Pharmazeutische Zeitung online

Ein Kongressbummel durch Luzern

10.09.2001  00:00 Uhr
PHILATELISTISCHER STREIFZUG

Ein Kongressbummel durch Luzern

von Otto Föcking, Kleve

Bevor am 19. September der 35. Internationale Kongress für Geschichte der Pharmazie mit seinem vielseitigen Programm an Vorträgen, gesellschaftlichen Ereignissen und Exkursionen in Luzern beginnt, wird sich der Tagungsteilnehmer gewiss mit der wunderschönen Kulturstadt am Vierwaldstätter See vertraut machen wollen. Deshalb sei hier, auch unter pharmazeutischen Aspekten, ein kurzer Stadtbummel angetreten.

Verlässt man als Ausgangspunkt den modernen und lebhaften Hauptbahnhof, empfängt den Besucher ein überwältigendes Panorama mit sehr unterschiedlichen Eindrücken. Zur Rechten schweift der Blick von dem hypermodernen Kultur- und Kongresszentrum, das an zwei Tagen den Vorträgen dient, über die Schiffsanlegestelle auf das nördliche Seeufer mit dem Casino und seinen berühmten Hotels. Zur Linken fällt der Blick sogleich auf das Wahrzeichen der Stadt, die Kapellbrücke, die - seit langem von modernen Brücken entlastet - die Altstadtteile beiderseits der dem See wieder entströmenden Reuss verband. Mit ihrem markanten achteckigen Wasserturm, der einst als Wachturm, Gefängnis und Folterkammer diente, den Holzstützen im Fluss und dem zweifach abgewinkelten und überdeckten Steg mit zahlreichen Gemälden in den Dachzwickeln zum Ruhme heroischer Taten Luzerner Bürger, ist sie ein Musterbeispiel mittelalterlichen Brückenbaus. 1993 durch ein brennendes Schiff gerammt und selbst teilweise erheblich durch Brand zerstört, wurde das symbolhafte Bauwerk mittels Spenden und Zuschlagsbriefmarken innerhalb von acht Monaten wieder aufgebaut.

Nach Überschreiten der breiten, vielbefahrenen Seebrücke, den Blick auf die Museggmauer, die faszinierende nördliche Stadtbefestigung mit ihren neun unterschiedlich spitz bedachten Wehrtürmen gerichtet, empfiehlt sich zunächst ein Abstecher zum Löwenplatz, benannt nach einem der seinerzeit wohl berühmtesten Monumente der Erde, dem "Sterbenden Löwen von Luzern". Es wurde zum Andenken an den Heldentod der 1792 in den Tuillerien gefallenen Schweizer in den natürlichen Felsen gehauen. Zu Zeiten unserer Großväter fehlte selten in einem gehobenen Bürgerhause ein Alabaster-Briefbeschwerer oder gar eine Kuchenform mit dem Luzerner Löwen. Benachbart liegt das sehenswerte Bourbaki Panorama, ein einzigartiges 110 Meter langes Rundgemälde von Edouard Castres über die Internierung der französischen Ostarmee im Kriegswinter 1870/71 in die Schweiz.

Picasso-Sammlung im Am-Rhyn-Haus

Beim Bummel durch die geschäftige Fußgängerzone der Altstadt treffen wir in der Furrengasse auf eins der schönsten historischen Gebäude der Stadt, das Am-Rhyn-Haus. Es beherbergt die außergewöhnliche Picasso-Sammlung der Donation Rosengart mit bedeutenden Zeichnungen und Skulpturen aus den letzten zwanzig Schaffensjahren des Künstlers und vor allem einer umfangreichen Fotodokumentation aus Pablo Picassos (1881-1973) Leben. Nach wenigen Schritten stehen wir auf dem Kornmarkt vor dem Rathausbau von 1606 mit seinem reichen Renaissanceportal, der spätgotischen Wendeltreppe und dem wuchtigen Turm. Seine markante, der Reuss zugewandte Rückseite mit vier Dachgiebeln und drei achtgliedrigen Fensterreihen ist auf einer Sonderbriefmarke zum Gedenken an das 800-jährige Bestehen Luzerns zu erkennen. In diesem Rathaus wirkte im 16. Jahrhundert der Apotheker Renwald Cysar (1545-1614) als Stadtschreiber und Staatsmann. Der Pharmaziehistoriker Gottfried Boesch zeichnete seine Biografie während des IGGP-Kongresses 1957 eindrucksvoll auf (siehe Literaturhinweis). Bei diesem ebenfalls in Luzern veranstalteten, dem 75. Geburtstag des Apothekers und Historikers George Urdang gewidmeten Pharmaziegeschichtskongress, kamen damals praktisch alle Pharmaziehistoriker mit Vorträgen zu Wort, die in den ersten Nachkriegsjahrzehnten die Pharmaziegeschichte Europas nachhaltig beeinflussten.

Der berufshistorische Spuren suchende Pharmazeut wird auf dem benachbarten altertümlichen Weinmarkt die traditionsreiche Weinmarkt-Apotheke allerdings schmerzlich vermissen. Wo einst die mit der noch gültigen 360-Rappen-Dauermarke postalisch geehrte, linkshändige Apothekerin waltete, wird heute elegante Mode für den Herrn angeboten. Am schönen Giebelhaus entdeckt man zwar noch den apothekerlichen Wahlspruch "Amor medicabilis nullis herbis", einen Baum mit Schlange und die Jahreszahlen 1530-1895. Ein Kugelfisch aus dem 17./18. Jahrhundert, ein kostbares Relikt aus der Weinmarkt-Apotheke, mit dem die Kongressveranstalter ihre Broschüre dekorierten, landete nach der Geschäftsaufgabe auf einem Flohmarkt und wurde dort, welch glücklicher Zufall, vom Konservator des Pharmaziehistorischen Museums in Basel entdeckt und für sein Museum erworben; ein doppelter Grund auf der Hin- oder Rückreise nach Luzern dieses Museum im Barfüssergässchen Basels mit einer der weltweit größten Sammlungen zur Geschichte der Pharmazie zu besuchen oder die angebotene "Pre-Convention-Tour" nach Basel zu buchen.

Dennoch muss der Pharmaziehistoriker auf eine geschichtlich interessante Apotheke in Luzern nicht verzichten. Schreitet man vom Weinmarkt durch die Kramgasse und über die anschließende kleine Reussbrücke, findet man am nahen Von-Segesser-Platz die Alte Suidter´sche Apotheke mit einer modernisierten Offizin in einem würdigen Schweizer Haus, dessen Giebelseite zwei hängende Erker und ein Wendeltreppenturm zieren, dessen Spitze das überkragende Walmdach durchbohrt. 

Paracelsus' Geburtsort

Hinsichtlich der von der Kongressleitung angebotenen Tagesexkursionen ist der Besuch des Klosters Einsiedeln von besonderem historischem Interesse. In seiner jüngst restaurierten Stiftsbibliothek im Rokokostil befinden sich mehrere einzigartige Pflanzenbücher und Handschriften. Einsiedeln ist zudem der Geburtsort - nicht das Kloster, sondern ein Haus an der Sihlbrücke - des berühmten Arztes und Naturphilosophen Paracelsus, der uns Apothekern durch die Forschungen und Veröffentlichungen deutscher Pharmaziehistoriker besonders vertraut ist. 

Wer sich anstelle der zwar außerordentlich reizvollen Exkursionen auf die Luzerner Hausberge Bürgenstock, Pilatus, Rigi und zur Glashütte Hergiswil über die Geschichte der Schweizer Eidgenossenschaft informieren möchte, wird eine Schifffahrt mit einem der nostalgischen Raddampfer nach Brunnen und den Besuch des monumentalen Bundesarchivs im nahen Städtchen Schwyz einplanen. Hier befindet sich unter vielen historischen Dokumenten zur Schweizer Landesgeschichte der Bundesbrief, die Originalurkunde zur Gründung der Eidgenossenschaft nach dem Rütli-Schwur der drei Waldstädte Uri, Schwyz und Unterwalden aus dem Jahre 1309, dem sich als vierter Partner Luzern 1332 anschloss.

 

Literatur

  • Gottfried Boesch "Renwald Cysat als Apotheker" in "Veröffentlichungen der internationalen Gesellschaft für Geschichte der Pharmazie" Band zehn (1957).

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