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Schlechte Noten

29.05.2000  00:00 Uhr

- EditorialGovi-Verlag

Schlechte Noten

von Dr. Hartmut Morck,
Chefredakteur

Wer nach der Veröffentlichung der OECD-Studie „Bildung auf einen Blick„, in der dem deutschen Bildungswesen im internationalen Vergleich schlechte Noten erteilt wurden, auf eine intensive Diskussion über die Bildung in Deutschland hoffte, wurde bitter enttäuscht. Einige zaghafte Äußerungen und Kommentare waren zu hören und zu lesen, aber insgesamt habe ich den Eindruck gewonnen, dass man sich offensichtlich an das Mittelmaß des Bildungswesens gewöhnt hat.

Sind in der Schule schlechte Noten häufig der Ansporn, sich zu verbessern, haben die schlechten OECD-Noten nicht dazu motiviert, über neue Strukturen, Reformansätze oder mehr Geld für das Bildungssystem nachzudenken. Ich vermisse die ernsthafte und ehrliche Bereitschaft, die Gründe für die Situation zu analysieren und zu diskutieren.

Einige Politiker scheinen den Schuldigen gefunden zu haben: Die Industrie habe die Nachwuchsförderung vernachlässigt und falsche Impulse gesetzt. Aus meiner Sicht ist dies wenig hilfreich, der Bildungsmisere zu entfliehen. Auch auf Länderebene haben die Ergebnisse der OECD-Studie keine Wende eingeläutet. So wurden in Berlin zum Beispiel die Studienplätze für Informatik aus finanziellen Gründen weiter reduziert. Bei der augenblicklichen Green-Card-Diskussion das falsche Zeichen.

Kosten sollen auch in Marburg gespart werden. Dort wird darüber nachgedacht, den Fachbereich Pharmazie aufzulösen und die einzelnen Fächer in andere Fachbereiche zu integrieren. Auch kein Weg, der hilfreich wäre, zu einer effektiveren Ausbildung zu finden.

Dabei wäre alles so einfach, wenn bei den Politikern endlich die Einsicht Platz greifen würde, dass eine optimale Bildung die einzige Existenzsicherung für Deutschland ist. Jede Mark, die in die Bildung gesteckt wird, ist eine Investition in die Zukunft. Da aber Politiker wohl nur bis zur nächsten Wahl denken, brauchen sie kurzfristige Erfolge. Dazu eignet sich das Bildungssystem aber nicht. Denn eine Verbesserung im Bildungswesen wird sich erst in zehn bis 20 Jahren wirtschaftlich auszahlen. Solange können und wollen unsere Politiker nicht warten. Fast ein aussichtsloses Unterfangen. Trotzdem fordere ich die politisch Verantwortlichen auch in Zukunft zum Handeln auf.

Der erste Schritt muss eine durchgreifende Reform der Schule sein, die auch die naturwissenschaftlichen Fächer stärkt. Denn jede in der Schule gelegte Grundlage verkürzt das Studium. Dazu ist es notwendig, die Klassen deutlich zu verkleinern, die Schulen mit modernen Hilfsmitteln auszurüsten und wesentlich mehr Lehrer einzustellen, um den Unterrichtsausfall gegen Null zu drücken. In einem solchen Schulsystem wäre die Hochschulreife sicher auch nach 12 Jahren erreichbar.

Als zweiter Schritt wäre die Strukturreform der Hochschulen anzustreben mit dem Ziel, die Regelstudienzeit zu verkürzen. Auch hier wäre es notwendig, mehr Geld bereitzustellen und über eine grundlegende Umstrukturierung des Studiums in ein Grundstudium und ein Graduiertenkolleg nachzudenken. Nur wenn solche Reformen eingeleitet werden, haben wir eine Chance, in einigen Jahren in einer OECD-Studie mit besseren Noten abzuschneiden. Top

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