tierpräparate, kulturgeschichtliche Objekte und wertvolle historische Kunstwerke stehen neben Alltagsgegenständen, Fotos, Filmen, wissenschaftlichen Exponaten und zeitgenössischen Installationen – insgesamt 750 Objekte, davon 100 Leihgaben aus dem In- und Ausland und von Übersee.

Am Anfang steht das „geliebte Tier“, verwöhnt, als Jagdtrophäe begehrt, als Machtsymbol genutzt oder mittels High-Tech-Medizin und Genpoolmanagement vor dem Aussterben bewahrt. Die Berliner Veterinäre Thomas B. Hildebrandt und Frank Göritz praktizieren beispielsweise seit Jahren mit Erfolg eine aufwendige künstliche Befruchtung von Elefantenkühen in Zoos, denn die Tiere pflanzen sich in Gefangenschaft kaum fort.

Fleisch ja - schlachten nein

„Ich bestelle ein Steak, und der Unmensch von Schlachter tötet ein Rind.“ Der Satz von Berthold Brecht bringt das Dilemma fleischessender Tierfreunde treffend auf den Punkt. Mit dem Schlachthaus will niemand etwas zu tun haben. So passiert der Besucher eilig den Eingang von Abteilung zwei, „benutzte Tiere“, und lässt Bilder vom Schlachten und Schächten möglichst schnell hinter sich.

Die uralte Frage nach der Grenze zwischen Mensch und Tier führt zur „Krone der Schöpfung“ im dritten Abschnitt „Abgrenzung“. Sechs Millionen Entwicklungsjahre auf sechs Metern Ausstellungsfläche suchen hier unter anderem die Antwort auf die Frage, was den Mensch zum Menschen machte. Schon Charles Darwins „Abstammung vom Menschen“ enthielt die Botschaft: Menschen und Tiere sind Teil eines evolutionären Kontinuums. Heute relativieren Wissenschaftler die einstige menschliche Sonderstellung fast täglich aufs Neue mit der Entdeckung immer weiterer genetischer Gemeinsamkeiten mit Schimpanse, Kugelfisch und Fadenwurm.

Auslaufmodell Mensch

Aber die Biologie, „die so erfolgreich im Durchbrechen der Mensch-Tier-Grenze war, könnte diese in Zukunft neu ziehen und uns in die Lage versetzen, unsere Wunschkinder zu formen – und die Zukunft unserer Spezies“, spekuliert Ausstellungsmacher Dr. Jasdan Joerges.

Ist der Mensch ein Auslaufmodell? Wird er sich vom Tierreich abkoppeln und zum Ingenieur seines eigenen Wesens? Eine wertende Antwort bleibt die Ausstellung – glücklicherweise – schuldig.

 

Mensch und Tier – eine paradoxe Beziehung 22. November 2002 bis 10. August 2003

Ausstellung im Internet: www.dhmd.de/mensch-und-tier

Das sehr informative und empfehlenswerte Begleitbuch zur Ausstellung enthält Beiträge namhafter Autoren zu philosophischen, kulturhistorischen, anthropologischen und literarischen Aspekten des Themas.
Mensch und Tier: Szenen einer paradoxen Beziehung. Zur Ausstellung im Deutschen Hygiene-Museum Dresden, 2002/3. Hrsg.: Stiftung Deutsches Hygiene-Museum; Hatje Cantz Verlag, Ostfildern 2002, 240 Seiten, 19,80 Euro. ISBN 3-7757-1238-0.

 

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