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Mensch sein total

29.03.2004  00:00 Uhr
Ausstellung

Mensch sein total

von Ulrike Abel-Wanek, Eschborn

Das wichtigste „Ausstellungsstück“ des Dresdner Hygiene-Museums ist der Mensch - sein Körper, sein soziales und kulturelles Umfeld und seine Beziehung zur Umwelt. Nach einer umfassenden Sanierung wird am 2. April der erste Teil einer völlig neu konzipierten ständigen Ausstellung eröffnet. Sie zeigt nicht nur Exponate aus der neunzigjährigen Geschichte des Museums, sondern gewährt Einblicke in neueste biowissenschaftliche Erkenntnisse.

Der „Gläserne Mensch“, Symbolobjekt des Hauses und schon 1930 ein Publikumsmagnet, ist ein Schwerpunktthema der vierteiligen Ausstellung. Moderne wissenschaftliche Methoden gewähren einen immer genaueren Blick in das Innere des Körpers. Als Wilhelm Conrad Röntgen 1895 die nach ihm benannten Strahlen entdeckte, war dies eine Sensation. Die Röntgenbilder waren der Ursprung für den „Gläsernen Menschen“.

Aber je durchlässiger der Körper für den forschenden menschlichen Blick wurde, um so verletzlicher erschien er auch. Mit dem Fortschritt der Medizin wuchs die Hoffnung, Krankheit besiegen zu können, vorausgesetzt, der Mensch trüge durch entsprechend präventives Verhalten dazu bei.

Diese Idee griff der Dresdner Industrielle und Museumsgründer Karl August Lingner (1861 bis 1916) auf. Der Fabrikant des Odol-Mundwassers traf nicht nur mit seinem noch heute berühmten Produkt den Zeitgeist. Die Furcht vor den gerade entdeckten Bakterien war weit verbreitet und Voraussetzung für sein Anliegen: die „hygienische Volksbelehrung“, die er 1903 mit der Ausstellung „Volkskrankheiten und ihre Bekämpfung“ in Angriff nahm. Mehr als fünf Millionen Besucher strömten in die von ihm initiierte 1. Internationale Hygiene-Ausstellung. Der Reingewinn dieser Präsentation in Höhe von einer Million Goldmark diente als Gründungskapital für das heutige Hygiene-Museum.

Der erste Raum der Ausstellung befasst sich mit den wissenschaftlichen Methoden, sich dem menschlichen Körper zu nähern, ihn zu mustern und zu messen und schließlich Vorbilder eines „guten“ Körpers zu schaffen. Zu sehen sind neben einem Röntgenapparat auch Mikroskope, die schon im 17. Jahrhundert eine neue Sicht auf die Natur ermöglichten und ein Anthropometer des Arztes und Forschers Rudolf Virchow zum zahlenmäßigen Erfassen und Vergleichen menschlicher Körpermerkmale. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts versuchten Anthropologen, Mediziner und Biologen, Menschen mit Hilfe von Vermessungen der Körper zu klassifizieren. Meist in diskriminierender Absicht haben diese Konstrukte eher das Trennende als das alle Menschen Verbindende gesucht und betont.

Präparate echter Körperteile stehen in diesem ersten Abschnitt der Ausstellung neben so genannten Moulagen, den Nachbildungen krankhafter Körperteile aus Wachs. Sie sind vom Patienten abgeformt und dokumentieren ein Individuum und nicht, wie Modelle, einen Typus. Anatomieunterricht und Gesundheitsaufklärung griffen seit 1900 verstärkt auf Modelle aus Wachs, Gips, Papp-maché und Holz zurück. Das Ideal des perfekten Körpers belegen nicht zuletzt Kopien antiker Jünglingsfiguren, von denen der antike „Betende Knabe“, heute im Besitz der Staatlichen Museen Berlin, den „Gläsernen Menschen“ inspiriert haben soll.

Am Tod führt kein Weg vorbei

Jähe Perspektivwechsel kennzeichnen den zweiten Raum der ständigen Ausstellung. Hier geht es um Geburt und Tod, um Krankheit, Hoffnung und Heilung. Die Buchstabensequenzen des menschlichen Genoms, Modelle von Zellen, Chromosomen und Proteinbildung treffen auf das traditionelle Handwerkszeug der Geburtshilfe, kunstvoll gearbeitete Ansichten vom Körper einer Schwangeren stehen eindruckvollen Filme gegenüber, die die Innenansichten aus der Umgebung des werdenden Lebens simulieren.

Im Körper des Menschen herrscht Arbeitsteilung. Etwa zweihundert Zellarten wirken daran mit. Für die Ausstellung wurden neun Spezialzellen nachgebildet. Eine Fett-, eine Haarsinnes- und eine Fresszelle können unter anderem studiert werden.

Vom Anfang allen Lebens, der Zelle, geht es weiter zum Fetus und der Frage nach der Menschenwürde. In-vitro-Fertilisation, Klone, Stammzellforschung und Embryonenschutzgesetz werden thematisiert, aber auch die „gute alte Zeit“, als sich die Kunst der Hebammen um die Mitte des 18. Jahrhunderts als neue Disziplin an den medizinischen Fakultäten der europäischen Universitäten etablierte. Erst damals begann man zwischen Geburtshilfe und Geburtsmedizin zu unterscheiden.

Ein legendäres Experiment zeigte schon 1796, wie man sich vor Ansteckung schützte. Der englische Arzt Edward Jenner (1749 bis 1823) impfte einen Jungen mit harmlosen Kuhpocken-Erregern und führte damit die aktive Schutzimpfung ein. Der Junge war sechs Wochen später vor einer Ansteckung mit den tödlichen menschlichen Pocken geschützt. Nach fast 200 Jahren Impfpraxis konnte die Weltgesundheitsorganisation 1980 die weltweite Ausrottung der Pocken melden. 2005 soll dieses Ziel für die Kinderlähmung erreicht werden.

Ist das Altern ein Verlust durch und durch? Ein Blick auf die Präparate von Wirbelsäulen, Unter- und Oberkiefern zeigt, dass das Altern nicht allein Wegfall, sondern auch Wachstum und Reifung bedeutet. Schon wenn sich der Embryo zum Fetus entwickelt, sterben Zellen ab, während andere weiter wachsen, damit Gewebe und Organe entstehen. In späteren Jahren nehmen jedoch die Verluste zu und rücken damit stärker ins Bewusstsein. Wie es ist, auf unsicheren Beinen zu gehen, schlechter zu sehen und gebeugt gehen zu müssen, können Ausstellungsbesucher in Dresden erleben.

Hähnchen West – Broiler Ost

Gesundheit à la carte: Warum isst der Mensch was er isst? Wie hat sich das Ernährungsverhalten über die Jahrzehnte verändert? Bleibt bei Genuss die Gesundheit auf der Strecke? Der dritte Teil der Ausstellung spürt zunächst dem Vorgang des Essens nach, von den Verlockungen durch köstliche Aromen bis zu den Verdauungsvorgängen. Doch Speisen und Getränke sind auch Ausdruck des Kulturkreises und des Lebensstils: Sage mir, was, du isst, und ich sage dir, wer du bist. Schlechte, aber auch falsche Ernährung – beides schadet der Gesundheit. Noch in den 20er-Jahren traten in den industriell hoch entwickelten Staaten Europas Mangelerkrankungen wie Skorbut und Rachitis auf. Heute liegen den europäischen Gesundheitssystemen eher die Folgen der Überflussgesellschaft schwer im Magen. Jeder kann alles kaufen – billig, weil industriell massenhaft produziert. Was auf der einen Seite zu BSE und 2001 zum Verbot von Tiermehl-Verfütterung führte, half in den 60er-Jahren der ehemaligen DDR, ein Problem der Planwirtschaft zu lösen. Mit Hilfe der industriellen Aufzucht von Hühnern öffneten nach dem Vorbild West des „Wienerwalds“ 1967 in Berlin-Ost die ersten „Goldbroilergaststätten“. Broiler ist der Name für eine bestimmte Züchtung. Im Gegensatz zu Grillhähnchen handelt es sich hierbei um Mastgeflügel, bei dem kein Unterschied zwischen weiblichen und männlichen Tieren gemacht wird.

Liebe und Lebensstile

Für Zukunftsforscher ist der Sexus ein biologisches Auslaufmodell. Nur Evulotionsbiologen haben ihrer Meinung nach Erklärungen dafür, wie es zu einer derart umständlichen und anstrengenden Einrichtung wie der geschlechtlichen Fortpflanzung kommen konnte. Wie Liebe, Sex und Lebensstile im Zeitalter der Reproduktionsmedizin aussehen, versucht der vierte und letzte Ausstellungsteil zu klären. Er beginnt mit der Partnerwahl, der Art und Weise, wie Menschen zueinander finden. Dabei geht es um den „Funken“, der zum Verliebtsein führt, aber auch um das Diktat körperlicher Schönheit, und dies nicht nur bei Frauen. Aussehen, Körpersprache, die Stimme und der Geruch bestimmen über die Attraktivität des Gegenübers. So genannte Pheromone werden über den Geruchssinn unbewusst wahrgenommen und signalisieren, ob wir das Gegenüber „riechen können“ oder nicht.

Das Gehirn steuert komplexe Abläufe im Körper. Vor allem das Hormonsystem ist, im Verbund mit dem Nervensystem, für die „Schmetterlinge“ im Bauch verantwortlich. Aber Hormone können auch verrückt spielen, Chromosomen können fehlen, Enzyme versagen: Bei jedem 500. Kind komme es beispielsweise, so die Ausstellungsmacher, zu dem, was in klinischen Lehrbüchern „Störung der Geschlechtsausprägung“ genannt wird. Die Präsentation nähert sich dem heiklen Thema mit einer Kopie des antiken „Ruhenden Hermaphroditen“ aus der Villa Borghese in Rom.

Aufklärung, Verhütung, Familienplanung, Krankheitsprävention und der Umgang mit Sexualität im privaten und öffentlichen Raum waren über die Jahrhunderte hinweg einem ebenso starken Wandel unterworfen wie der Begriff der Familie. Anders als im 19. Jahrhundert gründen sich Familie und Partnerschaft heute stärker auf Liebe und emotionalen Rückhalt. Die Form Vater, Mutter, Kind ist aufgeweicht und existiert neben der Ein-Eltern-Familie und den gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften mit Kindern. Konkurrenzlose Konstante ist jedoch ihr Stellenwert als angestrebte Lebensgemeinschaft. Schilder, die früher in Küchen und guten Stuben hingen mit Sprüchen wie „Rein wie der hellste Edelstein ist Mutterliebe ganz allein“ oder „Der Vater sorgt mit vieler Müh für seine Kinder spät und früh“ gibt es heute jedoch nur noch auf dem Trödelmarkt zu kaufen.

 

Deutsches Hygiene-Museum Dresden
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