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Zynismus

31.01.2000
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- EditorialGovi-Verlag

Zynismus

von Thomas Bellartz,
Chef vom Dienst

Zynismus kennt keine Grenzen; weder moralische, ethische noch politische oder soziale. Auch die Sprache und deren Verfremdung bietet Zynisten ein grenzenloses Reservoir der Geschmacklosigkeit. Besonders Boshaftes wird zum "Unwort des Jahres" gekürt. Natürlich hat es sich die Deutsche Gesellschaft für Sprache nicht nehmen lassen, auch ein "Unwort des 20. Jahrhunderts" herauszustellen. Das Ergebnis zeugt von menschenverachtender Wortfindung: Menschenmaterial.

Die Aktion "Unwort des Jahres" wählt widersprüchliche Begriffe aus, die Sachverhalte verharmlosen. Die Unwörter sollen verhüllen und verschleiern, was tatsächlich passiert. Nicht der erhobene Zeigefinger, sondern nur die Warnung und die Schärfung des Sprachbewusstseins sind die Ziele der Kritiker. Die ausgewählten Vokabeln sind oft das Resultat von Missverständnissen oder Missverhältnissen, leider aber auch Produkte gesellschaftlicher Missstände. Das bereits von Karl Marx in anderem Zusammenhang genutzte Wort "Menschenmaterial" bezeichnete in den beiden Weltkriegen den Einsatz von Soldaten als Kanonenfutter.

Der Begriff reduziert den Menschen auf seinen Materialwert. Eine Tendenz, die sich im 20. Jahrhundert in vielen Bereichen durchgesetzt hat, wie die Sprachkritiker befanden. Bezeichnend sind die vielen Wortschöpfungen der folgenden Jahrzehnte, die auf diesem Begriff fußen. Sogar im Sport findet sich der Begriff abgewandelt wieder: Spielermaterial.

Die Lust an Wortschöpfungen basiert auf Unwissenheit, mangelnder Sensibilität oder auch auf Demagogie und dem Willen, sich durch derlei Wortkreationen abzuheben vom sprachlichen Einerlei der wuchernden Informationsgesellschaft. Letzteres gescha bei der Entstehung des Unworts des Jahres 1999: Kollateralschaden. Das Wort ähnelt in seiner zynischen Inhaltslosigkeit dem Begriff Menschenmaterial.

Beim Kosovo-Krieg wurden die zivilen Opfer der Nato-Angriffe wegen der unzulänglichen Übersetzung durch die Medien aus dem Englischen zu Kollateralschäden herabgestuft. Eine grausame und entwürdigende Beschreibung für den Tod hunderter Menschen. Das ist keine Schuldzuweisung in der Sache. Es geht nicht um den Auslöser von Militäraktionen, nicht um Angriff oder Verteidigung. Es geht um Menschenwürde, im Leben wie im Tod. Und in der Sprache, die diese Würde beschreibt.

Den Tod Unschuldiger als Schaden zu beschreiben, ähnlich dem Verlust eines Fahrzeugs, ist nicht nur eine Zumutung für die Hinterbliebenen. Dass Medien die ihnen übermittelten Happen der Presseoffiziere publizieren, ist ärgerlich genug. Dass die Öffentlichkeit sich nicht dagegen wehrt, zeugt von Gedankenlosigkeit.

Fair gehen die Sprachkritiker mit denen um, die allzu lässig Sprache verwerten. "Gegen Unwörter ist keiner gefeit", sagt der Vorsitzende. Und doch ist es unerträglich, wenn im vergangenen Jahr ein Klinikchef aus dem Süddeutschen von "morbidem Patientenmaterial" spricht. Sinnverwandtschaften finden sich schnell: Der "Marktwert" von Arbeitskräften und Arbeitslosen oder das "Body-Leasing" für Leiharbeit.

In Wissenschaft und Forschung, Biotechnologie und Gentechnik werden die Begriffe Mensch, Material und Marktwert mitunter munter gemischt. Und doch greift eine öffentliche Diskussion ein. Eine ethisch wie moralisch motivierte Steuerung in der Sache wie in der Sprache. Top

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