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Stepptanz für psychisch Kranke

02.06.2003  00:00 Uhr

Stepptanz für psychisch Kranke

von Gudrun Heyn, Berlin

Zu einem Kinobesuch der etwas anderen Art hat der Verein Irrsinnig Menschlich e.V. am 29. Mai in Berlin eingeladen. Sein Ziel: gesellschaftliches Umdenken bei einer Krankheit, die genauso gut behandelbar sein soll wie Diabetes - der Schizophrenie.

Schon tags zuvor steppten Bären in grünen T-Shirts in der Stadt und vor dem Brandenburger Tor. Mit Flyern warben sie in den Menschenmassen des Kirchentags für das Event und luden ein, am Donnerstagabend den Film „Das weiße Rauschen“ und tanzende Prominente zu sehen, mit Spaß und Emotion, Aktion und Diskussion.

Zu Anfang ist die Stimmung erwartungsvoll gedämpft. Im gut gefüllten Kinosaal wird nur noch geflüstert. Keine Lampe brennt. Kaum zu erahnen ist die schwarz gekleidete Menschenkette, die sich auf das Podium vor die Kinoleinwand schleicht. Jeder trägt einen weiß leuchtenden Buchstaben auf dem Rücken. „Vorurteile“ ist da zu lesen. Stimmen wispern aus den Lautsprechern. „Klapse, Psychiatrie“ raunt es über den Köpfen. „Die sind ja nicht mehr normal.“ Doch die steppenden Bären schubsen im Spotlight eines großen Scheinwerfers die „Vorurteile-Kette“ von der Bühne.

Es kann jeden treffen

Jetzt ist das Publikum an der Reihe. Jeder, der auf seiner Eintrittskarte, einem Steppbrett, das Symbol „S“ findet, wird von den Radiomoderatoren Robert Skuppin und Volker Wieprecht aufgefordert, aufzustehen. Es sind ein Prozent der Kinobesucher. „Ein Prozent der Bundesbürger sind derzeit an Schizophrenie erkrankt, also rund 800.000“, lautet die Erklärung von der Bühne. Dann stehen 5 Prozent des Publikums auf für bipolare Erkrankungen (manisch-depressive Störungen) und damit für den entsprechenden Anteil der betroffenen Deutschen. Auch der Rest der Steppbrettbesitzer wird nun gebeten, sich zu erheben. Etwa 25 Prozent der Menschen in der Bundesrepublik leiden insgesamt an psychischen Erkrankungen. Es kann jeden treffen, unabhängig vom Geschlecht, von der Hautfarbe, vom Alter und der sozialen Schicht.

„Das weiße Rauschen“ nimmt den Zuschauer mit auf eine „Reise in die Schizophrenie“. Der 21-jährige Lukas kommt in die Großstadt zu seiner Schwester Kati. Er will weg vom Land, endlich soll das Leben Spaß machen. Aber er scheitert an den vielen Anforderungen, die das neu gewählte Leben an ihn stellt. Da sind zum Beispiel die vielen Menschen und endlosen Korridore in der Uni, die ihn verwirren und ihn nicht bis ins Immatrikulationsbüro kommen lassen.

Lukas nimmt Drogen - und rastet aus. Er ist unfähig, auf Information von außen einzugehen, Umweltreize zu filtern und zu strukturieren. Nach einem Ausflug und dem Konsum von psychedelischen Pilzen wird die Rückfahrt für ihn zum Horrortrip. Laute Stimmen reden auf ihn ein. Er hat Angst. Die Grenzen zwischen Normalität und Wahnsinn verwischen.

Dies ist durchaus kein ungewöhnlicher Vorgang, wie Dr. Matthias Dobmeier vom Klinikum der Universität Regensburg anschließend informiert. Mit Drogen kann man psychotische Symptome nachahmen, bei psychisch Kranken wirken sie wie ein Verstärker. Rauschmittel können Schizophrenie auslösen.

Stimmen treiben in den Wahnsinn

Für Lukas hören die Stimmen nicht auf. Verzweifelt versucht er ihre Herkunft zu lokalisieren, schlägt mit dem Hammer Löcher in Türen und Wände, um die Lautsprecher zu finden. Schließlich treiben ihn die Stimmen zum Fenster und er springt.

In der Psychiatrie wird er mit Medikamenten ruhig gestellt. Ein Schock für Kati. Als Angehörige soll sie darüber Auskunft geben, ob es noch mehr Schizophrene in der Familie gibt, denn bei erblicher Vorbelastung ist die Wahrscheinlichkeit zu erkranken etwa um 10 Prozent erhöht. Nach sechswöchiger Therapie ist Luka wieder zurück in seiner Wohngemeinschaft. Täglich nimmt er Medikamente und kann sogar einen Job in einer Kleiderpuppenfabrik aufnehmen. Alles scheint sich zu normalisieren. Doch die Medikamente haben Nebenwirkungen, Lukas wird zunehmend apathisch und schmeißt die Tabletten schließlich fort.

Bald zeigen sich wieder Anzeichen von schizophrenen Schüben. Die Schaufensterpuppen in der Fabrik werden lebendig. Sie reden mit ihm, drohen. Als selbst Kati nicht wahrhaben will, dass die Menschen auf der Straße Roboter sind, springt Lukas in den Rhein, wird aber gerettet.

„Für die Ärzte war ich schizophren, für die meisten anderen einfach nur ein Spinner. Mir war es eigentlich egal, wie die Leute mich nennen. Wonach ich suchte, das war das Leben, das ich führen kann“, fasst Lukas seine Erfahrungen zusammen.

Am Schluss ist es ganz still im Kinosaal. Verhaltene Buh-Rufe sind zu hören. „Genauso ist es“, tönt es von Betroffenen zurück. Die Diskussion beginnt, noch bevor die Moderatoren eine Chance haben, das Wort wieder zu ergreifen.

„Es gibt keinen Film, der das Thema richtig behandelt“, sagt der Regisseur Hans Weingartner. „Filme sind keine Botschaften. Ich habe das Thema so gut umgesetzt wie ich konnte.“ Für „Das weiße Rauschen“ erhielt Weingartner im Jahr 2001 den Max-Ophüls-Preis. 2002 wurde das Werk mit dem Deutschen Filmpreis ausgezeichnet.

„Vor hundert Jahren hat man Schizophrene zur Ader gelassen“, berichtete Dobmeier. Dann kamen die großen psychiatrischen Anstalten. Der Begriff der Neuroleptika wurde 1955 geprägt. Zu den Medikamenten, die heute noch eine Rolle spielen, zählen Haloperidol und Flupentixol, so der Mediziner. Clozipan, Olanzipan, Risperidon und Amisulprid gehören als atypische Neuroleptika zu den neueren Arzneimitteln. Benzodiazepine nannte er als Vertreter der Antidepressiva. Und natürlich gebe es auch noch die Psychiatrie mit Gesprächstherapie und der Schaffung von Arbeits- und Wohnmöglichkeiten. Die Entwicklung der Arzneimittel sei oft von großen Zufällen abhängig gewesen. „Denn wie wollen Sie bei der Erprobung von Substanzen herauskriegen, ob eine Maus halluziniert.“

Ohne Einsicht läuft nichts

Ob dies denn eine Veranstaltung der Pharmakonzerne sei, wollen nun einige junge Menschen aus dem Publikum wissen. Immerhin gäbe es zur Behandlung psychisch Kranker auch Alternativen, wie etwa Methoden, die aus der Meditation stammen.

Aus medizinischer Sicht ist jeder Behandlungsweg denkbar, meint Dobmeier: „Jede dogmatische Diskussion ist überflüssig, denn es gibt kein Medikament, das von allen Menschen gleich gut vertragen wird.“ Sven Ramos, Betroffener und Mitglied des Vereins Irrsinnig Menschlich ergänzt, dass es für ihn am schwierigsten gewesen sei, anzuerkennen, dass er krank ist. Mehr als acht Jahre habe er dafür gebraucht.

Viele aus dem Publikum wollen wissen, wie man seinen Angehörigen oder Freunden helfen kann und ab wann ein Arztbesuch angeraten ist. Die Antwort scheint hart. „Es gibt wirklich nichts anderes als zu warten, bis es knallt“, sagt Kai Uwe Schulz, Schizophrener und Podiumsreferent. Dies hätten Schizophrene mit Drogensüchtigen gemeinsam: Ohne die Einsicht läuft nichts.

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