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Arzneistoff-Pipeline
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Fundierter Blick in die Kristallkugel

Welche innovativen Arzneistoffe werden zukünftig hierzulande die Therapieoptionen bereichern? Professor Dr. Manfred Schubert-Zsilavecz von der Goethe-Universität Frankfurt am Main stellte beim Fortbildungskongress Pharmacon in Meran aussichtsreiche Kandidaten vor.
AutorKontaktKerstin A. Gräfe
Datum 02.06.2025  14:00 Uhr

Als »sehr gute Botschaft« stellte der pharmazeutische Chemiker die EU-Zulassung eines neuen Medikaments zur Schizophrenie-Behandlung in Aussicht: die Fixkombination Xanomelin/Trospium (Cobenfy™). »Damit gibt es erstmals seit mehr als 50 Jahren wieder einen neuen, innovativen Ansatz in dieser Indikation«, betonte der Apotheker.

Die bisherige Behandlung mit Neuroleptika, die auf den Dopamin-Rezeptorantagonismus abzielt, sei aus therapeutischer Sicht unbefriedigend. Die verfügbaren Wirkstoffe zeigten variierende klinische Effekte bei den Positivsymptomen und nahezu keine Effekte bei den Negativsymptomen. Hinzu kämen belastende Nebenwirkungen wie motorische Störungen und Gewichtszunahme.

Mit Xanomelin verfolge man einen »Dopamin-freien Ansatz«: Der Wirkstoff wirke agonistisch an den muskarinischen Acetylcholinrezeptoren M1 und M4. Diese Rezeptoren sind in ähnlichen Gehirnregionen vorhanden, in denen auch dopaminerge Neuronen vorkommen und in denen die Positiv- und Negativsymptome verortet werden. Als Kombinationspartner brauche es den aus der Urologie bekannten und ausschließlich peripher wirkenden Muskarin-Rezeptorantagonisten Trospiumchlorid, um dort die Nebenwirkungen abzumildern.

Dass das Prinzip in der Praxis überzeugt, zeigte der Referent anhand der Phase-III-Studie EMERGENT-2, die in den USA vergangenes Jahr zur Zulassung geführt hatte. Demnach zeigt Cobenfy gegenüber Placebo statistisch und klinisch signifikante Verbesserungen der Positiv- und der Negativsymptomatik. Nebenwirkungen wie motorische Störungen und Gewichtszunahme waren in beiden Gruppen vergleichbar.

Innovativer Ansatz bei Hämophilie

Mit der small interfering RNA Fitusiran (Qfitlia™) von Alnylam könne zukünftig auch hierzulande »ein super spannendes Wirkprinzip« die Therapieoptionen zur Behandlung von Hämophilie A oder B ergänzen. In den USA ist der Wirkstoff seit März dieses Jahres zugelassen. Fitusiran ersetze nicht wie andere Arzneimittel fehlende Gerinnungsfaktoren, sondern gehört wie Marstacimab und Concizumab zu den Rebalancing-Strategien. Während Letztere den Faktor TFPI als Target haben, hat Fitusiran den physiologischen Gerinnungshemmstoff Antithrombin als Zielstruktur.

»Fitusiran bindet an die für Antithrombin codierende mRNA, wodurch diese abgebaut wird und nicht mehr für die Proteintranslation zur Verfügung steht«, erklärte Schubert-Zsilavecz den generellen Wirkmechanismus von RNAi-Therapeutika. So werde gezielt die Bildung des Gerinnungshemmstoffs verhindert. Galenisch »tricky«: Fitusiran sei mit einem Liganden ausgestattet, der es in die Leber dirigiert, wo die Antithrombin-Synthese stattfindet.

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