Doch warum ist die Zahl der Pflegebedürftigen in den vergangenen Jahren so stark gestiegen, noch bevor Scharen von Babyboomern aus dem Arbeitsleben ausscheiden? Eine Hauptursache waren die »Pflegestärkungsgesetze« der Jahre 2015 und 2017. Seither gilt nicht mehr nur als pflegebedürftig, wer körperlich gebrechlich ist, sondern auch Menschen mit »gesundheitlich bedingten Beeinträchtigungen der Selbstständigkeit oder der Fähigkeiten«.
In die Alltagssprache übersetzt bedeutet das im Wesentlichen, dass auch Demenz und seelische Erkrankungen Pflegegründe sind. Das würde auch ganz ohne demografischen Wandel höhere Kosten nach sich ziehen. Die deutsche Politik hat nach Einschätzung von Fachleuten einerseits die Leistungen ausgeweitet und andererseits finanziell nicht ausreichend vorgesorgt.
Trotz wachsender Herausforderungen angesichts des demografischen Wandels warnt der Sozialverband Deutschland (SoVD) vor einer zunehmenden Monetarisierung des Pflegesektors. »Wenn sich am Ende alles um Renditen dreht, ist die Gefahr groß, dass diejenigen in den Hintergrund rücken, um deren Wohl es geht: Patientinnen und Patienten und die zu Pflegenden«, mahnte die SoVD-Vorstandsvorsitzende Michaela Engelmeier. »Wenn Gesundheit und Pflege in Konkurrenz zu wirtschaftlichen Belangen geraten, sind Interessenskonflikte vorprogrammiert – hiermit macht man keine Geschäfte.«
Gesetzlich sind eigentlich die Länder für die Infrastruktur in der Pflege verantwortlich. »Dieser Verpflichtung kommen sie nicht in ausreichendem Maß nach«, sagt Katharina Owczarek, Referentin für stationäre Altenhilfe bei der Diakonie Deutschland. Das Geld für Neuinvestitionen fehle. »Die wirtschaftliche Situation der diakonischen Pflegeeinrichtungen ist insgesamt sehr angespannt«, sagt Owczarek. »Zentrale Herausforderung für unsere Träger ist daher nicht der Neubau von stationären Pflegeeinrichtungen, sondern der Erhalt der Bestandseinrichtungen und ihrer Plätze.«
Die Bedeutung privater Anbietenden habe in den vergangenen Jahren kontinuierlich zugenommen, sagt die Ökonomin Dörte Heger, frühere Hauptautorin des Pflegeberichts des RWI Essen und heute Professorin an der Hochschule Bochum. Sie erwarte lediglich eine langsame Fortsetzung dieses Trends.
Die finanziell bedrängten Länder werden nach Einschätzung der Gesundheitsökonomin auch künftig zu wenig Geld zur Verfügung stellen. »Meiner Meinung nach wird die je nach Bundesland ohnehin sehr unterschiedliche Investitionsförderung zu knapp ausfallen, um den Pflegebedarf zu decken. Es bleibt damit freigemeinnütziges und privates Kapital.«, so Heger.
So deutet derzeit vieles darauf hin, dass am Ende die alten Menschen und deren Familien selbst mitzahlen müssen: Für daraus resultierende höhere Investitionskosten hätten nach aktueller Regelung die Pflegebedürftigen und gegebenenfalls deren Angehörige aufzukommen, sagt Heger.