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Viel Spreu, wenig Weizen

09.08.1999
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Viel Spreu, wenig Weizen

Artikel von dpa und PZ

Während die Kassenärzte in Deutschland über ihr Notprogramm diskutieren, boomt eine zweifelhafte Variante der medizinischen Hilfe: Immer mehr Menschen zieht es in die virtuellen Arztpraxen des Internets. Statt sich mit der kassenärztlichen Standardversorgung abzufinden, fragen Hilfesuchende Cyberdocs in aller Welt um Rat - und zahlen dafür keinen Pfennig. Doch die Qualität solcher Angebote lässt oft zu wünschen übrig. Längst nicht jeder Cyberdoc hat schon einmal eine medizinische Fakultät von innen gesehen.

Dass die Akzeptanz trotzdem so groß ist, liegt auch an den realen Ärzten: "Viele Patienten haben den Eindruck, nicht mehr optimal beraten zu werden und suchen deshalb im Internet selbst nach Informationen über ihre Krankheit", meint der Cybermedizin-Experte und Arzt Gunther Eysenbach. Täglich wenden sich Tausende Patienten mit Wehwehchen oder auch schweren Krankheitssymptomen an die Online-Mediziner.

Vor allem chronisch Kranke, die oft eine Odyssee von Arzt zu Arzt hinter sich haben, erhoffen sich die lang ersehnte Hilfe aus dem weltweiten Netz. "Sie wollen das Gefühl haben, selbst etwas zu unternehmen", sagt Eysenbach. Nicht immer sei dieser Weg allerdings sinnvoll.

Eysenbach, der sich an der Universität Heidelberg mit der Cybermedizin beschäftigt, machte den Test: Unter dem Namen "Peter" schrieb er eine E-Mail an 58 medizinische Beratungsangebote im Internet. "Peter" schilderte den Ärzten die konkreten Symptome einer akuten Gürtelrose. Eine Antwort erhielt der fiktive Patient allerdings nur von jedem zweiten Cyberdoc. 17 der 29 Antwortenden stellten die richtige Diagnose. Immerhin 27 rieten ihm, zum Arzt zu gehen.

Die meisten Antworten kamen mit ein bis zwei Tagen Verzögerung, auf eine Antwort wartete Eysenbach sogar zehn Tage. Eine Ferndiagnose dürfen Ärzte ohnehin nicht stellen. Erlaubt sind allenfalls unverbindliche Stellungnahmen.

"Nicht immer werden die Fragen an die virtuellen Mediziner tatsächlich von Fachärzten beantwortet. Selbsternannte Wunderheiler versuchen vor allem Krebspatienten Geld aus der Tasche zu locken. Die nutzen das Medium zum Geschäftemachen", meint der Internist Achim Jäckel, der den Online-Auftritt der Deutschen Krebshilfe betreut. Dringend nötig ist aus seiner Sicht ein digitales Gütesiegel für Ärzte. "Nur so können die Patienten sehen, ob sie wirklich von einem Facharzt beraten werden", sagt Jäckel. Ein digitaler Arztausweis, mit dem sich Ärzte im Internet ausweisen, könnte hier Abhilfe schaffen.

Verteufeln sollte man das weltweite Computernetz aber trotzdem nicht. Schon jetzt biete das Internet dank zahlreicher informativer Homepages Hilfesuchenden aber große Chancen. "Die Patienten haben durch das Internet den Zugang zum gesamten Expertenwissen der Welt." Top

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