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Zukunft gestalten

02.06.2003  00:00 Uhr

Zukunft gestalten

Weder die inzwischen spürbaren Folgen des seit 1. Januar 2003 wirksamen Beitragssatzsicherungsgesetzes (BSSichG) noch das geplante systemverändernde Gesundheitssystemmodernisierungsgesetz (GMG) haben knapp 700 Apothekerinnen und Apotheker davon abhalten können, zum 41. Internationalen Fortbildungsseminar der Bundesapothekerkammer nach Meran zu kommen und sich fortzubilden.

Das ist ein klares Zeichen dafür, dass sich der Berufsstand noch nicht aufgegeben hat, dass die Apotheker ihre Aufgabe als unabhängige Arzneimittelfachleute wahrnehmen und dass sie die Notwendigkeit sehen, sich stets auf den aktuellen Wissensstand zu bringen, um im Gesundheitswesen bestehen zu können.

Viele Vorträge wären auch für die verantwortlichen Politiker lehrreich gewesen. Vielleicht hätten sie dann begriffen, dass ordoliberale Prinzipien nicht in den Arzneimittelbereich gehören. Wenn eine Botschaft aus Meran in die breite Öffentlichkeit transportiert werden kann, dann ist es die: Arzneimittel sind und bleiben Waren besonderer Art. Einschränkende Regelungen für den Vertrieb sind reiner Verbraucherschutz und keine Existenzsicherungsmaßnahmen für die Apotheken.

Es war bezeichnend, dass viele Referenten aus den medizinischen Fakultäten mehrmals betonten, dass Apothekerinnen und Apotheker die Therapie der Patienten ortsnah begleiten sollen. Nur so sei eine hohe Compliance zu erzielen. Der im GMG vorgesehene Versandhandel ist dazu nicht in der Lage, und auch ökonomisch ausgerichtete und von externen Kapitalgebern abhängige Ketten werden das Engagement vermissen lassen, im Sinne einer freiberuflichen Verantwortung Patienten zu betreuen.

Ich habe immer mehr Schwierigkeiten, den Argumenten der Politiker zu folgen. Das gilt besonders für den SPD-Generalsekretär Olaf Scholz, der am Montag dieser Woche in einem Rundfunkinterview das GMG mit dem Argument verteidigen wollte, den Deutschen müsse der Zugang zu preiswerteren Arzneimitteln aus dem Ausland ermöglicht werden. Außerdem verbessere mehr Wettbewerb auf der Vertriebsstufe die Qualität der Arzneimittelversorgung. Den ersten Teil der Aussage könnte die Regierung auch mit einem neuen Preissystem in Deutschland lösen. Der zweite Teil ist einfach falsch.

Vor dem Hintergrund von 4,5 Millionen Arbeitslosen sollte die Regierung außerdem wissen, dass jeder Umsatz, der im Ausland realisiert wird, in Deutschland Arbeitsplätze gefährdet und Beiträge zu den sozialen Versorgungssystemen entzieht. Ich bin der festen Überzeugung, dass weder im Gesundheitsministerium noch im Wirtschaftsministerium sich jemand darüber Gedanken gemacht hat, wie viele deutsche Arbeitsplätze durch das Reformprogramm aufs Spiel gesetzt werden.

Das gilt auch für die Freigabe der Preise im OTC-Markt. Eine verheerende Maßnahme, die mittelständische deutsche Hersteller vom Markt fegen und auch auf den Vertriebsstufen Großhandel und Apotheken einen Kahlschlag verursachen wird. Und das, ohne einen Euro für die Gesetzliche Krankenversicherung zu sparen.

Gerade dieser Punkt entlarvt die Regierung: Es geht ihr in erster Linie darum, ein bewährtes System zu zerstören. Die Positivliste, das Zentrum für Qualität in der Medizin und die Verweigerung, das BSSichG zu revidieren, sind weitere Beweise für ihre destruktiven Absichten. Mit Modernisierung hat das nichts zu tun. Man kann nur hoffen, dass Vernunft das Gesetz noch aufhalten werden kann. Die Hoffnung, dass in den Regierungsfraktionen diese Vernunft einziehen könnte, ist sicher zu optimistisch. Trotzdem sollte die deutsche Apothekerschaft, wie BAK- Präsident Johannes M. Metzger in seiner Begrüßungsansprache in Meran die Kollegenschaft aufforderte, optimistisch bleiben und die Zukunft aktiv gestalten und die Arzneimittelversorgung im Sinne der Patienten modernisieren - eine Modernisierung, die den Namen dann auch verdient.

Professor Dr. Hartmut Morck
Chefredakteur
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