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Leben mit Ersatzteilen

10.05.2004  00:00 Uhr
Medizintechnik

Leben mit Ersatzteilen

von Sabine Schellerer, München

Welche Hilfen Medizin und Technik dem Menschen bieten, wenn wichtige Funktionen des Körpers versagen, zeigt eine neue Sonderausstellung des Deutschen Museums. „Leben mit Ersatzteilen“ geht dabei auf die Entwicklung von Brillen und Hörgeräten bis hin zu künstlichen Hüften und Herzklappen ein, präsentiert aber auch Methoden der Zellzüchtung, mit denen Wissenschaftler versuchen, erkranktes Gewebe auf biologischem Weg zu ersetzen.

Die Natur hat den Menschen seinen Bedürfnissen entsprechend perfekt ausgestattet: Er sieht mit zwei scharfen Augen, hört mit empfindlichen Ohren, kaut mit scharfen Zähnen und greift mit starken Händen. Zwei bewegliche Beine dienen der Fortbewegung und das ausgeklügelte Zusammenspiel der inneren Organe gewährleistet, dass der Körper mit allen notwendigen Nährstoffen versorgt und Überflüssiges rasch wieder entfernt wird. Jedes einzelne Teil dieser organisierten Gesamtheit gleicht einem wahren Wunderwerk. Doch was, wenn ein Rädchen im Getriebe nicht mehr das leisten kann, was es soll? Wenn eine Miene explodiert und ein Bein wegreißt, sich die Augenlinse trübt, das Gehör versagt oder das Herz zu schwach wird muss das Leben trotzdem weitergehen – und zwar so gut wie möglich.

Die Medizintechnik ist heute im Stande, viele körperliche Mängel zu korrigieren, fehlende Glieder und Organe zu ergänzen. Was Ärzte alles können, um Behinderten, Verletzten und Kranken das Leben zu erleichtern, bringt die Münchner Sonderausstellung auf beeindruckende Weise nahe. „Die verschiedenen Fachrichtungen, die oft weit auseinander liegen unter einen Hut zu bekommen, war für uns dabei eine besondere Herausforderung“, gestand Dr. Walter Rathjen, Projektleiter der Ausstellung, auf einer Presseveranstaltung, zu der das Deutsche Museum geladen hatte.

Plastik mit Prothese

Gleich zu Anfang sieht sich der Besucher einem „Ersatzteilmenschen“ gegenüber: Die Plastik läuft mit einer Beinprothese, greift mit einer künstlichen Hand und muss die Nahrung mit unechten Zähnen zermalmen. Ein künstliches Herz pumpt das Blut durch die Gefäße und ein Gelenk aus Metall ersetzt das natürliche Knie aus Knochen und Knorpeln. Wie sehr Ärzte, Ingenieure, Physiker und Molekularbiologen Hand in Hand arbeiten, wird beim Rundgang durch die Wunderwelt menschlicher Ersatzteile deutlich.

Der Besucher trifft auf alte und neue, miniaturisierte Hörgeräte, die taube Menschen aus der Isolation führen und sieht eine ganze Palette von Beinprothesen, die Betroffene wieder laufen lassen. In einer Vitrine präsentieren sich künstliche Hände und Arme, in einer anderen verschiedenste Formen von Hüftgelenken, eine künstliche Bandscheibe erinnert an Millionen schmerzender Rücken. Stents, Ballonkatheter und Herzschrittmacher scheinen heute selbstverständliche Hilfsmittel, wenn die „Pumpe“ zu versagen droht. Spezielle Systeme helfen dem schwer Herzkranken, die Zeit bis zur Transplantation zu überbrücken.

Einen Blick in die Zukunft wagt der Bereich des „Tissue engineering“. Hier informieren Beispiele aus der Zell- und Gewebezüchtung von Haut, Knorpel, Knochen und Muskelgewebe über die Forschungen zur biologischen Wiederherstellung erkrankter Gelenke und Organe - ein Bereich, der das „menschliches Ersatzteil“ vermutlich revolutionieren wird.

Der Blick zurück in die Geschichte verdeutlicht die enormen Vorteile der modernen Medizintechnik. Ein Brief des tauben Ludwig van Beethoven lässt erahnen, wie es ist, nichts zu hören und das marode Gebiss von George Washington macht klar, wie glücklich sich der heutige Mensch schätzen darf, über Kronen, Brücken und Zahnimplantate zu verfügen.

Erstellen, hören, erfahren

An verschiedenen Stationen ist die Aktivität des Besuchers gefragt: Er kann selber ein EKG erstellen oder sich anhören, wie ein Herzklappenfehler klingt. Verschiedene Augenkrankheiten werden durch das Aufsetzen spezieller Brillen „erfahrbar“. Videos zeigen Herz- und Knieoperationen. Außerdem kommen Patienten zu Wort, die über ihre Probleme, aber auch ihre Hoffnungen erzählen.

Der Ausstellung geht es nicht darum, brandaktuell zu sein und die Besucher mit den allerneuesten Errungenschaften der Medizintechnik zu konfrontieren. „Vielmehr streben wir danach, komplexe Systeme anschaulich zu gestalten und schwierige Technologien für die breite Öffentlichkeit interessant aufzubereiten“, unterstrich Professor Wolf Peter Fehlhammer, Generaldirektor des Deutschen Museums. Zudem möchte die Ausstellung nicht allein Wissen vermitteln. „Es geht hier insbesondere um den ständigen Dialog über ein Thema, das die Welt verändert hat und ständig weiter verändert“, fügte Professor Eckhard Nagel, unter anderem Mitglied im Nationalen Ethikrat, hinzu. „Dass wir hier Grenzfragen aufwerfen – besonders im Hinblick auf die problematische demografische Entwicklung, die Kostenfrage im Gesundheitswesen und die Ressourcenknappheit bei Organen – wissen wir.“ Ein Begleitprogramm aus Vorträgen und Gesprächsrunden bietet deshalb die Möglichkeit, sich zu den kritischen Themen, die sich um den „Ersatzteilmenschen“ ranken, offen zu äußern. „Der Diskussionsfaden darf niemals abreißen“, sagte Dr. Walter Hauser, Projektleiter Zentrum Neue Technologien im Deutschen Museum. Nach einem Jahr wird die Ausstellung wandern und voraussichtlich in Berlin an der Charité Quartier beziehen.

 

Leben mit Ersatzteilen
9. Mai 2004 bis 30. Juni 2005

Deutsches Museum
Museumsinsel 1
80538 München

Telefon (0 89) 21 79 - 1
Fax (0 89) 21 79 - 324
www.deutsches-museum.de

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