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Heilen mit Magie und Medizin

15.04.2002
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Hethiter-Ausstellung

Heilen mit Magie und Medizin

von Gisela Stiehler-Alegria, Neu-Isenburg

Wer waren die Hethiter, die im zweiten Jahrtausend vor Christus ein großes Reich in Kleinasien errichteten, deren Wege sich jedoch im Dunkel verlieren? Welche gesellschaftlichen Regeln bestimmten ihr Leben und wie halfen sie ihren Kranken? Diese und viele weitere Fragen über die alte anatolische Kultur beantwortet die Ausstellung "Die Hethiter - Das Volk der 1000 Götter" in der Bonner Kunsthalle noch bis zum 9. Juni 2002.

In Begleitung eines Sehers reiste der babylonische Arzt Raba-scha-Marduk zu Beginn des 13. Jahrhunderts vor Christus auf Geheiß seines Herrn gut 1800 Kilometer nach Chattuscha, 150 Kilometer östlich von Ankara, um dort Angehörige der königlichen Familie medizinisch zu betreuen. Als die Heilkundigen nach Erfüllung ihrer Mission nicht nach Babylonien zurückkehrten, entwickelte sich ein reger Briefwechsel zwischen dem hethitischen König Hattuschili III. und dem babylonischen Herrscher Kadaschman-Enlil II. Der Hethiter erklärte, der Arzt habe schließlich in die königliche Familie eingeheiratet.

Zu den Aufgaben eines Arztes gehörten die Behandlung von Verletzten, die Heilung von Fieber und Augenerkrankungen sowie die Beratung bei Schwangerschaftskomplikationen.

Das Wort Arzt wird in hethitischen Texten mit dem sumerischen Wortzeichen "LÚA.ZU" wiedergegeben. Dem LÚA.ZU oblag es, Beschwörungen oder Omina, Vorhersagen, zu machen. Er war Therapeut und Magier, übte beide Funktionen allerdings getrennt aus. Warum er einmal die Magie zu Hilfe nahm, im anderen Fall medizinischen Gesichtspunkten folgte, weiß man nicht.

Der Terminus "SALA.ZU" für die Ärztin ist bis heute nur im Zusammenhang mit magischen Handlungen überliefert. Traditionsgemäß bildete die Geburtshilfe eine weibliche Domäne. Es wundert deshalb nicht, dass einem der hethitische Name für Hebamme, "Chaschanupalla", häufig begegnet. Daneben fungierten noch hauptamtliche Magierinnen, SALSchu.Gi, "Alte", genannt.

Die Omina- und Eingeweideschau diente der systematischen Erkundung des göttlichen Willens und damit der Schicksalsbefragung. Schwerpunkte hethitischer Vorzeichenkunde bildeten die Beobachtung des Vogelflugs und die Leberschau. Modelle von Schafslebern, die mit Beischriften versehen waren, dienten als Anschauungsobjekte für die Ausbildung der Opferschaupriester.

Erstaunlich modern mutet die hethitische Gesetzgebung an. Das Strafrecht orientierte sich nicht am Talionsprinzip, (Gleiches mit Gleichem vergelten, zum Beispiel Todesstrafe bei Mord) sondern verhängte Geldstrafen und Schadensersatzauflagen, wie das Beispiel eines Textes aus dem 16. Jahrhundert vor Christus beweist. Parallel zur Ahndung der Körperverletzung setzte man das ärztliche Honorar, das zwei bis drei Monatslöhne eines Arbeiters betrug, für die Heilbehandlung des Geschädigten fest:

"Wenn jemand eines freien Mannes Kopf schwer verwundet, pflegt er ihn.

An seiner Stelle aber gibt er einen Menschen, und der arbeitet solange in seinem Haus, bis er gesund wird. Wenn er aber gesund wird, so gibt er ihm zehn Schekel Silber. Auch gibt er als Lohn an den Arzt drei Schekel Silber.

Wenn es aber ein Unfreier ist, gibt er zwei Schekel Silber."

Badewannen und Archive

Es waren keine spektakulären Goldschätze wie in Troja oder Mykene, die bei Ausgrabungen in Chattuscha, der zwei Quadratkilometer großen Stadtanlage, zum Vorschein kamen. Die Tontafelarchive der Hauptstadt stellten den Schatz schlechthin dar. Denn außer den üblichen Verwaltungstexten und Korrespondenzen verbargen sie eine Fülle von Texten religiösen und medizinischen Inhalts.

In einer Stadt namens Scharischscha legten die Ausgräber Installationen eines Badehauses, ausgerüstet mit Sitzbadewannen aus Keramik und Wasserleitungen aus Tonröhren, frei. Bewunderung zollt man dem Inventar: schlanke, rot polierte Terrakottagefäße, die als Behältnisse für kostbares Körperöl gedient hatten.

Bei den medizinischen Werken handelte es sich überwiegend um importierte Originale oder um Kopien in babylonischer Sprache, deren Inhalt sich mit Rezepturen, Heilverfahren und der Beschreibung ärztlicher Tätigkeiten beschäftigt. Gleichzeitig wird eine eigenständige hethitische Sicht der Therapiemöglichkeiten erkennbar, die sich in Beischriften und Kommentaren am Tafelrand niederschlug. Erste Versuche, sich vom mesopotamischen Vorbild abzunabeln, zeigen sich in Rezept- und Behandlungsanweisungen in hethitischer Sprache.

Therapie ohne Grenzen

Am Hof von Chattuscha weilten damals neben babylonischen Spezialisten auch Ärzte aus Ägypten. Einem Antwortschreiben Ramses´ II. (circa 1290 bis 1224) zufolge, bat Hattuschili III. den Pharao um die Entsendung eines Gynäkologen sowie bestimmter Kräuter für seine Schwester Matanazi. Trotz des recht fortgeschrittenen Alters der kinderlos gebliebenen Dame - sie muss um die 50 Jahre alt gewesen sein - versprach man sich offenbar von einer erfolgreichen Therapie die ersehnte Schwangerschaft.

Ein vorbildliches Beispiel für den Heilkundigen als Botschafter internationaler Versöhnungspolitik: Beide Fürsten sind als Kontrahenten kriegerischer Auseinandersetzung bekannt. Nach der Pattsituation in der Schlacht von Kadesch stellte ein 1275 vor Christus ausgehandelter Friedensvertrag das Gleichgewicht der Mächte wieder her und bestimmte den Orontes zur Grenze. Eine Kopie jenes Vertragstextes wird noch heute im UN-Gebäude von New York ausgestellt - als Symbol für den Frieden. Top

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