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Selektive Wahrnehmung

02.08.1999
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- EditorialGovi-Verlag

Selektive Wahrnehmung

von Dr. Hartmut Morck
Chefredakteur

Die in der letzten Woche veröffentlichten Zahlen über den Krankenstand der Mitglieder in den gesetzlichen Krankenkassen waren ein willkommener Anlass für Hans-Olaf Henkel, Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), einmal mehr der rot-grünen Regierung die Leviten zu lesen.

Für Henkel war die Ursache der Steigerung des Krankenstandes von 4,8 Prozent im ersten Halbjahr 1998 auf 5,1 Prozent im gleichen Zeitraum 1999, also eine Steigerung um 6,5 Prozent, sofort offenkundig: Die Rücknahme der von der Regierung Kohl eingeführten Einschränkungen der Lohnfortzahlungen ab Januar 1999 durch die neue rot-grüne Koalitionsregierung. Logisch dann auch seine Forderung, im Bündnis für Arbeit die Lohnfortzahlung wieder zur Diskussion zu stellen.

Dass dieser Angriff nur ein politisches Scharmützel im Sommerloch war, bewies ein schneller Blick zurück auf die Auswirkungen des schwarz-gelben Gesetzes zur Einschränkungen der Lohnfortzahlung. Je nach Quelle waren nur zwischen 20 und 30 Prozent der Arbeitnehmer von den Kürzungen der Lohnfortzahlung betroffen. Die meisten Betriebe waren durch Tarifverträge an die hundertprozentige Lohnfortzahlung weiterhin gebunden. Das Gesetz, das die Betriebe entlasten sollte, hatte sich also als totaler Flopp erwiesen.

Das Bundesgesundheitsministerium konnte deshalb ohne große intellektuelle Anstrengungen den Henkel-Angriff elegant abwehren und hatte auch die besseren Zahlen an der Hand. Im Januar 1999 lag der Krankenstand nur bei 3,3 Prozent, deutlich niedriger als im Januar 1998, dann kam die Grippewelle im Februar und März, die den Krankenstand explosionsartig in die Höhe schießen ließ, und zwar deutlich über die Zahlen von 1998. Im April, Mai und Juni sanken aber die Zahlen wieder, zum Teil unter Vorjahresniveau. Mit anderen Worten, die Grippewelle war schuld an der Steigerung des Krankenstandes im ersten Halbjahr 1999.

Einleuchtend, logisch, also seriös abgewehrt, könnte man meinen, wenn, ja wenn nicht vor einigen Wochen bei der Diskussion der Kostensteigerung im Arzneimittelsektor andere Argumente herhalten mussten.

Obwohl Ärzte und Apotheker immer wieder das Ministerium und die Krankenkassen auf die schwere Grippewelle im ersten Vierteljahr als Ursache für die Steigerung der Arzneimittelkosten im ersten Halbjahr hingewiesen hatten, beschuldigten die Ministerin und die Krankenkassenbosse die Leistungserbringer, die Kosten in die Höhe getrieben zu haben, insbesondere die Ärzte, die unverantwortlich und bewusst zu viele Arzneimittel verschrieben hätten.

Die Grippewelle wurde also in der Diskussion um die Kostensteigerung im Arzneimittelsektor als Grund nicht akzeptiert, denn dann hätte man indirekt zugeben müssen, dass das Budget als Instrument, wie es im Vorschaltgesetz für 1999 festgeschrieben wurde, für die sinnvolle Steuerung des Arzneimittelmarktes ungeeignet sei. Schließlich könnte es nicht flexibel auf Besonderheiten, sprich Grippewellen reagieren. Diese Niederlage wollte das Ministerium offensichtlich in der Öffentlichkeit nicht eingestehen. Also legte man mit ministeriellem Segen fest: Für die Erhöhung des Krankenstandes im ersten Halbjahr 1999 ist die Grippewelle schuld, für die Kostensteigerung im Arzneimittelbereich sind es die Leistungserbringer.

So etwas nennt man selektive Wahrnehmung, mit Logik oder analytischer Betrachtung der Datenlage hat dies nichts zu tun. Top

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