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Gewitter im Gehirn

17.01.2005  00:00 Uhr
Epilepsiemuseum

Gewitter im Gehirn

von Ulrike Abel-Wanek, Kork

Napoleon, Julius Cäsar, Dostojewskij und Alfred Nobel – sie alle litten an epileptischen Anfällen. Kaum eine gesundheitliche Störung lässt sich historisch so weit zurückverfolgen wie die Anfallskrankheit. Sie gilt als eine der häufigsten chronischen Erkrankungen, wird aber auch heute noch weitgehend tabuisiert. Ein außergewöhnliches kleines Museum unweit von Straßburg versucht, Vorurteile abzubauen.

„30.000 Menschen erkranken in Deutschland jährlich neu an Epilepsie“, sagt Museumsgründer, Buchautor und ehemaliger Ärztlicher Direktor des Epilepsiezentrums Kork, Dr. Hansjörg Schneble. Auf sein Engagement geht die Gründung des weltweit vermutlich einzigen Museums dieser Art zurück. Interesse an der Geschichte, aber auch der Wunsch, einen Fundus für wissenschaftliches Arbeiten zu schaffen und mehr Wissen über diese jahrtausendealte Krankheit zu vermitteln, ließen den Epileptologen nicht ruhen. Aus einem Sammelsurium von zunächst improvisiert untergebrachten Exponaten schaffte er ein Museum, das heute mit seinen sechs kleinen Räumen einen festen Platz unter dem Dach des Handwerksmuseums von Kehl-Kork hat. Die Resonanz ist positiv: Rund 3000 Besucher pro Jahr finden den Weg hierher, hinzu kommen 150 Website-Clicks täglich.

Poster und Schrifttafeln geben zu Beginn der Ausstellung zunächst eine medizinische Einführung in das Krankheitsbild. Nach einer Reise durch die Geschichte von der Antike bis zur Neuzeit geht es um die vielen verschiedenen Anfallsformen, ihre Diagnostik mit EEG und bildgebenden Verfahren sowie verschiedene Therapieoptionen mit Hilfe von Medikamenten und Chirurgie. Die Einrichtung der ersten Epilepsie-Institutionen war eine Antwort auf die verheerenden gesellschaftlichen und sozialen Auswirkungen der Erkrankungen. Bis ins 19. Jahrhundert gab es in Deutschland keine spezialisierten Kliniken. War die Familie mit der Betreuung der Kranken überfordert, endeten diese häufig in Gefängnissen, „Irrenanstalten“ oder ehemaligen Leprosorien (Aufenthaltsorte für „Aussätzige“). Die literarische Beschäftigung mit der Epilepsie, ihre Darstellung in der Kunst und prominente Anfallkranke stehen schließlich im Mittelpunkt des letzten Raums. Künstler und Schriftsteller haben sich in allen Epochen mit dieser Krankheit auseinander gesetzt. Das Museum zeigt eine Auswahl von Bildern, Reproduktionen, mittelalterlichen und modernen Abbildungen sowie eine kleine Bibliothek mit Werken von Dostojewskij bis Christa Wolf.

Über die Epilepsie ist den meisten wenig bekannt: dass sie beispielsweise fast ebenso verbreitet ist wie die Volksseuche Diabetes. Immerhin 0,5 bis 1 Prozent aller Menschen haben ein Anfallsleiden. Der Begriff Epilepsie leitet sich von dem griechischen Wort „epilambanein“ ab, das etwa so viel bedeutet wie „packen, jemanden heftig ergreifen“. Erst wenn immer wieder spontane Anfälle ohne unmittelbare Auslöser auftreten, spricht man von Epilepsie, ein einzelner Anfall ist noch kein sicheres Zeichen für die Krankheit. Sie kann sich in kurzen Bewusstseinstrübungen, so genannten Absencen, ebenso äußern wie in dem gefürchteten Grand-mal-Anfall, der die Betroffenen hilflos zu Boden wirft. Sie ist aber weder Geistes- noch Erbkrankheit und führt nicht zu stetigem Intelligenzverlust. Das beweisen nicht zuletzt die „genialen Epilepsiekranken“, Menschen, die trotz ihrer Anfälle Überdurchschnittliches geleistet haben. Sokrates, Richelieu und Molière, van Gogh und Lenin gehörten unter vielen anderen dazu. Außerdem ist die Erkrankung in den meisten Fällen gut therapierbar. Dennoch haben Epileptiker mit vielen Vorurteilen und Klischees zu kämpfen, die ihnen das Leben oft viel schwerer machen als die Anfälle selbst.

Mondsucht und böse Seuche

Epilepsie beschäftigte die Menschheit zu allen Zeiten. Sie kam häufig vor – nichts spricht dafür, dass sie früher seltener war als heute – und sie löste Furcht, Schrecken und Abscheu aus. Mangelnde prophylaktische und therapeutische Maßnahmen ließen die Krankheit in der Vergangenheit viel häufiger zum Straßenbild gehören als heute und verhalfen ihr von alters her zu einer fragwürdigen Berühmtheit. Sie galt lange als eine von Göttern verhängte Heimsuchung oder ein von Dämonen auferlegtes Leiden. Betroffene wurden als „mondsüchtig“ bezeichnet, weil ihre Anfälle mit den Phasen des Gestirns in Verbindung gebracht wurden, der Begriff der „bösen Seuche“ unterstellte eine vermutete Ansteckung, die es jedoch niemals gab. Diese Krankheit der „tausend Namen“ in immer wieder neue Worte zu fassen entsprach dem dringenden Wunsch, sie zu entmystifizieren und zu verstehen.

Es war Hippokrates um 400 vor Christus, der nichts von der Theorie der „heiligen Krankheit“ hielt, sondern zum ersten Mal das Gehirn als Verursacher der üblen Anfälle erkannte. Hilfreiche Heilmittel bestanden deshalb für ihn auch nicht in Opfergaben oder religiösen Übungen, sondern sollten auf eine natürliche Basis gestellt werden. Die bestanden vor allem aus Ernährungsvorschriften, der Regulierung von Ausscheidungen und Heilgymnastik. Neben der Diätetik spielten Medikamente, im Wesentlichen Heilkräuter, nur eine untergeordnete Rolle.

Das Wissen über das Krankheitsbild entwickelte sich über die Jahrhunderte jedoch keineswegs kontinuierlich weiter. Das Rad der Medizinentwicklung drehte sich bis zum christlichen Mittelalter wieder um rund tausend Jahre zurück. Der Teufel, böse Geister und dämonische Besessenheit riefen nach damaliger Meinung die bedrohlichen Krankheiten wie Pest, aber auch Epilepsie, hervor: Beten, Fasten, Opfern, Wallfahrten und Exorzismen wurden zu den Grundpfeilern der Behandlung. Nicht der Arzt hatte die Macht, sondern Gott und seine Heiligen. Der wichtigste „Fallsucht-Patron“ des Mittelalters war der Heilige Valentin, wahrscheinlich wegen des Gleichklangs des Namens: Fallen, „fall net hin“ – Valentin. Wallfahrten zu dem Heiligen beispielsweise nach Kiedrich im Rheingau oder Ruffach im Ober-Elsass zeugen vom Glauben, aber auch von der großen Not der Kranken.

Organisch, nicht mystisch

Obwohl bereits Paracelsus (1493 bis 1541) vermutete, dass es sich bei der Epilepsie nicht um eine mystische, sondern organisch bedingte, im Gehirn lokalisierte Erkrankung handelte, wandten sich die Ärzte der Aufklärung nur langsam vom Aberglauben der „heiligen Krankheit“ ab. Bis der wissenschaftliche Beweis der 2000 Jahre zurückliegenden hippokratischen Aussage schließlich auf dem Tisch lag, dauerte es noch bis zur zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Jetzt endlich wurde klar, dass ein epileptischer Anfall eine Reaktion des Gehirns auf einen irritierenden beziehungsweise schädigenden Reiz war, dass es dabei zum „Durchbrennen einer Sicherung“ kommt, zu einem „Gewitter im Gehirn“. „Dabei besteht das Wesentliche dieses pathologischen Ablaufs darin, dass plötzlich eine unnatürlich große Zahl von Nervenzellen gleichzeitig und übermäßig erregt wird, das heißt, dass sich die elektrische Spannung zwischen der Außenseite der Zellwand und dem Zellinnern abrupt entlädt,“ beschreibt Schneble den Vorgang auf der Museums-Website.

In diese Zeit fällt auch die Entdeckung der antiepileptischen Wirkung des Broms (1857), des ersten objektiv wirksamen Medikaments gegen die Anfälle. Außerdem fanden epilepsiekranke Menschen Aufnahme, Pflege und Förderung in entsprechenden Anstalten, zum Beispiel in Bielefeld-Bethel 1867 und in Kork 1892, heute zwei große Epilepsiezentren in Deutschland. Ein Eishockeyhelm aus der Korker Klinik verdeutlicht die kolossale Wucht eines unkontrollierten epileptischen Anfalls. Nicht oder noch nicht ausreichend therapierbare Patienten müssen sie in der Klinik zum Schutz vor Stürzen tragen.

Sturzgefährdet war auch der kleine Hans-guck-in-die-Luft von Heinrich Hoffmann (1809 bis 1894). Der Autor der Struwwelpeter-Geschichten war Neurologe und behandelte auch Kinder mit Epilepsie. Es ist denkbar, dass der abwesend ins Leere schreitende Junge sein Vorbild in einem seiner Patienten mit Absencen hatte.

 

Deutsches Epilepsiemuseum Kork
Oberdorfstraße 8
77694 Kehl-Kork

geöffnet sonntags 14 bis 17 Uhr
und auf Anfrage (bei Gruppen)

info@epilepsiemuseum.de
www.epilepsiemuseum.de

Literatur
Epilepsie. Erscheinungsformen, Ursachen, Behandlung. Hansjörg Schneble. Ch. Beck Wissen. ISBN 3-406-41047-2.
Das ist eine alte Krankheit. Epilepsie in der Literatur. v. Engelhardt, Schneble, Wolf. Schattauer-Verlag. ISBN 3-7945-2097-1.

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