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Europatauglich

10.07.2000  00:00 Uhr

- EditorialGovi-Verlag

Europatauglich

von Dr. Susanne Hof,
Leiterin der Europavertretung der ABDA

In der deutschen Gesundheitsszene hat das Thema Europa trotz zunehmender Europamüdigkeit seit einiger Zeit wieder Konjunktur. Immer häufiger wird nach der Europatauglichkeit des deutschen Gesundheitssystems gefragt.

Deutschland ist sicher nicht Modell für ein gemeinschaftsweites Gesundheitssystem, denn ein Einheitssystem wird es auf absehbare Zeit in der EU nicht geben. Auch zielen die Fragen nicht darauf ab, ob die Strukturen und Steuerungsinstrumente des deutschen Gesundheitswesens mit europäischem Recht in Einklang stehen.

Die Frage nach der Europatauglichkeit wird vielmehr im Hinblick auf den Leistungsvergleich zwischen den Mitgliedstaaten der Europäischen Union gestellt. Hier setzt auch der unlängst von der Europäischen Kommission vorgelegte Vorschlag für ein neues gesundheitspolitisches Aktionsprogramm an.

Da alle Mitgliedstaaten mit der Kontrolle der Gesundheitsausgaben kämpfen, sollen sie künftig stärker voneinander lernen und bei der Findung bewährter Verfahren ("best practices") zusammenarbeiten.

Leistungsvergleiche sollen jedoch nicht bedeuten, dass das geltende Territorialprinzip aufgegeben wird. Aber trotz der zu erhaltenden Souveränität wird der politische Druck auf die Einzelstaaten, Änderungen durchzuführen, dort zunehmen, wo Schwachstellen entdeckt werden.

"Benchmarking" und "best value for money" heißen jetzt die europäischen Gebote - auch im Arzneimittelbereich. So hat es zumindest der EU-Gesundheitsrat in seinen Schlussfolgerungen vom vergangenen Donnerstag zum Ausdruck gebracht. Um allen Bürgern eine optimale, auf dem letzten Stand der Wissenschaft stehende Arzneimitteltherapie verfügbar machen zu können, sollen Zulassungsverfahren optimiert sowie Kosten, Einsatz und Wirtschaftlichkeit der Arzneimittel untersucht werden.

Für die Apotheken hat das solange keine Folgen, solange die Tätigkeit der Apotheker und die Arzneimittelversorgung nicht in die Zuständigkeit der EU fallen. Allerdings lassen sich Hinweise auf eine Aufweichung dieser Position in einem Arbeitspapier zur "Distribution" finden, an dem Vertreter aller Regierungen und der Kommission mitgearbeitet haben. Dort heißt es unter anderem: "Distributionskosten machen einen großen Teil der gesamten Arzneimittelkosten aus. Auch für sie ist sicherzustellen, dass ein vorteilhaftes Kosten/Nutzen-Verhältnis erzielt wird und Wirtschaftlichkeitsreserven erschlossen werden. ... Entscheidungen über Distributionskosten sind Sache der nationalen Behörden. Da jedoch, insbesondere im Großhandelssektor, der Trend zur Entwicklung europäischer Märkte besteht, sollte auf Gemeinschaftsebene die Kostenentwicklung im gesamten Markt untersucht werden."

Die Apotheker müssen also damit rechnen, dass auch auf europäischer Ebene die Arzneimittelversorgung auf Preiswürdigkeit hin geprüft werden wird. Vor dem Hintergrund, dass die nationalen Strukturen und Merkmale im Bereich der Arzneimittelversorgung kaum zu vergleichen sind, darf man schon heute auf das Ergebnis gespannt sein. Nach der vor wenigen Monaten veröffentlichten Studie "Deutsche Arzneimittelpreise im europäischen Vergleich" brauchen sich die deutschen Apotheken hinsichtlich ihrer Europatauglichkeit aber keine Sorgen machen. Top

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