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Aus dem Tresor wurde eine Bibliothek

07.10.2002
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Deutsches Apothekerhaus

Aus dem Tresor wurde eine Bibliothek

von Thomas Bellartz, Berlin

Das Deutsche Apothekerhaus steht seit dem 1. Juli 2002 offiziell in Berlin. Grund genug für die PZ, ihre Serie über das ehemalige Mendelssohn-Palais, nun mit Blick auf die Architektur des Hauses, fortzusetzen.

Die Bankiersfamilie Mendelssohn hatte in der Jägerstraße gleich mehrere Gebäude, um ihre internationalen Geschäfte abwickeln zu können. Im Zehn-Jahres-Rhythmus baute die Familie in der Mitte des vorletzten Jahrhunderts immer wieder neue Gebäude hinzu. Das jüngste in dieser Reihe ist nun das von der ABDA bezogene Haus in der Jägerstraße 49/50.

Nach einem Entwurf der Architekten Schmieden & Speer entstand auf dem Doppelgrundstück ein Bankgebäude, das sich von den bisherigen Bauten der Mendelssohns erheblich unterschied. Gebaut wurde das Haus zwischen 1891 und 1893, das Grundstück wurde erst Mitte des Jahres 1891 von der Commanditgesellschaft Henkels gekauft. Zuvor war das Grundstück wesentlich verkleinert worden, da 1879 der zum alten Festungsgraben ausgerichtete Garten als Trennstück veräußert worden war.

Der gesamte Altbaubestand wurde für den fälligen Neubau abgerissen. Allerdings besannen sich die Bauherren auf die wichtige Historie, ließen vor dem Abriss die Bauten noch einmal fotografieren und mitsamt der Akten in den Besitz des Stadtarchivs übergehen.

Praktisch konnten Schmieden & Speer, als sie 1891 das Haus entwarfen, alle Vor- und Nachteile der von anderen Kollegen gebauten Bankhäuser oder noch im Bau befindlicher Häuser auswerten. Und so zeichnet sich ihre Grundrissdisposition durch eine bestechende Klarheit aus. Besucher gelangen in das Haus durch einen eher seitlich gelegenen Eingang. Dieser Eingang diente zu damaliger Zeit gleichzeitig als Durchfahrt. Die Besonderheit der Mendelssohnschen Lösung im Vergleich mit anderen Bankhäusern aus dieser Zeit ergibt sich daraus, dass sich in halber Länge der Durchfahrt der Zugang in die Kassenhalle auf der einen, und zur Treppe mit Aufgang zum früheren Direktionsbereich andererseits, erschließt.

Durch die nicht achsiale Erschließung konnten die Architekten eine vielfache Verwinkelung und ein weniger klares Bild vermeiden. So zeigt sich auch heute noch eine zwar dominante, aber dennoch sehr nüchterne Fassade vor den Augen des Betrachters.

Um die lichtdurchflutete Kassenhalle herum blieb auf drei Seiten soviel Platz, dass die Büroflächen, die Tresore und ein inneres Treppenhaus passabel angeordnet werden konnten. Zwei kurze Seitenflügel um den Hof vervollständigen das Raumangebot. Die Anlage des Obergeschosses folgt der Konsequenz in der Entwicklung des Erdgeschosses. Dass die früheren Direktionsräume, die heute weitestgehend dem Vorstand und als Besprechungsräume dienen der Straße zugewandt sind, entsprach den früheren Vorstellungen.

Die Architekten waren schon damals bemüht, der Durchfahrt ihre reine Funktion zu nehmen und sie repräsentativer auch als Eingang zu gestalten. Vor die Wandflucht gestellte Säulen sowie unterschiedliche Deckenausbildungen innerhalb der Durchfahrt – Kreuzgratgewölbe in Korbbogenform oder flache Decken – bewirken einen Gliederungseffekt.

Der Vestibülzone folgt in der Mitte der Durchfahrt ein Abschnitt, der Kassenhalle und Treppenhaus miteinander verbinden soll. Die beiden Arkadenbögen neben dem Zugang zur Kassenhalle werden durch je drei kleinere Fensteröffnungen gefüllt. Das war wohl eine Sicherheitsvorkehrung, denn der Kassenhallenzugang selbst ist mit einem hohen Gitter abzusichern.

Der Zugang in die obere Etage ist hingegen ausladend breit. Der beidseitige Treppenaufgang nach einem Zwischenpodest verleiht dem Aufgang Schwung. Überhaupt hatten sich die Architekten vor mehr als 110 Jahren einiges vorgenommen. Der Besucher sollte durch die Räume geführt werden – ob als eintretender Gast oder derjenige, der das Haus verlässt. Dem wird dann auch eine große Uhr in der Kassenhalle zeigen, was die Stunde geschlagen hat.

Die in ihren tatsächlichen Ausmaßen recht bescheidene Halle erhält durch die Fülle des Lichts von Straßen- und Hoffassade her und durch die Glasdecke von oben sowie durch die Auflösung der Wände eine Weite, die sie unwidersprochen zum Mittelpunkt des Gebäudes macht. Das Verhältnis von Grundfläche und Höhe vermittelt den Eindruck lichter Höhe. Die Arkaden im Obergeschoss überdeckt recht geschickt den deutlichen Unterschied der Stockwerkshöhen. Damit vermieden die beiden Architekten indes auch jede Monumentalität, die zum Beispiel dadurch entsteht, dass gleichförmige Geschosse übereinander gesetzt werden.

Für belebende Helligkeit sorgen die insgesamt hellen Marmorböden sowie die Sandsteinpartien. Diese harmonieren sehr schön mit dem in einigen Büros vorhandenen dunklen Holz.

Die Fassade des Hauses zeigt im Vergleich zu Häusern aus derselben Epoche einen wesentlichen Unterschied: Das zweite Obergeschoss findet keinen Ausdruck in der Fassade durch eine Mezzaninbefensterung. Die Ende des vorletzten Jahrhunderts gängige kleinteilige Ornamentierung von Fassaden spiegelt sich in der Jägerstraße 49/50 nicht wider. Im Gegenteil: Die Architekten besannen sich auf eine eher klassische Linie und erreichten damit eine insgesamt deutlich ruhigere Ansicht.

Die Besonderheiten eines Bankhauses zeigen sich nicht nur in der Kassenhalle. Mit der umfänglichen Renovierung des Hauses in den 1990er-Jahren wurden auch die Tresorräume neu gestaltet und fortan als Besprechungsräume genutzt. Neben dem nun als Plenarsaal genutzten, der Jägerstraße zugewandten früheren Arbeitsbereich der Bank, sichern schwere Panzertüren einen doppelstöckigen Tresor. Eine große Anzahl von Schließfächern machte diese Ausstattung nötig. Über eine kleine Treppe im vorderen Bereich ist eine umlaufende Galerie erreichbar. Das typologische Vorbild einer Bibliothek erfüllt heute wieder ihren eigentlich nur hintergründigen Zweck. Die ABDA nutzt den Tresor nicht nur für Präsentationen und Besprechungen, sondern hat hier auch Teile des umfänglichen Archivs untergebracht.

Im Gegensatz zu der eher nüchternen Ausgestaltung dieses großen Tresorraums, der seinerzeit nicht zwingend für Kundenbesuche gedacht war, prunkt der andere, sehr viel kleinere Tresorraum mit offen zur Schau gestellten Stahlbändern. In einem diagonal sehr engen Geflecht versprechen diese Sicherheit. Wie ein dichtes Netz überziehen sie den ganzen Raum.

Nach dem Kauf durch die ABDA wurden einige „Entstellungen“ bei der Ausstattung einzelner Räume zurückgebaut. So wurden helle Tonnengewölbe beispielsweise in den Zwischengeschosse wieder freigelegt. Im gesamten Haus sind Küchen wie Sanitäreinrichtungen großzügig verteilt.

 

Vor knapp einem Jahr hat die Mitgliederversammlung der ABDA – Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände mehrheitlich den Beschluss zum Umzug der ABDA nach Berlin gefasst. Am 1. Juli 2002 wurde das Haus in der Jägerstraße 49/50 bezogen, vorher – soweit nötig – entsprechend renoviert beziehungsweise eingerichtet. Neben der Geschäftsführung der ABDA und deren Abteilungen ist auch die Hauptstadtredaktion der Pharmazeutischen Zeitung von der Reinhardtstraße in die Jägerstraße umgezogen. Die Zentrale der Redaktion verbleibt – wie der gesamte Govi-Verlag – weiterhin im Apothekerhaus in Eschborn.

 

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