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Könige der Karpaten

22.09.2003  00:00 Uhr

Könige der Karpaten

von Otto Föcking, Kleve

Im September dieses Jahres organisiert die Rumänische Gesellschaft für Geschichte der Pharmazie den 36. Kongress der IGGP in Sinaia, einem Bergkurort auf 800 Meter Höhe im Prahovatal in den Karpaten. Erwähnenswert ist hier neben einem Kloster aus dem 17. Jahrhundert, einem Museum für dekorative Kunst und modernen Kur- und Hotelanlagen vor allem das nahe gelegene, 1883 erbaute Schloss PeIes, die Sommerresidenz des rumänischen Königshauses.

Rumäniens Regierungssitz war zwar stets die Landeshauptstadt Bukarest, doch viele politische Entscheidungen, geheime Gespräche sowie Familientragödien und Hofintrigen sind mit dem skurril-romantischen Schloss Peles eng verbunden.

Rumänien, ständiges Schlachtfeld seiner drei mächtigen Nachbarn Österreich-Ungarn, Russland und dem Osmanischen Reich, erhielt in den 60er-Jahren des 18.Jahrhunderts für die bei den ursprünglich unter türkischer Lehenshoheit stehenden Fürstentümer Moldau und Walachei seine Unabhängigkeit. Auf der Suche nach einem starken Herrscher holte der damalige Staatsmann Johann Brantianu 1866 den Prinzen Karl von Hohenzollern-Sigmaringen ins Land. Er nahm die rumänische Staatsbürgerschaft und orthodoxe Religion an, nannte sich Carol I. und begründete die rumänische Dynastie der Hohenzollern. Er wurde 1881 nach dem Sieg über die Türken und der Eroberung der Dobrutscha zum König des inzwischen Rumänien genannten Landes gekrönt.

Vier deutschstämmige Herrscher

Aus der ehemals türkischen "Provinz" schuf Carol einen bedeutenden Staat; das Gerichts- und Schulwesen wurden reformiert, durch Bau von Eisenbahnverbindungen das Land erschlossen, das wichtige Tabakmonopol verstaatlicht und durch Gründung einer Nationalbank das Finanzwesen geordnet. Seine Frau, Königin Elisabeth, war eine geborene Prinzessin von Wied, die als Dichterin unter den Namen Carmen Sylva in die Literaturgeschichte einging. Da der Ehe nur eine Tochter entstammte, die früh verstarb, bestimmte Carol 1889 seinen Neffen Prinz Ferdinand von Hohenzollern zu seinem Thronerben.

Ferdinand wurde rumänischer Staatsbürger, machte aber neben seinem kühn wirkenden, erfolgreichen Onkel keine sehr gute Figur. Unansehnlich, ungepflegt, gelbhäutig wie ein Leberkranker pflegte er in Augenblicken der Nervosität haltlos zu kichern. Mit dem Heiratsantrag an die siebzehnjährige Maria, Tochter des Herzogs von Edinburgh und Enkelin der englischen Queen Victoria tat er jedoch für sich und sein Land einen bedeutenden Schritt. Maria und Ferdinand heirateten 1893 in Sigmaringen. Die ersten Jahre am rumänischen Hof waren quälend für Maria. Der König demütigte den Prinzen vor seinem Hofstaat und aller Welt und Maria schloss sich, in ihrem Stolz gekränkt, den Intrigen gegen ihren Mann an.

Bis zum niemals restlos geklärten Tode Carols I. auf Schloss Peles im Oktober 1914 spielte Ferdinand am Hof keine Rolle. Auch nach seiner Thronbesteigung galt nur die Meinung der Königin. Schön, autokratisch und intrigant, sich stets ihrer englischen Herkunft bewusst, konspirierte sie mit ihren Ratgebern im Sinaia-Palast. Im Kriegsjahr 1916 veranlasste Maria ihren Mann, den Mittelmächten den Krieg zu erklären. Erzürnt strichen die deutschen Hohenzollern Ferdinands Namen aus ihren Reihen und die deutsche Armee besetzte Rumänien in kürzester Zeit. Ferdinand bat um Asyl bei Kaiser Karl von Österreich, was die Königin erfuhr und verhinderte. Damit rettete sie nicht nur den rumänischen Thron und ermöglichte es Ferdinand zu überleben, sondern erreichte darüber hinaus bei den Friedensverträgen unter Mitwirkung ihres britischen Onkels wesentliche Gebietszuwächse für ihr Land. Durch den Anschluss Siebenbürgens, Teilen der Bukowina und des Banat von Österreich-Ungarn und Bessarabiens vom Zarenreich wurde das rumänische Staatsgebiet mehr als verdoppelt, allerdings belastet mit den Problemen der vielen neuen Volksgruppen und Kulturen.

Auch ihre fünf Kinder standen unter dem starken Einfluss der Mutter. Mit ihrer Vermählungspolitik stellte Königin Maria wichtige Verbindungen zu den europäischen Herrscherhäusern her. Ihrem ältesten Sohn Carol verwehrte sie die ins Auge gefasste Großfürstin Olga, älteste Tochter des russischen Zaren, aus Furcht vor der in der Romanow-Familie verbreiteten Bluter-Krankheit. Der Thronfolger wurde mit Helena, der Schwester des griechischen Königs vermählt. Carol ließ sie jedoch

schon während ihrer ersten Schwangerschaft im Stich und liierte sich mit der „Gesellschaftsdame“ Elena Wolf, die sich Madame Lupescu nannte. Mit ihr verbrachte er sein ganzes Leben. Nach einer stürmischen Auseinandersetzung mit seinen Eltern im Sinaia-Palast verzichtete Carol 1926 auf seinen Thronanspruch und zog mit der Lupescu und einer königlichen Abfindung von vierhunderttausend Goldfranken nach Paris. Inzwischen war der lieblosen Ehe mit Helena ein Sohn entsprossen: Michael.

Die Familie, in der das Kind aufwuchs, trug schwer an der Entscheidung Carols, sein Name wurde totgeschwiegen. Als König Ferdinand I. 1927 starb, wurde nicht Carol zum König proklamiert, sondern der sechsjährige Michael, und ein Regentschaftsrat eingesetzt. Starke Strömungen in Rumänien, die für Carol arbeiteten, schafften es jedoch, dass er 1930 der Aufforderung des Ministerpräsidenten Julius Maniu mit Zustimmung aller Parteien folgte und nach Rumänien zurückkehrte. Über die Zusicherung, Madame Lupescu in Paris zurückzulassen, setzte er sich wenig später eigenmächtig hinweg.

Kabale und Diktatur

Es begann eine turbulente Zeit. Am Hof herrschte eine Lupescu-Kabale, während die so genannte Eiserne Garde zu einer neuen Macht im Staat wurde. Sie ahmte die Nationalsozialisten in Deutschland nach und leitete grausame Judenverfolgungen ein. Das Regime Caros II. wandelte sich bald zu einer Diktatur; doch erzielte er einen wirtschaftlichen Aufschwung seines Landes durch den Handel mit Öl und Weizen. In seinem Bestreben, die Großmächte gegeneinander auszuspielen, unterzeichnete er wertlose Verträge und Pakte, die ihm aber keinerlei Nutzen einbrachten. Das Datum seiner Thronbesteigung wurde zum staatlichen Feiertag und alljährlich Anlass zur Ausgabe pompöser, aber gut gestalteter Briefmarkenserien zur Historie seines Staates, wobei er selber in vielen Aufmachungen posierte. Unter seiner Schirmherrschaft fand 1932 auch der 9. Internationale Kongress für Geschichte der Medizin und Pharmazie statt; Anlass zu einer dreiwertigen Sonderserie mit Medizinmotiven und seinem Konterfei.

Mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges und der Niederlage Frankreichs änderte sich die Lage in Rumänien schlagartig. Die Russen besetzten im Sommer 1940 Bessarabien und die Nordbukowina; ein großer Teil Siebenbürgens und die Süddobrutscha fielen im 2. Wiener Schiedsspruch an Hitlers Kampfgefährten Ungarn und Bulgarien zurück. Marschall Ion Antonescu, Chef der Militärverschwörung, verlangte die Abdankung des Königs. Genau wie sein Vater im 1. Weltkrieg bat Carol um Asyl, diesmal in Deutschland. Hitler gewährte es ihm, verweigerte aber die Aufnahme der Jüdin Lupescu. So verließ der mit einigen Getreuen, mit Hunden, Autos und kostbaren Gütern vollbepackte Sonderzug via Schweiz das Land in unbekannter Richtung.

Michael wurde wiederum König - unter demütigenden Umständen. Die Zeitungen beschimpften seinen Vater und Antonescu hielt den jungen König mit der Drohung in Schach, die Krone an die Familie seiner Tante, Prinzessin Eleana weiterzugeben.

Rumänien beteiligte sich an Hitlers Angriff auf Russland und gewann zunächst die verlorenen Gebiete in kurzer Zeit zurück. Dann wendete sich das Blatt und Russland drängte die so genannten Achsenmächte zurück. Die Situation im Lande wurde verzweifelt. In einer dramatischen Auseinandersetzung ließ der mit der Zeit selbstbewusst gewordene König Marschall Antonescu und seine Minister verhaften und übermittelte dem deutschen Oberkommando die Mitteilung, dass Rumänien aus eigenem Entschluss aus dem Krieg ausgeschieden sei.

Nicht die Alliierten, sondern die Russen nutzen die Gunst der Stunde und sandten eine Schar kommunistisch geschulter Rumänen ins Land, die sich mit Geschick der Verwaltung annahmen. Petru Groza, ein reicher rumänisch-kommunistischer Gutsbesitzer wurde mit der Regierungsbildung beauftragt.

Mit Beginn des Kalten Krieges wurde Michael I. als einziger König hinter dem Eisernen Vorhang immer mehr zu einer kuriosen Gestalt. Kommunistische Massenversammlungen stellten Riesenbilder von Stalin, Lenin, Groza sowie dem König zur Schau. Aber er hielt sich noch zwei Jahre im Amt. 1947 lernte er bei der in London stattfindenden Hochzeit seines Vetters und Jugendfreundes Phillip von Griechenland mit Prinzessin Elisabeth, der heute noch regierenden Königin von England, Prinzessin Anne von Bourbon-Parma kennen, Tochter des verarmten Prinz René und Prinzessin Margarethe von Dänemark.

Trotz Spekulationen der Presse kehrte er nach Rumänien zurück, spürte dort aber bereits einen frostigen Empfang und wurde gegen Jahresende zur Abdankung gezwungen. Um drohendes Blutvergießen zu vermeiden, willigte Michael schließlich seiner Entlassung gegen alle Argumente seiner Mutter, Königin Helena, ein. Am Neujahrstage 1948 verließ er sein Land und heiratete bald darauf in Athen Prinzessin Anne. Über das Land legte sich für Jahrzehnte die Trostlosigkeit einer Volksdemokratie. Das viel umstrittene Bessarabien wurde nach dem Zerfall der Sowjetunion 1990 ein selbstständiger Staat mit dem Namen Moldawien.

 

Literatur

  • Geoffrey Bocca, Könige mit und ohne Thron, Biederstein-Verlag, München,
  • Ekkehard Völkl, Rumänien, Friedrich-Pustet-Verlag, München u. Regensburg 1995,
  • Hans Berge, Wenn die Adler kommen, Langen Müller Verlag, München,
  • Michel Briefmarkenkatalog Osteuropa, Schwaneberger Verlag, München 1994.
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