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In Würde

16.04.2001  00:00 Uhr

In Würde

von Thomas Bellartz, Chef vom Dienst

Die Würde des Menschen ist unantastbar. Aber wer entscheidet, was Würde ist? Dürfen dies Philosophen, Politiker, Standesorganisationen oder am Ende doch jeder für sich selbst? Die Diskussion als Folge des vom niederländischen Parlament verabschiedeten Sterbehilfegesetzes beginnt gerade erst. Denn bislang beschränken sich die Statements auf die Kritik am liberalen Nachbarn.

In Den Haag hat man eine längst übliche Praxis legalisiert. Genau deswegen droht in Deutschland nicht der befürchtete Dammbruch. Uns droht höchstens eine offene Diskussion, die in den Niederlanden bereits seit Jahren geführt wird, und die das Sterben und den Tod aus der Tabuzone herausholt. Denn wenn das Sterben zum Leben gehört, wie nicht wenige Kritiker bemerken, dann muss auch in diesem Leben darüber gesprochen werden.

Das Thema Sterbehilfe darf nicht tabuisiert werden. Egal ob konservativ oder liberal: Eine gefühlskalte Schlacht von Argumenten würde der Sache nicht gerecht. Genauso wenig wie die Gegner der Sterbehilfe als Verhinderer abgekanzelt werden dürfen, sollten die Gedanken der Befürworter als moralisch und ethisch verwerflich gebrandmarkt werden.

Wenn aber der Moraltheologe Professor Dietmar Mieth Würde und Lebensqualität voneinander trennt, dann könnten dies todkranke, schwer leidende Menschen als absurd, ja zynisch empfinden. Tabus werden geschaffen, indem andere Meinungen und Menschen ungehört bleiben oder überhört werden.

Eine breite Diskussion kann viel fruchtbarer sein, wenn alle Argumente gehört und die Sorgen und Ängste der Menschen respektiert werden.

Dass sich die deutsche Ärzteschaft mit dem Thema Sterbehilfe schwer tut, ist nicht neu. Und natürlich ist auch die historische Verbindung zum als Euthanasie bezeichneten Massenmord während der Nazi-Herrschaft eine nicht zu unterschätzende psychologische Komponente. Doch nützt dies den Patienten?

Nach einer Allensbach-Umfrage ist die Mehrheit der Deutschen für die aktive Sterbehilfe. Das hat seinen Grund auch in einer immer noch schwach entwickelten Palliativmedizin. Wie weit ist sie tatsächlich verbreitet? In den Universitätskliniken: wahrscheinlich. Aber auch in den kleinen Krankenhäusern mit massiven ökonomischen und personellen Zwängen? Eher nicht.

Und dann die noch zu langsam wachsende Hospizbewegung. In Deutschland gibt es bis heute erst 61 Hospize, Orte, an denen Menschen in Würde sterben können. Das sind viel zu wenige.

Warum postulieren wir in allen Bereichen des öffentlichen Lebens Qualitätsmanagement - in Arztpraxen, Krankenhäusern und in der Apotheke ohnehin? Warum dann nicht auch mit Blick auf das Sterben? Bemerkenswert ist in diesen Tagen, dass die Kritik an den Niederländern erheblich ist, die eigene Situation aber nur insoweit analysiert wird, als dass eine solche Gesetzgebung in Deutschland nicht möglich sei.

In jedem Fall verdanken wir den Niederländern damit den Beginn einer Diskussion. Und vielleicht auch eine Verbesserung der Situation von Leidenden und Sterbenden.

Eine liberale Gesetzgebung wie in den Niederlanden ist bei der aktiven Sterbehilfe in Deutschland nicht möglich. Ein einfacher Vergleich oder eine Kopie des Gesetzes würden nicht helfen.

Vergleichbar sind aber die Bedürfnisse und Sorgen, die Nöte und Ängste der Menschen, der Kranken, der Patienten. Und der Sterbenden.

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