| Melanie Höhn |
| 28.01.2026 17:00 Uhr |
Diskutierten über die Auswirkungen der US-amerikanischen Politik auf Deutschland (v.l.): Matthias Wernicke von Merck Healthcare, Professor Michael Thiede vom Wissenschaftlichen Institut der AOK (WIdO), Jasmina Kirchhoff vom Institut der Deutschen Wirtschaft in Köln und Moderator Friedrich Fichtner von der BMC-Arbeitsgruppe Versorgungsforschung / © PZ/Höhn
»Wie schnell werden wir zukünftig in Deutschland mit Arzneimitteln versorgt? Was bedeutet die US-Politik für die Volkswirtschaft hierzulande? Wie reagiert die Politik und das Gesundheitssystem?«, so die einführenden Fragen von Moderator Friedrich Fichtner von der BMC-Arbeitsgruppe Versorgungsforschung. Es gehe unter anderem um Standortentscheidungen, Zölle und Preise für innovative Arzneimittel.
Jasmina Kirchhoff vom Institut der Deutschen Wirtschaft in Köln sprach von »denkwürdigen Drohungen« und »sprichwörtlichen Grenzüberschreitungen« aus den USA. »Trump 2.0« stelle das Konzept »America first« jetzt »noch krasser« in den Mittelpunkt. »Donald Trump verfolgt einen Protektionismus in einer beispielhaften Weise, wie wir uns das lange Zeit nicht vorstellen konnten«, sagte sie auf dem BMC-Kongress. »In dieser Gemengelage geht es natürlich auch um das Thema Arzneimittel, um das Thema Gesundheitswesen, denn die USA prägen auch unseren Standort hier sehr stark.«
Es gebe drei Säulen der US-Politik für die Pharmaindustrie: Zunächst wolle Trump durch Zölle die Industrieproduktion wieder zurück in die USA ziehen. »Er verwendet Zölle vor allen Dingen auch als Machtinstrument. Er nennt Gründe der nationalen Sicherheit und er setzt sie als Strafmaßnahmen zur Durchsetzung politischer oder sonstiger Ziele ein«, sagte die Wirtschaftsexpertin.
Zweitens gehe es um das Prinzip der Most-favored-nation (MFN), mit dem Trump versuche, die Arzneimittelpreise in den USA per Dekret zu senken. In diesem Zusammenhang wolle er auch den Direktvertrieb durch seine Plattform »TrumpRX« stärken. Hier gebe es mehrere Deals mit Pharmaunternehmen.
Die dritte Säule umfasse, wie der US-Präsident und seine Regierung mit den dortigen Forschungs-, Entwicklungs- und Wissenschaftsstandorten umgehen. »Man spricht von einem Kampf gegen die Wissenschaft, die das Innovations-Ökosystem nicht nur in den USA, sondern weltweit verändert«, so die Expertin.
In den ersten drei Quartalen 2025 seien die deutschen Exporte gesamtwirtschaftlich gesehen um 8 Prozent eingebrochen. Generell würden ein Viertel der pharmazeutischen Exporte aus Deutschland in die USA wandern. Auch die Dollarabwertung habe einen Teil dazu beigetragen und sei ein Zeichen dafür, dass das Vertrauen in die USA sinke. Das spiegele sich auch in den Direktinvestitionen: Der Direktinvestitionsfluss für 2025 in Richtung USA sei deutlich eingebrochen.
Die USA seien lange Zeit eine Art »Hort der freien Wissenschaft« gewesen, führte Kirchhoff weiter aus. »Und das mit Erfolg, auch im biomedizinischen Bereich. Der Großteil der Patentanmeldungen der globalen Pharmaindustrie kommt aus den USA.« Das Land sei stärkster Pharmamarkt weltweit, eine »Weltmacht in medizinischer Innovation«, so Kirchhoff. Aus den USA kämen mehr neue chemische und biotechnologische Wirkstoffe auf den Markt als in jeder anderen Region. »In dieses erfolgreiche Innovations-Ökosystem haut Trump massiv rein. Ihre Stärke hacken sie sich gerade kurz und klein. Trump 2.0 rüttelt den gesamten Pharmastandort durcheinander.«
All das zusammen sei schon schlimm, aber viel schlimmer sei die Unsicherheit, die Donald Trump mit seiner Zollpolitik schüre: »Das ist Gift für die Unternehmen und damit auch schlecht für die USA. Es kann dazu führen, dass Markteintritte verzögert oder verhindert werden. Es besteht die Gefahr, dass in Zukunft weniger innovative Therapien entwickelt werden und auf den Markt kommen. Was das für uns bedeutet, kann man noch nicht sagen, weil es darauf ankommt, wie wir darauf reagieren.«
Professor Michael Thiede vom Wissenschaftlichen Institut der AOK (WIdO) erklärte, dass der Druck in Richtung Preiserhöhung sich auch auf die Risiken für die Versorgung übertrage. Trotzdem müsse man die Problematik sehr differenziert sehen. »Erstens vor dem Hintergrund des gegenwärtig noch recht gesunden globalen Umfelds für die Arzneimittelindustrie und den tatsächlichen Maßnahmen, die wir jetzt beobachten können und der Vielfalt des Marktes«, sagte er. Man müsse sich fragen, wo genau und welche Bedrohungen einerseits für das System und andererseits aber auch für den Innovationsstandort Deutschland entstehen.
»Wir nehmen das schon sehr ernst und versuchen zu identifizieren: Was sind die fundamentalen Themen, die dahinterliegen?«, gab Matthias Wernicke von Merck Healthcare zu verstehen. Es sei »fundamental richtig«, die Frage nach der richtigen Bepreisung für Innovationen zu stellen. Das zweite Thema sei, zu fragen: Wo wollen wir uns in Europa langfristig positionieren im Hinblick auf andere Großmächte? Gemeinsame Ansätze sind aus seiner Sicht wichtig. Drittens gebe es die Frage nach den unternehmerischen Opportunitäten, die Merck in Hinblick auf die US-Regierung und einen Deal genutzt habe.
Die Auswirkungen der US-Politik auf die Arzneimittelpreise seien aus GKV-Sicht ein »Spannungsfeld«: »Da existiert bereits enormer Druck im Kessel«, sagte Thiede, »55 Milliarden Euro Arzneimittelausgaben im Jahr 2025«. Doch man habe sich entschieden, den Weg mit dem AMNOG zu gehen. »Wenn den Produkten ein bestimmter Nutzen gegenübersteht, müssen wir auch als Solidargemeinschaft bereit sein, den Preis zu zahlen.
Wir kommen eigentlich nur weiter, wenn wir uns in Richtung Europa orientieren und die Herausforderung gemeinsam angehen.«
Aus Kassensicht sei das Preisthema zentral: »Da müssen wir die Köpfe zusammenstecken. Aber eine Blaupause habe ich aus Kassensicht auch nicht.« Aus GKV-Sicht sei es wichtig, dass Industriepolitik nicht auf Kosten der Beitragszahlenden betrieben werde. »Ich denke grundsätzlich, dass wir unser System als Ganzes nicht infrage stellen sollten. Wir haben ein solides System zur Bestimmung von Erstattungspreisen in der GKV, aber das muss sicher weiterentwickelt werden.«
Matthias Wernicke betonte, dass man sich die Frage stellen müsse, was ein gerechtfertigter Preis für ein Medikament sei, das Leben rettet. Er wünscht sich eine gewisse »Positivität gegenüber Innovationen«.
Jasmina Kirchhoff führte an, dass man sich ernsthaft darüber unterhalten müsse, wie mit den Arzneimittelpreisen umgegangen werde. Sie wolle das AMNOG »nicht über den Haufen werfen, das ist eine feine Sache«, sagte sie. »Aber wir müssen über Preise sprechen, sie spielen eine Rolle.« Sie erklärte weiter: »Wenn wir es nicht wollen oder nicht können, Preise anzugeben oder höhere Preise zu bezahlen, dann müssen wir uns überlegen, wie wir mit der Situation umgehen.« Man müsse sich die Frage stellen, was das für unser Gesundheitssystem und unsere Versorgung bedeutet. »Können wir unter der Gemengelage zukünftig die Versorgung, die wir aktuell jedem garantieren, auf dem neuesten Stand der Technik mit den innovativsten Produkten noch anbieten?« Diese Diskussion müsse geführt werden.
Doch es hänge nicht alles nur am Preis – auch Standortstärkung für die Pharmaindustrie müsse geschärft werden.