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Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Nachbarn

13.05.2002
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Apotheke in Mexiko

Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Nachbarn

von Thomas Scior, Puebla

Unter dem Motto "Tradition und Innovation der Pharmazie Mexikos" startet die PZ vom 25. Oktober bis 3. November ihre diesjährige Leserreise ins Land der Azteken. Die sorgfältig geplante Route von Mexico-City bis Oaxaca ist auch dem Apothekenwesen auf der Spur - von den Indianern bis heute.

Für die standespolitischen Entwicklungen hier zu Lande ist ein vergleichender Blick über den atlantischen Tellerrand hilf- und lehrreich, denn wie schon Goethe treffend bemerkte: "Reisen bildet". Zudem kann man aus fremdländischen Verhältnissen nützliche Erfahrungen gewinnen.

Ausgerechnet von Hernando Cortés, der Anfang des 16. Jahrhunderts mit seinen rund fünfhundert spanischen Söldnern die Hochebene Mexikos plündernd eroberte, stammen die folgenden anerkennenden Worte in einem Brief an den König Spaniens: " … es gibt Märkte mit allerlei einheimischen Heilkräutern und Wurzeln; dazu eine Art Verkaufsladen der indianischen Apotheker ("panamak-ojani"), wo frisch zubereitete Mittel wie Heiltrunk, Salbe und Wickel, … angeboten werden."

Heutzutage ist davon fast nichts mehr zu sehen. Nicht etwa, dass ein moderneres, wissenschaftlicheres Apothekenwesen das ältere weiterentwickelt und erfolgreich ersetzt hätte. Es ist vielmehr ganz und gar auf der Strecke geblieben.

Anders als bei den mediterranen Kulturen, die seit der Antike die sprachliche, religiöse und geistige Entwicklung Europas mitbestimmten, ist bis heute kaum ein Einfluss von Mesoamerika, dem "antiken Mittel- und Südamerika", auf den Alten Kontinent ausgegangen. Der Grund war die nachhaltige militärische und religiöse Unterdrückung indianischer Zivilisationen.

Kulturverbot

Azteken und Mayas in Mexiko sowie die Inkas der Andenregion hatten sich sozial und technisch in etwa so weit entwickelt wie die mesopotamische oder minoische Kultur auf Kreta, zum Beispiel in Mathematik, Architektur, Bilderschrift und in der Astronomie mit Kalender. In allen Bereichen, auch der Heilpflege, wurde der Kolonie "Nueva España" unter Strafe ein Kulturverbot auferlegt. Dennoch haben sich bis heute im unzureichend erschlossenen Hinterland Siedlungen indianischer Herkunft erhalten und sind Ziele vieler ethno-pharmakologischer Studien bei Heilmännern und -frauen (curanderos, -as).

Die Bedeutung des kulturellen Erbes regte den Staat zur Gründung der beiden Einrichtungen "Instituto Nacional de Indígenas" und "Ecología" an. Ersteres pflegt in regionalen Zentren Sprache, Sitten und Heilkunst der Indios. Aber auch kritisch zu Betrachtendes begegnet dem Reisenden: unkontrollierte Landnahme verarmter Campesinos, Raubbau an den natürlichen Ressourcen wie Boden, Wasser, Luft sowie Landflucht und Verstädterung idyllischer kolonialer Städtchen. Ursache ist die starke demografische Entwicklung: Das Mexiko von 1900 schätzt man auf unter 20 Millionen Einwohner, heute sind es rund 100 Millionen. Zwei Drittel sind unter 30 Jahre alt, 10 bis 20 Millionen suchen in den USA Arbeit. Bei einem Einkommen von unter 1000 Euro pro Jahr vermehrt sich die Armut in dem prowestlich eingestellten, neoliberalen Land schneller als der Wohlstand. Allgemeinbildung beziehungsweise berufliche Ausbildung bleiben für viele unerreichbar.

Im Gesundheitswesen wurde dem flächendeckenden, unbeschränkten und kostengünstigen Arzneimittelhandel der Weg geebnet. Traurige Praxis ist der ungeregelte, freie Verkauf von Medikamenten. Um sie wird mit Preisnachlässen heftig geworben. Man nimmt zum Beispiel Antibiotika oder Hormone "zum Ausprobieren" ein, weil der Nachbar oder die Werbung es empfiehlt. Letztere ist auch für formal rezeptpflichtige Mittel erlaubt. Dem Fehl- und Missbrauch, der Piraterie und Generikaschwemme mit fragwürdiger Qualität ist Tür und Tor geöffnet, da eine kompetente Kontrollinstanz, gerade bei Abgabe in dispensierenden Gemischtwarenläden, Supermarktabteilungen oder "Apotheken"-Ketten ("Farmacias") fehlt.

Laxe Gesetze, ungeschultes Personal

Das Ende der Pharmazie in Lehre, Forschung und Beruf begann bereits im 19. Jahrhundert. Schon bald nach der Unabhängigkeitserklärung 1821 wurde im Jahre 1833 der universitäre Ausbildungsgang Pharmazie in die frisch eingerichtete medizinische Fakultät der Hauptstadt inkorporiert. Mit beginnender Industrialisierung des Arzneimittelmarktes erlaubte ein zunehmend laxeres Gesundheitsgesetz die Verbannung des Apothekertums (boticarios) aus den Apotheken (boticas, droguerías): Erlaubt wurden Fremd- und Mehrbesitz und hinzu kam die Auflage zur nur noch sporadischen Überprüfung der Betriebsordnung beziehungsweise Beaufsichtigung des ungeschulten Personals durch einen nicht mehr ständig anwesenden Farmacéutico. Hundert Jahre später gab es über zweihundert meist ausländische Arzneimittelhersteller, die fast 3000 verschiedene Fertigspezialitäten anboten. Für die mexikanische Apothekerschaft gab es daher nur den Ausweg in die industrielle Fertigung oder der Spezialisierung im Ausland in Richtung Formulierung, analytische Qualitätskontrolle und Labormedizin (análisis clínicos). 

Zwischen 1930 und 1940 entstand als Apothekerersatz der unter Frauen sehr beliebte Beruf des "Quimico-Farmaco-Biológo" (Q.F.B.), der beziehungsweise die in dem Berufsfeld der hiesigen MTA arbeitet. In arzneilichen Fragen entspricht die Ausbildung aber wohl eher den Kenntnissen einer Krankenschwester oder eines Krankenpflegers. Armut und mangelnde Infrastruktur auf dem Land und in Stadtrandbezirken verleiten so manche sozial engagierte Q.F.B., die bedrückende Not durch Ausstellung von gut gemeinten "Arzneiverordnungen" zu lindern. Fehlende Gesundheitserziehung und Kaufkraft, die Arznei als gewöhnliche Handelsware unter ökonomischen Zwängen und eine ungünstige juristische Sichtweise im Umfeld von Arznei- und Nahrungsergänzungsmitteln sind tragische Elemente des Untergangs. Im Gesetz ist beispielsweise die Rede von "medicamentos", doch gemeint sind nur orale Fertigarzneiformen, unter anderem abgegrenzt von Psychopharmaka, Impfstoffen oder Kontrastmitteln.

Unberücksichtigt bleiben Heilpflanzen sowie Drogenextrakte, die man direkt ab Erzeuger auf Märkten erwirbt. Dubiose Drogerieprodukte wie Salben gegen Diabetes und zum Abnehmen, ferner eine Vielzahl regionaler Kleinbetriebe mit unzureichender pharmazeutischer Praxis, lassen das Dilemma klar erkennen: Es fehlen die Apotheker. Es bedarf einer konzertierten Lösung auf juristischer, berufspolitischer und universitärer Ebene mit dem Ziel der Wiedereinführung pharmazeutischen Sachverstandes und Ausübung des Apothekerberufs. Erfreulicherweise ist seit rund zehn Jahren die Hochschul-Pharmazie aber wieder im Kommen.

Es ist nicht verwunderlich, als Antwort auf eine Einladung zum Vortrag über Heilkräuter für die Teilnehmer der Leserreise von einem mexikanischen Hochschullehrer zu lesen, es müsse sich wohl um eine Namensverwechslung handeln, denn er sei nicht Botaniker oder Biologe, sondern mexikanischer "Apotheker" (farmacéutico). Top

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