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Typ-1-Diabetes
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Früherkennung ist möglich und sinnvoll

Diabetes Typ 1 ist eine der häufigsten Stoffwechselerkrankungen von Kindern. Der Nachweis von Biomarkern erlaubt eine Diagnose vor Ausbruch der Krankheit, zeigt die Fr1da-Studie. Warum ist Früherkennung so wichtig?
AutorKontaktBrigitte M. Gensthaler
Datum 19.02.2026  11:00 Uhr

In Deutschland leben etwa 35.000 Kinder und Jugendliche mit Typ-1-Diabetes (T1D). Nach Daten des Robert-Koch-Instituts erkrankten im Jahr 2022 etwa 4700 Kinder und Jugendliche neu daran, Jungen etwas häufiger als Mädchen. Bis zu 90 Prozent der Betroffenen haben keinen nahen Verwandten mit T1D.

»Die Inzidenz des T1D bei Kindern und Jugendlichen steigt um 3 bis 4 Prozent pro Jahr«, berichtete Professor Dr. Anette-Gabriele Ziegler, Direktorin des Instituts für Diabetesforschung am Helmholtz-Zentrum München, kürzlich bei einer Pressekonferenz von Sanofi in München. »Etwa 40 Prozent der Kinder im Frühstadium bekommen innerhalb von fünf Jahren einen insulinpflichtigen T1D.«

Meistens entgleist der Stoffwechsel abrupt und die Diagnose kommt scheinbar aus heiterem Himmel. Doch inzwischen kann man den Autoimmunprozess lange vor der Manifestation durch Biomarker im Blut nachweisen. Vier Inselautoantikörper, die insulinproduzierende Betazellen zerstören, kündigen einen T1D an. Sie sind gegen Insulin (IAA), Glutamat-Decarboxylase (GADA), Tyrosin-Phosphatase (IA2A) und gegen den Zinktransporter 8 (ZnT8-A) gerichtet.

»Der Nachweis von mindestens zwei Autoantikörpern ist ein sicheres Diagnosekriterium für T1D«, berichtete Ziegler. Nahezu 100 Prozent der Betroffenen entwickelten tatsächlich einen Diabetes.

240.000 Kinder in der Fr1da-Studie

Den Biomarkernachweis nutzt die von Helmholtz Munich initiierten Fr1da-Studie. Seit 2015 wird allen Kindern von zwei bis zehn Jahren ein Screening auf Diabetes angeboten; zunächst begrenzt auf Bayern und inzwischen ausgeweitet auf die Bundesländer Sachsen, Niedersachsen, Hamburg, Bremen, Hessen und Rheinland-Pfalz. Rund 240.000 Kinder wurden in der Fr1da-Studie seitdem getestet und etwa 730 Kinder im diabetischen Frühstadium (0,3 Prozent) entdeckt. Bei einem positiven Test werde differenziert in Stadium 1 und 2. »80 Prozent waren im Stadium 1, die anderen im Stadium 2«, so Ziegler.

Im Stadium 1 ist der Stoffwechsel normoglykämisch, während im Stadium 2 bereits eine gestörte Glucosetoleranz vorliegt und die Betazellmasse deutlich abnimmt. Bei klinischen Symptomen und messbarer Hyperglykämie spricht man von Stadium 3 und bei insulinpflichtigem Langzeit-T1D von Stadium 4.

Wann ist das beste Alter für ein Screening? Ziegler warb für eine zweimalige Testung im Alter von drei und von sieben Jahren. »Das hat die höchste Trefferquote und man entdeckt die meisten Kinder vor Komplikationen wie einer diabetischen Ketoazidose (DKA).« Denn die Autoimmunprozesse begännen oft schon mit zwei Jahren. Nur bei einer Früherkennung sei eine Immuntherapie, zum Beispiel mit dem jetzt zugelassenen Antikörper Teplizumab, möglich. »Die Immuntherapie verzögert die Manifestation um zwei bis drei Jahre.«

Es gibt einen weiteren Nutzen. »Je mehr Betazellaktivität ab Stadium 3 vorhanden ist, umso besser lässt sich der Blutzucker langfristig einstellen und das Risiko für DKA, schwere Hypoglykämien und Langzeitschäden ist geringer.«

Früherkennung soll in die U-Untersuchungen

Ab Mai 2026 können auch Kinder in Nordrhein-Westfalen, Berlin, Sachsen-Anhalt, Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern kostenlos an der Fr1da-Studie teilnehmen, kündigte die Studienleiterin an. »Wir streben die Ausweitung des Screenings auf ganz Deutschland und vor allem die Aufnahme in die Kinder-Vorsorgeuntersuchungen an.« Die Krankenkassen müssten die Kosten der Früherkennung übernehmen.

Denkbar wäre zudem die Einbeziehung der Antikörpertests in eine J-Untersuchung und eine Vorsorgeuntersuchung im frühen Erwachsenenalter. Das hat für Ziegler aber keine Priorität. »Da der Autoimmunprozess vor allem in jungen Jahren und seltener im Erwachsenenalter startet , erreicht man mit dem Screening im Kindesalter die meisten Patienten im Prädiabetes.«

An der Studie »Fr1da-Studie für Verwandte« können deutschlandweit bereits jetzt alle Personen zwischen 1 und 21 Jahre teilnehmen, wenn sie einen nahen Verwandten mit T1D haben.

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