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Zulassungsempfehlung
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Erstes Medikament für Patienten mit Thymidinkinase-2-Defizit

Die Europäische Arzneimittelbehörde EMA empfiehlt, die Kombination von Doxecitin und Doxribtimin (Kygevvi™; UCB Pharma) für bestimmte Patienten mit genetisch bestätigtem Thymidinkinase-2-Mangel zuzulassen. Bislang gibt es keine spezifische Therapie für diese Patienten.
AutorKontaktBrigitte M. Gensthaler
Datum 03.02.2026  08:00 Uhr

Die Thymidinkinase-2-Defizienz (TK2d) ist eine sehr seltene, lebensbedrohliche genetische Erkrankung, die weniger als ein Person von einer Million Menschen betrifft. Sie wird durch Mutationen im Thymidinkinase-2-Gen (TK2) verursacht. Aufgabe des Enzyms TK2 ist das Anhängen von Phosphatgruppen an die Nukleoside Thymidin und Cytidin, sodass Desoxythymidin- und Desoxycytidin-Monophosphat als Bausteine der Erbsubstanz DNA gebildet werden. Ist TK2 aufgrund von Mutationen fehlerhaft, können die mitochondriale DNA (mtDNA) und somit die Mitochondrien nicht richtig funktionieren. In der Folge produzieren die Muskeln nicht genügend Energie, was zu einer fortschreitenden Myopathie (Muskelschwäche), zu Atembeschwerden und zum Verlust von Motorik und Gehfähigkeit führt. Die Lebenserwartung ist verkürzt.

Die Erbkrankheit wird den primären mitochondrialen Myopathien zugeordnet. Es gibt unterschiedliche Verlaufsformen und Schweregrade. Da es keine zugelassene Behandlung gibt, beschränkt sich die Versorgung der Patienten auf supportive Maßnahmen wie Ernährung über eine Magensonde sowie Unterstützung der Bewegung durch Physiotherapie und der Atmung mit einem Beatmungsgerät.

Die Zulassungsempfehlung für Doxecitin und Doxribtimin (Kygevvi™; Pulver zur Herstellung einer Lösung zum Einnehmen (2 g/2 g), UCB Pharma) bezieht sich auf Patienten, bei denen die Erkrankung im Alter von zwölf Jahren oder früher auftrat. Die körpergewichtsbezogene Tagesdosis wird (oral oder per Sonde) in drei gleichen Dosen im Abstand von sechs bis acht Stunden mit Nahrung gegeben.

Studien an Tiermodellen deuten darauf hin, dass die Pyrimidin-Nukleoside Doxecitin (Desoxycytidin) und Doxribtimin (Desoxythymidin) in die mtDNA in Muskelzellen eingebaut werden, was die Produktion und Aufrechterhaltung der mtDNA verbessert. Auf diese Weise soll das Medikament die verminderte TK2-Aktivität kompensieren und das Fortschreiten der Krankheit bremsen.

Motorik und Lebenserwartung verbessert

Die Empfehlung der EMA basiert auf Daten einer retrospektiven Auswertung von Krankenakten und einer einarmigen klinischen Phase-II-Studie (NCT03845712) mit 39 Patienten mit TK2d und Krankheitsbeginn im oder vor dem Alter von zwölf Jahren. Die Wirkung wurde durch einen intraindividuellen Vergleich grundlegender motorischer Fähigkeiten vor und nach der Behandlung bewertet. Unter der Medikation erlangten 84 Prozent der Patienten eine oder mehrere motorische Fähigkeiten zurück. Die häufigsten Nebenwirkungen waren Durchfall, Erbrechen und Bauchschmerzen.

Nach Angaben von UCB sinkt das Gesamttodesrisiko ab Behandlungsbeginn um etwa 86 Prozent. Bei den 78 behandelten Patienten, die in die Überlebensanalyse einbezogen wurden, begannen die TK2d-Symptome im Alter von median 1,5 Jahren und die mediane Dauer der Behandlung betrug vier Jahre.

In den USA zugelassen

Der Ausschuss für Humanarzneimittel (CHMP) der EMA empfiehlt die Zulassung für Kygevvi in Europa unter außergewöhnlichen Umständen; das Unternehmen muss weitere Daten zur Sicherheit und Wirksamkeit vorlegen. Kygevvi wurde durch das PRIority MEdicines (PRIME)-Programm der EMA unterstützt; dieses fördert Arzneimittel, die das Potenzial haben, einen ungedeckten medizinischen Bedarf zu decken.

Die Food and Drug Administration (FDA) hat das Medikament im November 2025 zugelassen zur Behandlung von Erwachsenen und pädiatrischen Patienten mit Thymidinkinase-2-Mangel, bei denen die Erkrankung im Alter von zwölf Jahren oder früher auftrat. Es ist auch in den USA die erste und einzige zugelassene Behandlung für TK2d-Patienten.

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