Pharmazeutische Zeitung online

Der Anfang vom Ende

17.03.1997  00:00 Uhr

-Editorial

  Govi-Verlag

Der Anfang vom Ende

  von Dr. Hartmut Morck
PZ-Chefredakteur

Mit den drastischen Erhöhungen der Zuzahlungen bei verordneten Arzneimitteln nach dem NOG 2 auf 9, 11 und 13 DM und der zusätzlichen Erhöhung nach Beitragsanhebung gemäß NOG 1 muß der kritische Beobachter der gesundheitspolitischen Szene zu dem Schluß kommen: Das ist der erste Schritt zum Ausstieg aus der solidarischen Gesetzlichen Krankenversicherung.

Während die Diskussion um die paritätische Finanzierung der Gesetzlichen Krankenversicherung noch verständlich war vor dem Hintergrund, daß nur 40 Prozent der Versicherten Beiträge zahlen und damit die paritätische Finanzierung der Beiträge nicht mehr mit den Zahlungen der Leistungen korreliert, wird mit der Zuzahlungserhöhung das Prinzip der Solidarität und damit der Grundpfeiler der Gesetzlichen Krankenversicherung verlassen, der über 100 Jahre die GKV stabilisierte: Der Gesunde trägt das Risiko des Kranken nicht mehr mit, sondern das Risiko der Krankheit wird auf den Kranken verlagert.

Im Arzneimittelbereich sind das rund 3 Milliarden DM, die auf der solidarischen Finanzierung ausgesteuert werden. Über ein Viertel der verordneten Arzneimittel müssen künftig allein vom Patienten bezahlt werden. Das wird nicht nur Auswirkungen auf die Compliance des Patienten haben, das wird auch Kaufkraft abschöpfen und wirtschaftliche Auswirkungen auf Apotheken und Hersteller haben.

Die Hoffnung, daß in der Zukunft mehr auf die Eigenverantwortung des Patienten gesetzt werden kann und daß sich dies auf die Selbstmedikation positiv auswirken wird, ist nach dieser Maßnahme aus meiner Sicht nicht mehr gerechtfertigt. Wer für seine notwendigen Medikamente in Zukunft 5 DM mehr zahlen muß (das kann pro Rezept 15 DM ausmachen), der wird nicht mehr bereit sein, für die Selbstmedikation etwas auszugeben, denn sein privates Budget würde damit überzogen. Und eines ist sicher, der einzelne Bürger wird sparen, wenn das Budget überzogen ist, im Gegensatz zu den Krankenkassen.

Das augenblickliche Chaos in der Bonner Gesundheitspolitik läßt zur Zeit für die Versicherten, die Leistungserbringer und auch für die Gesetzliche Krankenversicherung keine Planungen für die Zukunft zu, zumal sowohl Regierung als auch Opposition keine praktikablen Konzepte vorlegen, die die GKV über die Jahrtausendwende hinaus als eine auf Solidarität aufgebaute gesellschaftliche Institution garantieren.

Es wird Zeit, daß sich alle politischen Kräfte an einen Runden Tisch setzen, gemeinsam nach Konzepten suchen und das Wahlkampfgetöse aus der Diskussion heraushalten. Es gilt eine Säule der sozialen Marktwirtschaft zu erhalten, und das wird nur im breiten Konsens möglich sein.

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