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Neue Beschäftigungsfelder schaffen

13.01.1997  00:00 Uhr

-Editorial

  Govi-Verlag

Neue Beschäftigungsfelder schaffen

  von Dr. Günther Theurer,
Präsident des Apothekerverbandes Baden-Württemberg

Noch drei Jahre trennen uns von jenem Jahr 2000, das nicht nur für eine Jahrtausend-, sondern für eine Zeitenwende steht. Das prägende Thema des ausgehenden Jahrtausends sind die Umwälzungen in den sozialen Bereichen.

Die Arbeitslosigkeit ist das drängendste Problem unserer Gesellschaft. Weltweit sind heute fast eine Milliarde Menschen ohne Job. Damit ist beinahe ein Drittel der arbeitsfähigen Weltbevölkerung betroffen. Auch der neuerliche Aufschwung der Weltwirtschaft wird keine neuen Arbeitsplätze bringen. Die dritte industrielle Revolution hat längst eingesetzt. Millionen von Arbeitnehmern werden durch Maschinen und Computer ersetzt, die effizienter und profitabler arbeiten, die weder krank sind, Kuren bekommen, noch Urlaub haben.

Zur Zeit hat der deutsche Arbeitnehmer im Durchschnitt 28 Tage Urlaub, ist 21 Tage krank, hat zusätzlich an 10 Feiertagen frei und kann noch alle 4 Jahre eine Kur beantragen. Zum Vergleich: Der amerikanische Arbeitnehmer hat 14 Tage Urlaub, ist 5 Tage krank und kennt keine Kuren.

Tony Blair, Chef der oppositionellen Labourparty in Großbritannien, hat auf dem letzten Parteikongreß gesagt: "Man muß entscheiden, ob man den Sozialstaat reformieren oder den Niedergang der Volkswirtschaft verwalten will." Er sieht den Tod der Wirtschaft voraus, wenn nicht eingegriffen wird.

Unserer Gesellschaft droht eine Spaltung in arm und reich, wobei ich vermute, daß wir in Deutschland mit 38 Millionen Arbeitnehmern in wenigen Jahren, wenn sich nichts ändert, 20 Prozent Arbeitslose haben werden, das heißt 7 bis 8 Millionen. Denen werden auf der anderen Seite 20 Prozent gut bis sehr gut Verdienende gegenüberstehen, die in der Lage sind, Steuern zu zahlen und damit den Staat zu finanzieren.

Die steigende Arbeitslosigkeit und die zunehmende Polarisierung von arm und reich bereiten den Boden für soziale Unruhen. Wenn es uns nicht gelingt, die Fähigkeiten und Energien jener Hunderter Millionen arbeitsloser Frauen und Männer in die richtigen Bahnen zu lenken und ihnen eine sinnvolle Aufgabe zu geben, dann werden Verelendung und Gesetzlosigkeit unsere Gesellschaften erfassen, sie werden zerfallen.

Jeremy Rifkin, US-amerikanischer Wirtschaftskritiker, appelliert eindringlich, daß wir uns von der Fixierung auf Markt und Staat lösen und statt dessen einen dritten Sektor ausbauen: die gemeinnützigen Aufgaben.

Der marktwirtschaftliche und der staatliche Sektor werden im nächsten Jahrhundert im Alltagsleben der Menschen eine immer geringere Rolle spielen. Das daraus entstehende Machtvakuum wird entweder angefüllt von einer Subkultur der Gesetzlosigkeit oder von einem stärkeren Engagement im dritten Sektor. Das heißt, brachliegende Arbeitskraft wird in sinnvoller Weise für gemeinnützige Aufgaben eingesetzt.

Auch nach der dritten industriellen Revolution werden die meisten Europäer einer Erwerbsarbeit nachgehen müssen, um ihren Lebensunterhalt zu sichern. Was die wachsende Zahl von Menschen anbelangt, die in der Wirtschaft keinen Platz mehr finden, so steht der Staat vor der Wahl, entweder mehr Geld für Polizisten und Gefängnisse auszugeben oder Geld in gemeinnützige Aufgaben zu investieren, um dort für Beschäftigung zu sorgen.

Die Globalisierung der Wirtschaft und der Rückzug des Staates werden die Menschen dazu bringen, sich in Selbsthilfeorganisationen zusammenzuschließen. Um den Übergang in das post-marktwirtschaftliche Zeitalter zu bewältigen, wird es politischer Bewegungen und Zusammenschlüsse bedürfen. Diese müssen darauf drängen, daß ein möglichst großer Anteil des Produktivitätszuwachses vom marktwirtschaftlichen Sektor in den dritten Sektor übertragen wird, um auf diese Weise soziale Gemeinschaften und lokale Infrastrukturen zu stärken.

Nur wenn dies gelingt, werden die Menschen in Europa und überall in der Welt mit der Globalisierung der Märkte und mit den Massenentlassungen fertig werden können, die ihnen die Lebensgrundlage zu rauben drohen.

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