Pharmazeutische Zeitung online

Nicht verstanden

06.10.2003  00:00 Uhr

Nicht verstanden

Die jährliche Vorstellung des Arzneiverordnungsreports (AVR) ist ein Politikum. Selten ein so hochkarätiges wie dieses Jahr – selbst Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt erschien vor der Presse. Schließlich bestätige das Werk von Schwabe und Pfaffrath, wie richtig sie mit ihrer Gesundheitsreform und der Nutzenbewertung neuer Arzneimittel liegt. Das politische Schlagwort heißt Me-too – angeblich imitierende Forschung, mit dem Ziel, in viel versprechende Märkte durch scheinbar risikoarme Investitionen einzudringen. Alles in allem meinen die AVR-Autoren, hier ein Einsparpotenzial von rund vier Milliarden Euro zu erkennen.

Aber Rettung ist schon in Sicht: Diesem Missstand wird sich bald die „vierte Hürde“ für Arzneimittel, das „Zentrum für Qualität in der Medizin“ annehmen. Eine reine Kosten-Nutzen-Bewertung dieser Präparate könnte den Arzneimittelmarkt in kürzester Zeit sehr übersichtlich gestalten. Eine Verordnung teurer Arzneistoffe ein und derselben Stoffklasse zulasten der GKV wäre nicht mehr möglich, womit man zugleich Investitionen in Weiterentwicklungen bekannter Arzneistoffe, da unrentabel, elegant ausgebremst hätte. Zugegebenermaßen ein Worst-Case-Szenario, aber es bedarf wenig Phantasie, sich vorzustellen, dass der Trend in diese Richtung gehen wird.

Eine differenziertere Betrachtungsweise seitens der Politik wäre hier durchaus angebracht. Begriffe wie Me-too oder Scheininnovation sind per se negativ belastet und diskriminieren à priori Parallel- oder Analogforschung. Begrifflich betrachtet schließen sich Me-too und Fortschritt sogar aus. Ein Blick in die Praxis zeigt jedoch, dass viele als Me-too bezeichnete Entwicklungen wichtige Fortschritte, oft sogar einen Therapie-Durchbruch gebracht haben. So finden sich reihenweise Belege dafür, dass die Erstinnovation zwar mit einem neuen Wirkprinzip eine neue Therapieform ermöglichte, der wirkliche Nutzen für Patienten aber erst mit Folgeprodukten erzielt wurde. Schwabe selbst liefert ein Beispiel dafür, dass nicht das Original, sondern seine Weiterentwicklung den eigentlichen Fortschritt gebracht hat. Nicht die Erstinnovation im H2-Blocker-Markt, Cimetidin, wurde in die Positivliste aufgenommen, sondern das Analogpräparat Ranitidin. Der derzeitige Goldstandard ist 1982 einige Jahre nach Cimetidin auf den Markt gekommen und hat bei ähnlicher Wirksamkeit ein weitaus günstigeres Nebenwirkungsprofil.

Parallelforschung und Analogarzneimittel sind essenzielle Entwicklungen für die ständige Verbesserung der Arzneimitteltherapie. Eine Regierung, die Investitionen in die Weiterentwicklung bekannter Arzneistoffe unattraktiv gestaltet, wird eine Therapieverarmung und eine Stagnation des medizinischen Fortschritts zu verantworten haben. Sicherlich wird es immer wieder Präparate geben, die keinen oder nur einen marginalen Fortschritt darstellen. Wer aber mit der Existenz solcher Me-too-Präparate Analogforschung als überflüssig abtut, hat das Wesen von Wissenschaft nicht einmal ansatzweise verstanden.

Dr. Kerstin A. Gräfe
PZ-Redakteurin
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