Auf Chromosom 21 liegt das Gen für das Amyloid-Vorläuferprotein (APP). Durch die dreifache Kopie bei Menschen mit Down-Syndrom wird APP übermäßig produziert, was mit der Zeit zu einer Anhäufung von β-Amyloid führt. / © Getty Images/Aiman Dairabaeva
Viele Menschen mit Down-Syndrom leben auch als Erwachsene noch bei ihren Eltern. Beim Auftreten der Alzheimer-Demenz haben diese dann meist selbst schon ein höheres Alter und sind mit Symptomen wie nächtlicher Aktivität, Verwirrtheit oder Aggressivität konfrontiert. »Das sind ganz prekäre Lebenssituationen«, berichtet Christina Kuhn von »Demenz Support Stuttgart – Zentrum für Informationstransfer« von Erfahrungen aus der angeschlossenen Selbsthilfegruppe.
Auch in anderen Wohnformen spielen sich oft Dramen ab. In ambulant betreuten Wohngruppen etwa bekommen Angehörige laut Kuhn »oft die Pistole auf die Brust gesetzt: ›Das geht nicht mehr, der Pflegeaufwand ist zu groß‹«. Also müssen sie eine andere Wohnform suchen oder ihre Verwandten in die Häuslichkeit zurückholen. Selbst in Wohnheimen für Menschen mit Behinderung ist tagsüber oft kaum Personal vorgesehen, weil die Bewohner üblicherweise ihrer Arbeit in den Werkstätten nachgehen.
Letztlich landen viele Betroffene deshalb in ganz normalen Pflegeheimen – die aber meist überhaupt nicht darauf eingestellt sind, dass ein kräftiger 50-Jähriger mit kognitiven Einschränkungen und beispielsweise großem Bewegungsdrang, Zwangsstörungen oder Weglauftendenz zwischen bettlägerigen Hochbetagten lebt.
Die Folge: Vielerorts werden die Betroffenen mit Medikamenten ruhig gestellt, wie auch Levin bestätigt: »Menschen mit Down-Syndrom erhalten in Deutschland sehr viel weniger normale Demenzmedikamente als die Normalbevölkerung, aber sehr, sehr viel mehr Tranquilizer und Psychose-Medikamente. Das ist im Einzelfall überhaupt nicht böswillig, aber es zeigt, dass unser System nicht auf diese Menschen ausgerichtet ist – also im Grunde genommen ein Systemversagen.«
Ein weiteres Problem sei strukturelle Gewalt, befeuert durch den Pflegenotstand. »Wenn sich jemand mit Trisomie 21 auf den Boden schmeißt, weil er nicht gewaschen werden will, dann wird er mit zwei Leuten hochgehoben, weil heute Duschtag ist – und dann wird das gemacht«, schildert Gabriela Koslowski, die Heime im Umgang mit Betroffenen schult.
Bewohner würden auch aus Personalmangel einfach ins Bett gesteckt, obwohl sie noch aufbleiben wollten. Sie habe sogar schon erlebt, dass Uhren vorgestellt und Schlafende um 3.00 Uhr »morgens« zum Waschen aus dem Bett gerissen wurden, weil das Personal das Pensum anders nicht bewältigen konnte.
Zwar gibt es durchaus vorbildliche Einrichtungen. Aber: »Wir haben aufgrund des Pflegenotstands Strukturen, wo die Menschen funktionieren müssen, ohne dass da Rücksicht auf deren Bedürfnisse und Gefühle genommen wird«, betont Koslowski. Gerade bei Menschen mit kognitiven Einschränkungen würden diese häufig übergangen. Ein No-Go, betont die psychologische Beraterin: »Es gilt immer noch das Recht auf Selbstbestimmung!«