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Screening-Time-Debatte
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Gesündere Plattformen statt Verbote

Die Diskussion um die Regulierung sozialer Medien für Kinder und Jugendliche nimmt weltweit an Fahrt auf – ist aber komplex. Ein Neurowissenschaftler plädiert für gesündere Plattformen statt Verbote.
AutorKontaktJennifer Evans
Datum 23.02.2026  09:00 Uhr

Plattformen arbeiten mit Geschäftsmodellen, die darauf abzielten, Onlinezeiten zu verlängern und das Engagement mit den Plattformen zu erhöhen. Das hat der Neurowissenschaftler Professor Dr. Christian Montag von der Universität Macau in China bei einem Pressegespräch des »Science Media Center« betont.

Für Heranwachsende bedeutet das: Jede zusätzliche Minute am Bildschirm fehlt an anderer Stelle – bei Bewegung, sozialen Aktivitäten oder der Identitätsentwicklung. Diese sogenannte Displacement-Hypothese sei aber nur ein Baustein des Problems.

Hinzu kommt, dass Kinder und Jugendliche häufig auf nicht altersgerechte oder verstörende Inhalte stoßen. Gleichzeitig hätten algorithmisch verstärkte Schönheitsideale und Filtermechanismen Einfluss auf ihr Körperbild, so Montag. Zusammenhänge mit Unzufriedenheit oder Essstörungen seien bekannt. Auch Mobbing hat dem Experten zufolge in der digitalen Welt in Form von Cybermobbing eine andere Qualität. Was früher auf dem Schulhof endete, bleibe heute dauerhaft sichtbar und verbreite sich schnell.

Likes aktivieren das Belohnungssystem

Er weist darauf hin, dass neurowissenschaftliche Untersuchungen derzeit rar seien – nicht zuletzt, weil Plattformen ihre Datenschnittstellen seit dem Cambridge-Analytica-Skandal, bei dem die Firma Nutzerdaten unrechtmäßig analysierte, weitgehend geschlossen haben. Klar ist jedoch: Likes aktivieren das Belohnungssystem im Gehirn, was erklären könnte, warum sich Gewohnheiten so schnell verfestigten.

Grundsätzlich lasse sich nicht monokausal behaupten, die Nutzung sozialer Medien führe zu einer Psychopathologie, sagt Montag. Politische Forderungen nach Altersgrenzen zwischen 13 und 16 Jahren wirkten daher deplatziert – zumal sich Kinder unterschiedlich schnell entwickelten.

Statt pauschaler Verbote plädiert er für »gesündere Plattformen«, die ihre Algorithmen und Designs änderten, um so am Ende das Verhalten der jungen Nutzerinnen und Nutzer zu verändern. Zum Beispiel könnten sie nach eigener Zeit keine neuen Inhalte mehr anzeigen oder Minderjährige zu bestimmten Zeiten gewisse Angebote nicht mehr machen. Auch alternative Geschäftsmodelle jenseits der Aufmerksamkeitsökonomie und eine wissenschaftliche Begleitung jeder regulatorischen Maßnahme hält er für wichtig.

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