| Jennifer Evans |
| 16.02.2026 08:00 Uhr |
Ein Makel, den es früher nicht gab: Sogar Königin Elisabeth I. wird oft mit hoher Stirn und haarlosen Schläfen dargestellt, hier im Gemälde von George Gower aus dem Jahr 1588. / © akg-images
Die meisten Frauen leiden stark darunter, wenn ihr Haar dünner wird oder gar ausfällt. Denn Haarausfall besitzt auch eine psychologische Dimension. Volles Haar wird mit Jugend, Gesundheit, Schönheit und Weiblichkeit assoziiert. Geht es verloren, leidet häufig das Selbstwertgefühl. Die Angst vor sozialer Ablehnung kann Betroffene zusätzlich verunsichern. Emotionaler Stress und Selbstzweifel können Frauen schließlich in den sozialen Rückzug drängen.
In früheren Jahrhunderten war die Wahrnehmung von Haarausfall jedoch eine andere. Wie einige Kunstwerke belegen, herrschte teils eine neutralere, mitunter sogar positive Haltung gegenüber Alopezie bei Frauen. In religiösen oder mythischen Darstellungen idealisiere man die Kahlheit bisweilen als göttlich, wie Dr. Glen Jankowski, Assistenzprofessor für Gesundheits- und Sozialpsychologie am University College Dublin, auf der Wissenschaftsplattform »The Conversation« schreibt.
Als Beispiel nennt er das Gemälde »Madonna mit Kind« aus dem 15. Jahrhundert von Carlo Crivelli. Das blonde Haar der Madonna ist an den Schläfen deutlich zurückgegangen. Auch im Werk »Madonna und Maria Magdalena« von Cosmè Tura um 1490 findet sich die Verbindung zwischen Alopezie und Göttlichkeit wieder: Der Künstler malte sowohl Mutter als auch Kind mit markanten Stirnen. Alopezie sei mit dem Göttlichen verknüpft worden, weil sie den Blick von der äußeren Erscheinung hin zu spirituell tiefgründigeren Prioritäten lenke, so Jankowski.
Ebenfalls zeigt eine altägyptische Darstellung im Grab des Pharaos Echnaton, der von 1351 bis 1334 vor Christus regierte, zwei seiner Töchter nackt und mit kahlen Köpfen. Glatzen, Kopfrasuren sowie das Tragen von Perücken seien damals weitverbreitet gewesen, schreibt der Wissenschaftler. Die alten Ägypter hätten sogar unterschiedliche Begriffe für weibliche und männliche Alopezie gekannt.
Im Europa des Mittelalters und der Renaissance waren zurückgesetzte Stirnhaarlinien mehr als nur ein modischer Trend, sondern galten zudem als Zeichen von Intelligenz. Selbst die englische Königin Elisabeth I. taucht in Gemälden häufig auf diese Weise auf. Ein undatiertes Ölporträt aus dem 16. Jahrhundert beispielsweise zeigt sie in einem mit Juwelen besetzten Gewand, mit perlenverziertem Schleier und auffallend hoher Stirn.
Vor diesem historischen Hintergrund bedauert Jankowski, dass Alopezie in der heutigen Gesellschaft überwiegend als behandlungsbedürftige Krankheit wahrgenommen wird. Er plädiert dafür, die Sichtweise zu überdenken.