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Pfizerlativ

08.11.1999
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- EditorialGovi-Verlag

Pfizerlativ

von Thomas Bellartz, Chef vom Dienst

Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, was eigentlich dem Superlativ folgt? Der Hyperlativ? Vielleicht ein Xetralativ? Oder der Pfizerlativ? Potent, potenter, am potentesten - das amerikanische Pharmaunternehmen macht nicht wegen eines neuen Lifestylepräparates, sondern mit einem feindlichen Übernahmeangebot von sich reden.

Auf über 82 Milliarden Dollar beläuft sich das Angebot Pfizers für die Warner-Lambert Co., die eigentlich mit American Home Products fusionieren wollte. Die Geschichte ist schnell erzählt und hochinteressant. Stellen Sie sich vor, Sie schließen gerade mit einem Geschäftspartner nach monatelangen Vorbereitungen endlich ein brillantes Geschäft ab, bei dem Sie sich beide dumm und dusselig verdienen wollen. Gerade als Sie den gemeinsamen Weg öffentlich machen, betritt ein Dritter die Bühne und wirft Ihren bisherigen Gesprächspartner aus dem Ring. Sie sind sauer, wollen nicht mit dem Dritten reden. Doch der braucht Sie gar nicht, sondern nur das Einverständnis der Aktionäre, also das Ja-Wort derer, denen eigentlich Ihr Laden gehört. Sie sind schließlich nur der Manager.

Lange galt die Pharmabranche, von Ausnahmen abgesehen, als vom internationalen Fusionsstrudel unbehelligt. Die Claims sind abgesteckt. Enorm steigende Entwicklungskosten und die Globalisierung machen aber auch vor dem Gesundheitsmarkt nicht halt. Auf der Suche nach neuen Blockbustern, Medikamenten, die Milliardenerlöse erzielen, müssen starke Unternehmensverbünde geschaffen werden. Kooperationen sind der Anfang, Fusionen das Ziel.

Arbeitskräfte werden rationalisiert, Marketing und Vertrieb zusammengelegt, Forschung und Entwicklung konzentriert. Die Einsparungen gehen in die Milliarden. Risiken werden gemeinsam geschultert und Gewinne geteilt.

Auf der Strecke bleibt der Mittelstand. Und das sind nicht die kleinen, sondern mitunter auch größere Unternehmen. Nach Schätzungen der DG Bank gibt es in Deutschland rund 300 mittelständische Pharmafirmen. Glaubt man den Vorhersagen, überlebt nur rund ein Drittel davon die nächsten zehn Jahre in echter Selbständigkeit.

Überleben können diese Unternehmen nur noch in Nischen. Dort, wo die global praktizierenden Pharmariesen Schwäche zeigen, wo die Größe Flexibilität einbüßt.

Stück für Stück werden sich die neuen Riesen also die Kreativität der Nischengänger, des Mittelstandes, erkaufen. Die Konglomerate werden größer. In der Automobilindustrie ist die stückweise Aufteilung einer vielseitigen, entwicklungsorientierten Branche unter einigen wenigen Mega-Konzernen beispielhaft für Fusionswahn und seine Folgen. Hier wurde Größe mit Schlagkraft verwechselt.

Problematisch ist, dass ein Fusionsmarkt künstlich, nämlich durch die kapitalkräftige Konkurrenz bereinigt wird. Nicht die Kundschaft entscheidet über Leben und Sterben, sondern die Strategien der Manager. Noch einmal am Beispiel Auto: Die Fahrzeuge der letzten Jahre sind nicht billiger geworden, nur weil sich Konzerne zusammengetan haben. Die Entwicklungen halten sich in Grenzen. Lediglich die Gewinne als Folge immenser Einsparungen sind enorm gestiegen. Den Pkw fahrenden Aktionär wird’s freuen.

In Sachen Pfizer/Warner-Lambert bleibt abzuwarten, ob aus dem Ansinnen einer feindlichen Übernahme nun auch tatsächlich eine wird. Wenn ja, dann werden einige andere Konzerne ihre Kriegskasse plündern wollen. Die Pharmabranche erwartet eine Lawine; losgetreten von Pfizer. Schließlich werden sich die schwächeren Unternehmen der Branche noch durch Übernahmen und Fusionen stärken wollen, um ihrerseits Übernahmen verhindern zu können.

Fraglich ist, inwieweit Forschung und Entwicklung - am Ende auch die Patienten - tatsächlich profitieren. Die Konzerne werden Grundsatzentscheidungen treffen, ob die durch die Zusammenschlüsse erzielten Kosteneinsparungen in die Forschung investiert oder als erhöhte Dividende den Aktionären ausgezahlt werden.

Ob diese Entwicklungen langfristig den Gesundheitsmarkt im Ganzen verändern, vielleicht über Preisentwicklungen bis in die Apotheke spürbar werden, ist nur schwer zu sagen. Top

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