| Theo Dingermann |
| 10.03.2026 16:20 Uhr |
Bewegung aus freiwilligen Stücken und in der Freizeit: Das können sich vor allem Menschen in wohlhabenden Ländern leisten. Sie sollten die Gelegenheit noch mehr nutzen. / © Adobe Stock/Kzenon
Körperliche Inaktivität zählt zu den bedeutendsten vermeidbaren Gesundheitsrisiken weltweit. Schätzungsweise 7,2 Prozent aller Todesfälle pro Jahr sind auf Bewegungsmangel zurückzuführen. Dennoch wird körperliche Aktivität im öffentlichen Gesundheitsdiskurs häufig noch primär im Kontext von Adipositas und kardiometabolischen Erkrankungen diskutiert. Doch diese Perspektive greife zu kurz, argumentieren Forschende um Professor Dr. Deborah Salvo von der University of Texas in Austin. Körperliche Aktivität sollte stärker als bisher als multidimensionaler Gesundheitsfaktor gesehen werden, der auch für Infektionskrankheiten, psychische Gesundheit, Krebsprävention sowie gesellschaftliche und ökologische Herausforderungen relevant ist.
Die Gruppe wertete Daten des Surveillanceprogramms STEPS der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zur Überwachung von Risikofaktoren für nicht übertragbare Krankheiten aus 68 Ländern aus und publizierte die Ergebnisse im Fachjournal »Nature«. Im STEPS-Programm werden körperliche Aktivitäten in drei Domänen unterteilt:
Etwa ein Drittel der Erwachsenen und der Großteil der Jugendlichen erreichen heute weltweit nicht die von der WHO empfohlenen Aktivitätsniveaus. Während in wohlhabenden Ländern insgesamt häufiger Bewegungsmangel vorliegt, stammen dort größere Anteile körperlicher Aktivität aus frei gewählten Freizeitaktivitäten. In Ländern mit niedrigerem Einkommen hingegen entsteht körperliche Aktivität überwiegend durch Arbeit oder Transport. Der Anteil von Freizeitaktivität ist dort gering und liegt in vielen Fällen unter 10 Prozent der gesamten Aktivität, wohingegen in reichen Ländern der Freizeitaktivität mehr als 30 Prozent der gesamten Aktivität ausmachen kann.
Besonders ausgeprägt sind soziale und geschlechtsspezifische Unterschiede. Männer und Personen mit höherem sozioökonomischem Status erreichen deutlich häufiger die WHO-Bewegungsempfehlungen durch Freizeitaktivitäten als Frauen und sozial benachteiligte Gruppen. Besonders groß wird diese Lücke, wenn Geschlecht, Einkommen und nationale Wirtschaftskraft kombiniert in die Analyse einbezogen werden. Dann ergibt sich eine Differenz hinsichtlich Freizeitaktivitäten zwischen wohlhabenden Männern in reichen Ländern und armen Frauen in armen Ländern von rund 40 Prozentpunkten.
Neben der Analyse sozialer Ungleichheiten fasst die Arbeit auch den aktuellen Forschungsstand zu gesundheitlichen Effekten körperlicher Aktivität jenseits kardiometabolischer Erkrankungen zusammen. Danach zeigen mechanistische und epidemiologische Studien, dass regelmäßige Bewegung das Immunsystem stärkt. Körperliche Aktivität verbessert unter anderem die Immunüberwachung, fördert eine günstigere Immunzellzusammensetzung und reduziert chronische Entzündungsprozesse.
Zudem belegt die umfangreiche Studienlage einen präventiven und therapeutischen Effekt körperlicher Aktivität bei Depressionen. Eine Metaanalyse prospektiver Kohortenstudien mit mehr als zwölf Millionen Personenjahren zeigte, dass bereits die Hälfte des empfohlenen Aktivitätspensums mit einem um 18 Prozent geringerem Depressionsrisiko verbunden ist, während sich bei Erreichen der WHO-Empfehlungen das Risiko um etwa 25 Prozent reduziert.
Schließlich belegen Studien deutliche Zusammenhänge zwischen körperlicher Aktivität und Krebsprävention sowie Überlebensraten bei Krebserkrankungen. Eine hohe körperliche Aktivität resultiert in einem etwa 10 bis 20 Prozent niedrigeren Risiko für mehrere Tumorarten, darunter Brust-, Darm- und Endometriumkarzinome. Auch bei bereits diagnostizierten Krebserkrankungen ist Aktivität mit einer besseren Prognose verbunden.
Auf Basis dieser Ergebnisse schlagen die Forschenden eine Neukonzeption der Rolle körperlicher Aktivität im öffentlichen Gesundheitswesen des 21. Jahrhunderts vor. Im Zentrum steht der Begriff »physical activity for health and wellbeing«. Darunter verstehen die Forschenden körperliche Aktivitäten, die unter sicheren, freiwilligen und würdevollen Bedingungen möglich sind und ganzheitlich die Gesundheit fördern. Dies ist eine klare Abgrenzung von Aktivitäten, die unter gesundheitsschädlichen oder ökonomisch erzwungenen Bedingungen erfolgen, wie dies für gefährliche körperliche Arbeit gilt.
Vorgeschlagen wird demnach ein Modell, das soziale Determinanten von Gesundheit, politische Rahmenbedingungen sowie planetare Faktoren wie Klimawandel integriert. Öffentliche Gesundheitsstrategien, so die Forschenden, sollten nicht nur individuelle Bewegung fördern, sondern auch gerechte Zugänge zu sicheren Bewegungsräumen und aktiver Mobilität schaffen.
Das Science Media Center greift diesen Bericht auf und weist darauf hin, dass das Problem auch in Deutschland besteht. In Deutschland werde Bewegung zwar durch verschiedene staatliche und nicht staatliche Einrichtungen gefördert, darunter Bonusprogramme oder Präventionskurse der Gesetzlichen Krankenversicherung und steuerlich bezuschusste betriebliche Gesundheitsförderung. Dennoch liege Deutschland im aktuellen Ranking des Public Health Index zum Umsetzungsstand wissenschaftlich empfohlener Präventionsmaßnahmen verglichen mit anderen europäischen Ländern im Bereich Bewegung nur im unteren Mittelfeld.
Dazu sagt Dr. Sven Messing, wissenschaftlicher Mitarbeiter im WHO-Kooperationszentrum für Bewegung und Gesundheit an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg: »Unsere Daten weisen auf ein grundsätzliches Problem in Deutschland hin: Zum einen gibt es wissenschaftliche Pilotprojekte, die nachweislich Bewegung fördern, aber in der Regel eine geringe Reichweite haben. Zum anderen gibt es großflächige Maßnahmen mit einer hohen Reichweite, für die aufgrund fehlender Evaluationen unklar ist, in welchem Umfang sie Bewegung fördern. Nur wenigen Maßnahmen gelingt es, beide Aspekte – hohe Reichweite und nachgewiesene Wirksamkeit für Bewegungsförderung – miteinander zu verbinden.«