Pharmazeutische Zeitung online

Schatzkammer der Arzneikunde

18.04.2005  00:00 Uhr
Kräuterbücher

Schatzkammer der Arzneikunde

PZ  Kräuterbücher waren stets das unentbehrliche Vademecum von Apotheker und Arzt. Die meist reich bebilderten Kompendien beschrieben detailliert die medizinischen Anwendungsgebiete von Pflanzen und Arzneidrogen. Das Museum Altomünster zeigt noch bis zum 29. Mai 73 kunstvolle Bücher aus fünf Jahrhunderten.

Eines der ältesten und wohl auch der bekanntesten ist der ägyptische Papyrus Ebers, um 1550 vor Christus, der nicht nur ausführliche Behandlungsanweisungen an den Arzt, sondern auch mehr als 800 Rezepte zur Herstellung von Medikamenten enthält.

Ein anderer Name, der in diesem Zusammenhang nicht fehlen darf, ist Pedanios Dioskurides aus dem ersten nachchristlichen Jahrhundert. Werner Dressendörfer bezeichnet ihn wohl zu Recht als »Vater der Kräuterbücher«. Denn er setzte einen Meilenstein mit seinem

78 nach Christus vollendeten Werk »Peri Hyles iatrike«, lateinische Titelfassung »de materia medica«, in dem er systematisch aufgebaute Monographien von über 1000 Arzneidrogen und Zubereitungen (813 aus dem Pflanzenreich) beschreibt. Das Werk stellt die wohl bedeutendste Quelle für die Medizin und Botanik der Antike dar.

Das deutsche Wort »Kräuterbuch« selbst scheint um das 15. Jahrhundert neu gebildet worden zu sein. Es entstammt dem lateinischen Wort hortus, das heißt Garten, Bezug nehmend auf den Ort, an dem die Pflanzen gedeihen.

Ob zu antiken Zeiten oder in den späteren Zeiträumen, die Autoren dieser vielfältigen und später auch gedruckten Werke hatten stets den Erhalt und das Weitervermitteln von Wissen im Sinn. Kräuterbücher wurden zumeist handschriftlich vervielfältigt, oft durch die Inhaber ergänzt oder auf dem Laufenden gehalten. Durch diesen regen Gebrauch weisen die erhaltenen Exemplare oft starke Gebrauchsspuren auf. Der große Nachteil des Kopierens bestand darin, dass nach mehrmaligem Reproduzieren die ursprüngliche, oft farbige Darstellung nicht mehr naturgetreu und deshalb unzuverlässig war. Dieses Problem konnte dank der Entwicklung des Buchdrucks durch Johannes Gutenberg Mitte des 15. Jahrhunderts gelöst werden. Man hatte nun eine Kombination aus einer gelehrten Beschreibung mit Worten und bildlich anschaulichen Informationen. Sie ermöglichte es der Medizin, vor allem jedoch der Botanik, die zu dieser Zeit rein medizinisch ausgerichtet war, Bestimmungshilfen zu geben. Es galt einen großen Bedarf an verlässlichen Informationen zu erschwinglichen Preisen zu decken.

Daher verwundert es nicht, dass der »Gart der Gesundheit«, herausgegeben von Peter Schöffer, der bei Gutenberg gelernt hatte, 1485 als bebildertes und in deutscher Sprache gehaltenes Werk, sich innerhalb kurzer Zeit zum Bestseller entwickelte. Der »Gart« richtete sich durch seine fachliche Kompetenz sowohl an Gelehrte als auch an das wohlhabende Bürgertum. Der gebildete Mittelstand hatte ein großes Interesse an medizinischen Ratschlägen.

Auf Grund der enormen Nachfrage und bedingt durch den Forscherdrang des Humanismus wurden weitere Werke in Umlauf gebracht. Besonders hervorzuheben sind die »Väter der Botanik« Otto Brunfels (1488-1534), Hieronymus Bock (1498-1554), Leonhard Fuchs (1501-1566) und Basilius Besler (1561-1629).

Auch Philippus Aureolus Theophrast Bombastus von Hohenheim (1493 - 1541), besser bekannt unter dem Namen Paracelsus, darf in dieser Aufzählung nicht fehlen. Seine Idee war es, das Wirkprinzip der Heilpflanzen von dem wertlosen Rest abzusondern. Um diesem ­ zu damaligen Zeiten empfundenen ­ Widerspruch Abhilfe zu schaffen, musste man dafür eine Substanz verwenden, die ähnliche Widersprüche aufweist: den Alkohol, eine wasserartige Flüssigkeit, die dennoch brennt. Er beobachtete, »wenn man ein Melissenblatt in Alkohol einlege und einige Zeit extrahiere, das ganze dann abfiltriere oder destilliere, so erhält man eine Flüssigkeit, die den Geruch des Blattes enthält, sich aber sonst deutlich von Blatt und Pflanze unterscheide«. Dieser Auszug war in seinen Augen das eigentliche Essenzielle. Die Theorie fand jedoch erst Ende des 18. Jahrhunderts ihre absolute Bestätigung. Es gelang dem Apotheker Wilhelm Friedrich Sertürner (1783-1841) die Isolierung des Opiums und die Bestätigung der schmerzstillenden Wirkung des »Einzelstoffes«.

Ein Problem, das durch die Kräuterbücher nicht aus der Welt geschafft werden konnte, war die Nomenklierung. Zwar wurden die Namen in den Werken immer wieder aktualisiert, doch hatte man für manche Pflanzen bis zu vier oder noch mehr verschiedene Namen. Diese Problematik wurde erst durch Karl Linné (1707-1778) entschärft. Sein revolutionärer Gedanke, die Pflanzen in Klassen einzuteilen, die anhand der »Geschlechtsmerkmale der Pflanze« bestimmt wurden, stieß in der sehr religiös geprägten Zeit auf starke Ablehnung. Jedoch setzte sich sein System auf Grund der sehr guten Nachvollziehbarkeit schnell durch.

Die Einteilung der Pflanzen in Familien war auch von der pharmazeutischen Seite her ein großer Fortschritt. Zeigte es sich doch, dass die Familien sich in ihren Inhaltsstoffgruppen ähnlich sind.

 

Kräuterbücher aus fünf Jahrhunderten
Ausstellung zur Bundesgartenschau 2005 Museumsforum Altomünster
26. Februar bis 29. Mai 2005
Information: Telefon (0 82 54) 9 97 80

Manfred Weyerer: »Kräuterbücher in ihrer Bedeutung für die Geschichte der Pharmazie«, Begleitheft zur Ausstellung

   Top

© 2005 GOVI-Verlag
E-Mail: redaktion@govi.de

Mehr von Avoxa