Pharmazeutische Zeitung online

Highlight an der Westküste

16.06.2003
Datenschutz bei der PZ

Highlight an der Westküste

von Elisabeth Huwer, Burg

Was lange währt, wird endlich gut. Diese Binsenweisheit bestätigt sich beim Besuch des neuen Museums an der Westküste Schleswig-Holsteins in Burg in Dithmarschen. In rund 20 Jahren mauserte sich der Plan für ein kleines Apothekenmuseum zu einem Museum für Landapotheke, Gewerbe und Schifffahrt, das am 17. Mai 2003 der Öffentlichkeit übergeben wurde.

1980 fand Apotheker Peter Sommer durch Zufall auf dem Dachboden seiner Apotheke in einem entlegenen Winkel ein altes Buch: Die „Holsteinische Medizinalverfassung“ von 1834. Sein Schatzsucherinstinkt war geweckt. Bereits nach kurzer Zeit stellte sich heraus, dass auf dem Dachboden, in der Scheune und im ehemaligem Laborgebäude im hinteren Grundstücksteil alles angesammelt war, was in der 1839 gegründeten Privilegierten Apotheke nach und nach als obsolet aussortiert wurde. Was hier als herausragende Besonderheit zu werten ist: Es handelt sich um eine einfache norddeutsche Landapotheke, mit Ausrichtung auf das nicht gerade reiche Klientel des von Agrarwirtschaft und Fischerei geprägten Landstriches.

Die Bestimmung und Restaurierung der Objekte nahm einige Zeit in Anspruch. Peter Sommer schaltete 1986 das schleswig-holsteinische Museumsamt ein und ließ sich vom Leiter, Dr. Helmut Sydow, zu Umsetzbarkeit und Chancen einer öffentlich zugänglichen Ausstellung beraten. Das Ensemble sollte geschlossen innerhalb des historischen Umfelds präsentiert werden. Es wurden Pläne für ein kleines Apothekenmuseum im lange stillgelegten Labor, der noch vorhandenen Stoßkammer und in verschiedenen weiteren Räumen im Apothekengebäude geschmiedet. Sie kamen allerdings nicht zur Ausführung, da es unlösbare Probleme mit dem Wegerecht zum hinteren Teil des Grundstückes gab. Es kehrte zunächst Ruhe und auch etwas Resignation ein.

Als der Gemeinde Burg wenig später ein Gebäude zum Kauf angeboten wurde, in dem sich seit 1840 in den vorderen Räumen eine bis heute nahezu unverändert original eingerichtete Sattlerei befand, bot sich eine neue Chance. Der Bauzustand des Hauses stellte sich jedoch als so katastrophal heraus, dass die Gemeinde zwar das Haus kaufte, die Kosten für die Sanierung aber nicht übernehmen konnte. Engagierte Bürger gründeten den „Förderverein Heimatmuseum Burg e. V.“. Auch Peter Sommer war mit dabei. Die Sattlerei sollte erhalten werden, nach und nach kamen mit den umfangreichen heimatkundlichen Sammlungen von Rainer Stüben, Burg, und durch private Sachspenden weitere prägnante Zeugnisse für ländlich geprägtes Handwerk und Gewerbe hinzu.

Der Förderverein begann 1993 mit der Renovierung des Hauses. Ausschließlich durch Eigenleistung und mit selbst bestrittenen Material- und Handwerkerkosten entstand aus dem abbruchreifen Backsteingebäude innerhalb von zehn Jahren ein sehenswertes Schmuckstück. Allein die Ausdauer der Beteiligten, die zwischendurch immer wieder von den unvorhersehbaren Überraschungen bei der Renovierung eines Altbaus getroffen wurden, ist mehr als hoch zu schätzen. Die gesamte Binnengliederung des Hauses musste erneuert werden. Neue Holzkonstruktionen für Wände, Böden und Dach bannen nun die ehemalige Einsturzgefahr. Elektrik wie sanitäre Anlagen entsprechen den heutigen Standards. Weiße Wände und helles Holz prägen seit der abgeschlossenen Restaurierung den vorherrschenden freundlichen Raumeindruck. Vor gut anderthalb Jahren stand das Einrichtungskonzept der Dauerausstellung und es ging an dessen Umsetzung. Zu diesem Zeitpunkt wandte sich Peter Sommer an das Deutsche Apotheken-Museum, stellte das Konzept für die Apothekenaufstellung vor und bat um Anregung und Kritik. Da das mit dem Museumsamt Schleswig abgestimmte Konzept sehr überzeugend war, war Hilfe lediglich bei der Datierung weniger Geräte und Gefäße vonnöten.

Am 8. Mai 2003 fand ein erster offizieller Eröffnungstermin statt, unter anderem mit dem Präsident der Apothekerkammer Schleswig-Holstein, Volker Articus, dem Bürgermeister von Burg, Peter von Osten, dem Altbürgermeister Helmut Ohlsen, der das Projekt viele Jahre wohlwollend begleitete, sämtlichen Mitgliedern des Fördervereins, Vertretern verschiedener deutscher Museen und des Museumsamtes Schleswig. Am 17. Mai 2003 war es dann soweit: Mit einem großen Straßenfest wurde das Museum der Öffentlichkeit überstellt. Über 1000 Besucher wurden an diesem Tage gezählt.

Kleiner Raum mit viel Geschichte

Im ersten Obergeschoss wird auf nur 60 Quadratmetern in geschickter Anordnung die norddeutsche königlich dänisch privilegierte Landapotheke Burg des 19. und frühen 20. Jahrhunderts authentisch und mit vielen der seit 1839 in Gebrauch gewesenen Geräten und Gefäßen präsentiert. Alles wurde nahezu originalgetreu am ursprünglichen Ort wieder aufgebaut. Das Besondere daran: Alle Bereiche sind für den Besucher frei zugänglich. Beim Betreten der detailgetreu nach fotografischen Vorbildern ausgestatten Offizin mit einfachem Handverkaufstisch schweift der Blick über originale Werbeplakate, kleine Glasschränke mit Arzneimitteln und Parfüms der Jahrhundertwende. Auf dem HV-Tisch liegen Einwickelpapiere bereit, davor lädt die funktionierende Personenwaage zur Nutzung ein. Ein kleiner Tisch ist mit Zeitschriften bestückt, zwei bequeme Stühle laden den Patienten zum Warten auf die gewünschte Rezeptur ein. Viele Dinge haben sich nur durch Zufall bis heute erhalten. Die auf stabile Pappe aufgezogenen Plakate verstärkten jahrzehntelang mit dem Motiv nach unten den Boden eines Regals. Das originale Schild der Apotheke war vor langer Zeit zur Reparatur eines brüchigen Dachbalkens verwendet worden und ziert nun wieder den Eingang zur Offizin.

Nach ausgiebiger Betrachtung der Offizin kann man sich der Rezeptur, der Stoßkammer, der Materialkammer, dem Laboratorium, dem Arzneikeller, dem galenischen Laborbereich oder der überzeugend hinter einem Bretterverschlag untergebrachten Giftkammer näher zuwenden. Immer wieder bleibt der Blick hängen, es gibt viel zu entdecken. Dezent und unauffällig, aber mit dem rechten Maß an Information versehen, bieten die von Peter Sommer erstellten Texte alles Wissenswerte über die Apotheke und die vielfältigen Ausstattungsgegenstände.

Im Erdgeschoss des Museums findet sich das Apothekenkontor und es locken weitere Burger Handwerks- und Gewerbebetriebe des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Hier ist nicht Gerät an Gerät gereiht, sondern ein gutes Konzept zur Präsentation gängiger Betriebe einer kleinen Stadt umgesetzt: nicht historisierende Altertümelei oder ein verklärter Blick in die „gute alte Zeit“, sondern Authentizität.

Die Einrichtung der Sattlerei stammt aus dem 19. Jahrhundert. Nichts hat sich verändert, seit der letzte der Sattlerdynastie Bernhardt sie Ende des 20. Jahrhunderts aufgegeben hat. Dazu gesellt sich Meister Titos Schuhmacherei. Das eindrucksvolle Behandlungszimmer von Zahnarzt Bruno Deppe ist unter anderem mit einem mobilen Behandlungsstuhl und fußbetriebenem Bohrer ausgestattet. Beides packte er regelmäßig auf den Pferdewagen, zog von Dorf zu Dorf in Dithmarschen umher und behandelte seine Patienten, teils unter freiem Himmel. Noch im Aufbau befindet sich die Abteilung zur Burger Schifffahrtsgeschichte, die in Kürze eröffnet wird. Hier gibt es dann eine originale Kajüte eines 100 Jahre alten Küstenschiffes zu bestaunen.

Anrührend schlicht zeigt sich Betty Elfriede Dohrns Friseursalon. Ein weiteres Highlight des Erdgeschosses ist Georg Pauls alter Kolonialwarenladen. Er ist ebenfalls in weiten Teilen originalgetreu eingerichtet bis zum (heutigen) duftenden Schinken, der vom Deckenbalken herabhängt. Der Museumsshop ist dezent integriert. Das kleine Museumscafe bietet bei Sonne auch Plätze im Garten.

Dem Engagement der Mitglieder des Fördervereins und den beteiligten Handwerkern aus Burg ist es zu verdanken, dass an der Westküste Schleswig-Holsteins ein sehenswertes Museum entstanden ist - didaktisch und pragmatisch durchdacht bis ins kleinste Detail. Ein virtueller Rundgang kann unternommen werden unter: www.heimatmuseum-burg.de/Heimatmuseum. Top

© 2003 GOVI-Verlag
E-Mail: redaktion@govi.de

Mehr von Avoxa