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Depressionen: »Schweigen ist fahrlässig«

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Depressionen

»Schweigen ist fahrlässig«


Von Jennifer Evans / Der Komiker Torsten Sträter hat es sich zur Aufgabe gemacht, Depressionen das Stigma zu nehmen. Er ist ein Fan von Psychopharmaka und findet es richtig cool, wenn Betroffene freiwillig in die Psychiatrie gehen. In der PZ spricht er auch über seine eigenen Depressionen.

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PZ: Seit Anfang des Jahres sind Sie Schirmherr der Deutschen Depressionsliga. Was ist Ihr größtes Anliegen? Und was würden Sie sofort ändern, wenn Sie Politiker wären?

 

Sträter: Zuerst würde ich mithilfe einer großen Kampagne den Depressionen das Stigma nehmen. Zum Start der Zusammenarbeit mit der Depressionsliga habe ich selbst bereits eine Petition an die Bundesregierung unterzeichnet, in der ich eine solche Aufklärungskampagne über die Erkrankung fordere. Außerdem würde ich jeden von Depressionen betroffenen Politiker dazu auffordern, auf seinem Plakat ein smartes Statement dazu abzugeben. Denn Schweigen ist fahrlässig.

 

Am meisten hat mich zuletzt die Nachricht aus Bayern erschüttert, wo laut eines Gesetzentwurfs psychisch Kranke wie Straftäter behandelt werden sollen. Das ist der größte Unsinn überhaupt.

 




Foto: Fotolia/by-studio busse yankushev



PZ: Derzeit müssen gesetzlich Versicherte rund 20 Wochen auf einen Termin für eine Psychotherapie warten.

 

Sträter: Das ist fatal. Eine Depression ist ja nicht so leicht zu ertragen wie eine Wurzelbehandlung am Zahn: Ibuprofen einwerfen und dann ist Ruhe im Karton. Wenn man jedoch einmal erlebt hat, wie die schwarze Nacht sich über einen senkt oder eine heftige Panik­attacke hatte, dann trägt man danach sogar ein Fan-T-Shirt für Psychopharmaka. Die Chemie kann – zumindest kurzfristig – all die Dinge dieser Erkran­kung ausbremsen, auf die der Mensch wenig Einfluss hat – zum Beispiel gewisse Botenstoffe im Gehirn oder körperliche Reaktionen. Obwohl Medikamente natürlich keine langfristige Lösung sind. Aber allein, wenn durch sie für Betroffene wieder ein Licht am Horizont auftaucht, hat sich ihr Einsatz gelohnt.

 

PZ: Wie sieht es mit den Neben­wirkungen aus?

 

Sträter: Das ist eine Frage des Verhältnisses. Vielleicht nimmt man 15 Kilogramm zu, aber man ist einfach so viel besser drauf, dass einen das Gewicht kaum interessiert. Ich teile übrigens auch nicht die Angst vieler Menschen, dass man unter der Einnahme von Psychopharmaka nicht mehr man selbst ist. Sie verwandeln ja nicht die Persönlichkeit. Andere sorgen sich, dass während des Ausschleichprozesses die Depression wiederkehrt. Auch das passiert selten, wenn man diszipliniert ist. Natürlich gibt es ein paar harte Monate. Schließlich hat sich der Körper an die Dosis gewöhnt und findet es richtig super. Genau genommen sollte man nicht nur der Krankheit, sondern auch den Medikamenten das Stigma nehmen. Ich stehe dazu, dass sie wirkliche Segens­bringer sein können.

 

PZ: Es gibt Apps, die Depressiven helfen sollen. Können Sie sich vorstellen, dass das funktionieren kann?

 

Sträter: Nee, solange nicht klar ist, wo-rauf eine Depression fußt, ist das in meinen Augen totaler Quatsch. Stattdessen kann ich auch ein Computerspiel wie Angry Birds spielen, bis der Psychologe endlich Zeit hat. Ich fürchte, dass eine App niemals ein Heilsbringer sein kann. Im Gegenteil: Einige der digitalen Anwendungen lösen vermutlich noch Depressionen aus.

 

PZ: Wie können Betroffene sich denn selbst helfen, bis ein Arzt Zeit hat? Haben Sie Tipps?




»Man sollte nicht nur der Krankheit, sondern auch den Medikamenten das Stigma nehmen.«Torsten Sträter

Foto: Guido Schröder


Sträter: Ich glaube, dass Sport ein guter Weg sein kann. Viel Wasser trinken, schlafen und sich mit Menschen umgeben, die man liebt. In einigen Fällen hilft übrigens auch ein Schlafentzug. Mein Rat allerdings ist: Wenn du glaubst, es geht nicht mehr weiter, gehe in das nächste Tierheim und biete deine Hilfe an. Der Umgang mit Tieren lenkt den Fokus zeitweise von einem selbst weg. Ablenkung ist der Schlüssel. Im Notfall kann man immer noch in die Psychiatrie gehen. Daran ist ja überhaupt nichts Schlimmes. Wenn ich ­einen Fußboden verlegen möchte, schaue ich ja auch nach einem Experten für den Job. Das ist mit der Psychiatrie nichts anderes, finde ich.

 

PZ: Studien zeigen, dass eine Depression bei Männern oft später entdeckt wird als bei Frauen. Sprechen Männer seltener darüber?

 

Sträter: Sicher sind beide Geschlechter gleichermaßen gefährdet. Meiner Ansicht nach neigen Männer dazu, das Problem zunächst mit einem Bier wegzudrücken. Das kann vielleicht anfangs noch helfen. Letztlich müssen sie sich aber die Schwäche eingestehen. Deswegen gelten sie fast als kleine Helden, wenn sie über ihre Depression sprechen. Viel problematischer ist, dass viele Menschen im Laufe der Zeit ihren katastropha­len seelischen Zustand als normal hinnehmen. Es dauert sicher noch 20 Jahre bis das Krankheitsbild so etabliert ist, dass jeder weiß: Es kann auch mich treffen. Und bis dahin wird es leider noch genug Leute geben, die sagen: Was bist du denn so scheiße drauf, ich mach’ mal das Fenster auf, damit frische Luft reinkommt.

 

PZ: Woran haben Sie gemerkt, dass Sie eine Depression haben?

 

Sträter: Das erste Mal war es in den 90er-Jahren. Mich überkamen starke Gefühle der Hoffnungslosigkeit. Damals habe ich in einem Baumarkt gearbeitet. Tagsüber ging es, aber nachts kam mir Selbstmord plötzlich wie eine plausible Alternative vor. Wenn so ein Gedanke normal erscheint, ist es höchste Zeit, zum Arzt zu gehen. Heute kehren meine Depressionen in Schüben wieder, überfallen mich, ganz unabhängig von Aktivitäten und Jahreszeit. Aber sie werden glücklicherweise seltener. Mittlerweile merke ich, wenn sie sich wieder anschleichen und entwickele schnell Gegenmechanismen. Wichtig ist, dass man den Kampf aufnimmt. Heute muss sich die Krankheit vor mir warm anziehen.

 

PZ: Wie steuern Sie dagegen?

 

Sträter: Wenn ich merke, es geht nicht mehr, dann mache ich Dinge wie: ab nach New York. Ich bin lieber depressiv in New York, spaziere durch die Stadt, schaue einen amerikanischen Film und lasse mir die Sonne auf den Kopf scheinen, als dass ich zu Hause bleibe. Im Zweifelsfall rufe ich meinen Arzt an und kündige ihm an, dass ich bald ein Notfallmedikament brauche.

 

PZ: Welche Rolle spielt der Humor?

 

Sträter: Ich bin Komiker und habe grundsätzlich schon mehr Spaß im Leben als andere Betroffene, die zusätzlich noch in einer routinierten Tretmühle gefangen sind. Das hilft sicher. Außerdem ist die Bühne wie eine Therapie für mich. Als ich nach dem Tod meiner Mutter wieder einen Schub hatte, bin ich täglich aufgetreten. Das war bestimmt eine Belastung für das Publikum. Auf der anderen Seite haben sie dafür bezahlt, mich zu sehen. Damals habe ich die Themen Trauer und Depression allerdings nicht ins Programm eingebaut. Das mache ich erst jetzt, nachdem ich wieder aus dem Tief rausgekrabbelt bin.

 

PZ: Erleben Sie Glücksmomente jetzt intensiver?

 

Sträter: Ich glaube nicht. Wichtiger ist, alle ein bis zwei Tage mal eine innere Inspektion zu machen und sich zu fragen: Wie geht’s dir eigentlich? Das kann ich jedem nur empfehlen. Insgesamt versuche ich heute allerdings, mehr in mir zu ruhen und mehr zu genießen. Ich bin sicher achtsamer geworden.

 

PZ: Wie sehr hilft Betroffenen die Anteilnahme von Freunden?

 

Sträter: Eigentlich können Freunde nicht viel tun. Empathische Menschen leiden wie Hunde unter dieser Ohnmacht. Aber ein Kinobesuch oder ein leckeres Essen bringt nun mal für Depressive einfach keine Linderung. Auch eine Umarmung hilft nur für den Moment. Richtig funktioniert es bloß mit einer Therapie. Daher rate ich jedem, dem es dreckig geht, eine geschlossene Psychiatrie nicht gleich kategorisch auszuschließen. Klar, Psychiatrie klingt immer nach eingesperrt sein und hat etwas Anrüchiges, aber letztlich ist es einfach ein geschützter Bereich. Es stellt einen Kraftakt dar, zu sagen, ich gehe jetzt in die Psychiatrie. Aber wenn sich jemand freiwillig dafür entscheidet, ist das für mich die ultimative Definition von Coolness.

 

PZ: So cool ist aber nicht jeder.

 

Sträter: Stimmt. Es sollte wirklich Depressionshelfer geben, die wie Hausärzte zu den Betroffenen rausfahren. Der Bedarf ist ja riesig – angesichts der überlasteten Psychotherapeuten. Außerdem bewirkt der persönliche Kontakt noch mal mehr als ein Gespräch mit dem Seelsorger am Telefon. Zusätzlich sollte es meiner Ansicht nach Notfall-Ambulanzen für psychische Erkrankungen geben, die im Ernstfall schnell ein Medikament da haben. Am besten gleich zwei Anlaufstellen in jedem Ort, der mehr als 30 000 Einwohner hat. Medikamente können die Genesung zwar immer unterstützen, aber letztlich kann nur der Mensch dem anderen Menschen wirklich helfen. /



Beitrag erschienen in Ausgabe 28/2018

 

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